Maschinenbauer trifft Digitalagentur 05.07.2017, 15:00 Uhr

Warum Voith sich an Ray Sono beteiligt

Der Maschinen- und Anlagenbauer Voith hat die Mehrheit der Digitalagentur Ray Sono übernommen. Über die Motive und die Chancen dieser Zusammenarbeit sprechen die beiden Vorstände im Interview.
Roland Münch, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Voith Digital Solutions
(Quelle: Voith GmbH)
Aperto, Ecx.io und SinnerSchrader ­haben es vorgemacht und sich starke Partner gesucht: Die ersten beiden entschieden sich für IBM, SinnerSchrader für das Beratungsunternehmen Accenture. Nun ist die Münchner Agentur Ray Sono dem Beispiel gefolgt und hat die Mehrheit abgegeben - allerdings mit der Voith GmbH an einen namhaften Partner aus der Industrie.
Der Maschinen- und Anlagenbauer will gemeinsam mit Ray Sono unter dem Dach der Agentur einen neuen Geschäftsbereich für industrienahe Digitalisierungslösungen aufbauen. Voith nimmt dabei die Rolle eines Pilotkunden ein. Die Ray Sono agiert weiterhin eigenständig am Markt, die Führung bleibt an Bord. INTERNET WORLD Business hat mit den Vorständen über Motive und ­Ziele für die Beteiligung gesprochen.
Die Voith GmbH ist bekannt für Maschinen- und Anlagenbau. Jetzt haben Sie sich mit 60 Prozent an der Digitalagentur Ray Sono beteiligt. Warum?
Roland Münch
: Um das zu erklären, muss ich ein bisschen ausholen. Wir haben schon vor zwei Jahren angefangen, uns ­intensiv mit dem Thema Digitalisierung zu beschäftigen. Ausgangspunkt war der Gedanke, dass all das, was wir in unserer privaten Welt erleben - mit dem iPhone, bei Amazon, mit Information anytime everywhere - auch in den Industriebereich hineinschwappt. Und wir haben uns gefragt, wie wir einerseits daran partizipieren können und andererseits das Risiko minimieren, dass uns die Disruption treffen wird. Deswegen haben wir den neuen Konzernbereich Digital Solutions gegründet. Dort haben wir unsere gesamten ­Automatisierungsaktivitäten mit ungefähr 1.000 Mitarbeitern und unsere gesamte IT zusammengezogen. In der Folge haben wir verstärkt bei unseren Kunden den ­Design-Thinking-Prozess angewendet. Ziel war und ist, Problemlösungen und neue Ideen zu finden, die aus Sicht unserer Kunden überzeugen. Das heißt, wir sind zu unseren Kunden gegangen und haben sie sehr ausführlich befragt. Dabei sind wir auf Themen gestoßen, bei denen wir mit neuen Geschäftsmodellen einen wirklichen Unterschied machen können. Ein solches Thema war immer wieder die Einfachheit der Bedienung. Unsere Kunden haben uns immer wieder gesagt: Wir brauchen viel bessere Benutzeroberflächen. Beide Themen, Design Thinking und bessere User Experience, haben uns sehr infiziert und beides finden wir in einer enormen Kompetenz bei Ray Sono wieder, ­sodass dieses Zusammengehen aus unserer Sicht unglaublichen Sinn macht.

"Die Fähigkeiten von Ray Sono haben uns sehr beeindruckt"

Warum fiel Ihre Wahl gerade auf Ray Sono?
Münch:
Weil uns die Fähigkeiten von Ray Sono wie eben die Kompetenzen beim ­Design-Thinking-Prozess sehr beeindruckt haben. Zum anderen fanden wir das Portfolio aus vielen Industriekunden wie MAN, Miles & More und Deutsche Bahn auf der einen Seite bis hin zu Kunden aus dem Endkundengeschäft wie etwa McDonald’s auf der anderen Seite enorm attraktiv. Systeme werden umso benutzerfreundlicher, je näher sie am Endkunden sind. Wir haben oft zu sehr unsere große Maschine vor Augen; der Mensch, der sie bedient, rückt da manchmal ein bisschen in den Hintergrund. Und das ist bei den Kollegen von Ray Sono genau umgekehrt. Da steht der Mensch im Vordergrund, der mit den Systemen agiert. Aber auch unsere Kunden werden sich irgendwann einfach wehren, mit unkomfortablen Systemen zu arbeiten. Daher glauben wir, dass unsere Zusammenarbeit sehr befruchtend sein wird.
Schauen wir auf die andere Seite: Ray Sono ist seit 25 Jahren auf dem Markt aktiv, Sie liegen auf Platz 21 im BVDW-Ranking der Digitalagenturen. Warum haben Sie sich für die Beteiligung durch Voith entschieden? 
Thomas Helbing, Vorstand der Agentur Ray Sono
Quelle: Ray Sono
Thomas Helbing:
Im Agenturgeschäft ist das Thema Digitalisierung immer wichtiger geworden. Zudem nehmen die Anfragen, die an uns gestellt werden, sowohl in der Komplexität als auch im Umfang immer mehr zu. Als Agentur muss man sich daher entscheiden, ob man als Spezialdienstleister auf diesem Niveau bleiben oder sich auf Wachstum und die Bewältigung komplexer Projekte ausrichten will. Wir haben uns für Wachstum entschieden. Und dann stellt sich die Frage, wie ich Wachstum managen kann. Im Agenturmarkt sind ja gerade starke Konsolidierungstendenzen sichtbar, und wir hatten das Glück, dass wir mit vielen potenziellen Partnern sprechen konnten, von Finanz­investoren über Agenturnetzwerke bis hin zu Unternehmensberatungen. Uns waren zwei Dinge wichtig: Unser Unternehmen lebt von einer wertebasierten Kultur und einem besonderen Portfolio-Mix an B2C- und B2B-Kunden und -Themen, deswegen glauben wir nicht an eine 100-Prozent-Integration in ein anderes Unternehmen. Außerdem ist eine stärkere Nähe zur Industrie für uns technologisch und fachlich extrem interessant. Bei Voith als sehr wertebasiertem Familienunternehmen haben wir uns sehr schnell wohlgefühlt. Durch die innovative Beteiligungsstruktur können wir unsere Kernkompetenzen, unsere DNA behalten und Voith gleichzeitig bei der Digitalisierung unterstützen. 
Wie soll die Beteiligung konkret umgesetzt werden?
Münch:
Wir übernehmen 60 Prozent der Agentur. Damit haben wir ganz ­bewusst eine Struktur gewählt, in der die Herren, die Ray Sono aufgebaut haben, mit einem großen Anteil daran dabei bleiben. Für uns ist sehr wichtig, dass Ray ­Sono seine Charakteristika, seine große Bandbreite an B2C- und B2B-Kunden auch in Zukunft behält. Denn genau dadurch entsteht das Wissen, das wir an Ray  Sono so schätzen. Insofern werden wir die Agentur unternehmerisch begleiten und über den Aufsichtsrat führen, aber Ray Sono soll auf ­jeden Fall seine Eigenständigkeit bewahren. Und wir als Voith werden strategische Aufträge bei Ray Sono platzieren. 
Helbing: Für uns war es sehr zentral, ­unsere Eigenständigkeit zu behalten, weil wir an das Erfolgsmodell eines digitalen Dienstleisters glauben. Jemanden zu finden, der bereit ist, in ein innovatives Kooperationsmodell einzusteigen, ist etwas ganz Besonderes und für uns eine großartige Chance. Im Prinzip reiht sich Voith in eine Reihe mit unseren großen Kunden ein. Wir werden also insofern ganz konkret in Projekten zusammenarbeiten und dabei auch in neue Themen wie das Internet of Things oder Industrie 4.0 hineingehen. 



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