Workplace im Wandel
25.01.2020, 11:01 Uhr

Nachholbedarf beim Arbeitsplatz 4.0

Die Arbeitswelt entwickelt sich rasant. Viele Beschäftigte haben aber noch immer einen fest zugeteilten Arbeitsplatz. Ist das noch zeitgemäß? Experten sind sich einig: Firmen, die ihre Arbeitsplätze nicht aktiv gestalten, verpassen eine riesige Chance.
Moderne Arbeitsplatzkonzepte sind mehr als Wohlfühloasen für Mitarbeitende. Vielmehr ziehen sie Talente an und erhöhen nachweislich die Produktivität eines Unternehmens.
(Quelle: shutterstock.com/Jacob Lund )
Von Marcel Urech
Fluide Teams, flache Hierarchien, flexible Personal­planung. Der fortschreitende digitale Wandel hat die Geschäftswelt umgekrempelt. So stark, dass sich neue Begriffe etabliert haben, um die Auswirkungen der Digitalisierung auf unseren Arbeitsalltag zu umschreiben: "New Work" und "Arbeitswelt 4.0". Das haben beispielsweise die Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) und das Expertennetzwerk Future Work Group erkannt.
Gemeinsam veröffentlichten sie Ende Oktober 2019 eine der schweizweit größten Studien zum Thema Arbeitsplatz der Zukunft. "Offene Räume lösen Einzelbüros ab und dienen der gegenseitigen Sichtbarkeit der Mitarbeitenden und Transparenz", heißt es unter anderem in der Studie. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls von einem "strategischen Workplace-Design" die Rede.

Nachholbedarf bei KMUs

Der Untersuchung zufolge haben gerade KMUs noch erheblichen Nachholbedarf und würden den positiven Einfluss einer aktiven Arbeitsplatzgestaltung auf ihre Wettbewerbsfähigkeit stark unterschätzen. Das konstatiert auch Lukas Windlinger Inversini, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) die Kompetenzgruppe Betriebsökonomie und Human Resources leitet. Die Digitalisierung habe den Umfang und die Geschwindigkeit der Herausforderungen im Geschäftsfeld vieler Unternehmen verändert. "Die Arbeitsorganisationen müssen Räume für Zusammenarbeit und Projekte zur Verfügung stellen", sagt Windlinger Inversini. Dabei gebe es auch neue Chancen für die Angestellten in Unternehmen, etwa bei der Einteilung und Wahl des Arbeitsorts und der Arbeitszeit.
Auf die Frage, ob Firmen genug über die Gestaltung ihrer Arbeitsplätze nachdenken, antwortet Windlinger Inversini: "Nein, in der Regel tun sie das nicht." Viele Unternehmen würden nicht verstehen, dass die Arbeitsumgebung ein wichtiges Instrument zur Erreichung organisatorischer Ziele sei. "Die Gestaltung von Arbeitswelten beeinflusst die Zufriedenheit, die Arbeitsleistung und das Wohlbefinden der Mitarbeitenden." Wer sich um attraktive Arbeitsplätze bemühe, könne zudem die gewünschte Arbeitsweise nach außen kommunizieren, was den Kampf um Talente erleichtere und die Arbeitgeberattraktivität erhöhe. Firmen könnten so bewusst Werte vermitteln und die Zusammenarbeit von Teams verbessern. Windlinger Inversini empfiehlt Unternehmen, ihre Arbeitsumgebungen aktiv zu gestalten und in ihre Geschäftsstrategie einzubetten.

Neues Büro gleich neue Kultur?

"Die gesellschaftlichen, technologischen, politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich rasch", sagt Andreas Wieser von Gesundheitsförderung Schweiz. Er berät Organisationen auf dem Weg in neue Arbeitswelten und ist Mitautor des Leitfadens "Gesundheitsförderliche Büroräume und Workplace Change Management". Es schade Unternehmen sicher nicht, wenn sie in der Organisation bezüglich Strategie, Struktur und Kultur möglichst flexibel seien, erklärt Wieser. Er betrachtet das Büro als Teil der strukturellen Rahmenbedingungen. Es diene in erster Linie den Arbeitsabläufen und sei ein Ins­trument, um unternehmerische Ziele zu erreichen. Eine aktive Gestaltung der Bürowelt könne für Unternehmen eine große Chance sein. Vor allem dann, wenn sie unter dem Aspekt der psychischen Gesundheit und des Arbeitsengagements betrachtet werde. Wieser betont allerdings, dass eine Veränderung der Firmenkultur nicht bloß mit einer Um­gestaltung der Büroräumlichkeiten zu erreichen sei.
Zum gleichen Schluss kommt auch die Future Work Group in ihrer Arbeitsplatzstudie. Wesentlich für das Gelingen sei, dass man die Mitarbeitenden auch mit neuen Arbeitsmethoden und der genutzten Technik vertraut mache, betonen die Experten. "In der Gestaltung der Arbeits­umgebung manifestiert sich das Selbstverständnis einer Firma", bringt es Windlinger Inversini auf den Punkt. Wenn sich die Arbeitswelt, die Unternehmenskultur oder die -strategie ändere, könne es für Firmen sinnvoll sein, auch die Arbeitsumgebung neu zu gestalten. "Denn die Mitarbei­tenden verbringen nach wie vor viel Zeit im Büro."

Es braucht klare Spielregeln

Bei der Neugestaltung von Büroräumen sind laut Arbeitsgesundheitsexperte Wieser folgende drei Dimensionen zentral: eine gesundheitsförderliche Bürogestaltung, der mitarbeiterorientierte Wandel sowie die Entwicklung der Kompetenzen von Mitarbeitenden und Führungskräften. Wieser weist darauf hin, dass es in den neuen Arbeitswelten noch wichtiger sei, auf die individuellen Stärken und Schwächen der Mitarbeitenden einzugehen. Um das zu erreichen, brauche es eine klare Strategie und Aufgabenverteilung. Auch die organisatorischen Rahmenbedingungen - etwa bezüglich Home Office und Arbeitszeitenregelung - seien zentral. Es gilt, ein Regelwerk aufzustellen, das klar nachvollziehbar ist, aber dennoch Flexibilität bei der Umsetzung bietet.
Was das bedeutet, konkretisiert ZHAW-Wissenschaftler Windlinger Inversini. Die Motivation für die Veränderung von Arbeitsumgebungen liegt meist im Business, also in den Hauptaktivitäten und Geschäftsstrategien der Unternehmen. Die Gestaltung der Arbeitsumgebung sollte daher die Anforderungen an die Zusammenarbeit im Unternehmen abbilden, welche die Geschäftsstrategie vorgibt. Der Wissenschaftler rät Unternehmen, sich nicht bloß auf eine Arbeitsweise festzulegen, sondern Wahlmöglichkeiten zu bieten. Etwa einen Mix aus Büroarbeit, Home Office, Co-Working und mobil-flexiblem Arbeiten. So sei es möglich, unterschiedlichste Bedürfnisse innerhalb des geschäftsstrategischen Rahmens abzudecken.



Das könnte Sie auch interessieren