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Konfetti um Jahreszahl 2015
Sonstiges 22.12.2015
Sonstiges 22.12.2015

Digital-Branche Rückblick auf 2015: Was für ein Jahr!

shutterstock.com/vjom
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Amazon testet Drohnen, Axel Springer kämpft gegen Adblocker, Google heißt jetzt Alphabet und Yapital hat es nicht geschafft. Ein Blick zurück auf 365 spannende Tage.

Als Arne Bergmann Ende 2014 gefragt wurde, welche Entwicklungen er mit Sorge betrachte, da musste der Managing Director Marketing & Sales bei Axel Springer Marketing Services nicht lang über­legen: "Große Sorgen bereiten uns die ­Adblocker und das dahinterliegende Geschäftsmodell." Der Kampf der Publisher gegen die Adblocker war eines der prägenden Themen des Internet-Jahres 2015 - und Axel Springer gehörte zu den energischsten Streitern wider die Werbeverhinderer.

Über weite Strecken sah es so aus, als würden die Publisher den Kampf verlieren. Drei große Medienhäuser klagten 2015 gegen Eyeo - und dreimal sahen die Gerichte keinen Grund, die Software zu verbieten. Begründung der Richter: Schließlich treffe ein mündiger Nutzer mit der Installation eines Adblockers die ­Entscheidung, keine Werbung sehen zu wollen. Axel Springer reagierte - und stattete sein News-Portal Bild.de mit einem Adblocker-Blocker aus.

Wer Bild.de nutzen will, so die Ansage, müsse entweder seinen Werbeblocker ausschalten oder ein Abo abschließen. Das Modell fand Nachahmer. Auch RTL sperrte den Zugang zu seinen Videos, Yahoo zog nach. Schnell rüsteten die Adblocker-Anbieter ihre Produkte so auf, dass sie die Sperren umgehen konnten. Doch dagegen erwirkte Axel Springer im Oktober 2015 wenigstens eine einstweilige Verfügung. Kurz: Der Kampf geht weiter - und er bleibt spannend.

Amazon treibt die Branche ohne Rast vor sich her

Der Angstgegner für Online-Händler hieß auch im abgelaufenen Jahr nicht Eyeo, sondern Amazon. Zunehmend lehrt der Konzern auch die Logistikbranche das Fürchten. Scheinbar völlig unbeeindruckt von häufigen Arbeitskämpfen mit Verdi lieferte der Konzern seine Bestellungen an die Kundschaft aus und setzte Benchmarks bei der Zustellgeschwindigkeit.

Technologisch trieb Amazon die gesamte Branche vor sich her und scheute dabei auch nicht vor spektakulären Ansätzen zurück. Als der Konzern im April 2014 ein Video zeigte, in dem eine Helikopterdrohne ein Paket ­auslieferte, hielt das jeder für einen gelungenen Aprilscherz. Doch Jeff Bezos ist es ernst damit, beständig nervt der Amazon-Chef die US-Luftfahrtbehörde FAA und fordert Ausnahmeregeln, die einen praxisnahen Test von "Prime Air" erlauben.

Technisch hat sich das fliegende Gerät im Verlauf des Jahres merklich weiterentwickelt: Ein Video vom Oktober 2015 zeigt eine Drohne, die ihre Rotoren nur noch zum Starten und Landen braucht. Dazwischen fliegt sie wie ein Flugzeug. Auch Google experimentiert mit Drohnen, ­sogar die DHL setzt auf unbemannte Posthubschrauber.

Ob all dies in absehbarer Zeit praktisch eingesetzt wird, ist keine technische, sondern eine juristische Frage: In Zeiten zunehmender Terrorangst sind fliegende Geräte in den Städten, die etwas abwerfen können, nicht jedem geheuer. Doch auch ganz irdisch, mit Lieferwagen, setzt Amazon die Konkurrenz unter Druck. Hieß das Logistik-Buzzword 2014 noch Same Day Delivery, so können Prime-Kunden in Manhattan inzwischen ihre ­Bestellungen bereits nach einer Stunde in den Händen halten.

Same Day Delivery auch bald in Deutschland

Mobile Lieferung direkt in den Kofferraum

Mai
Limousine als Packstation: In einem Modellversuch mit Audi und Amazon probt DHL die Auslieferung direkt in den Kofferraum des Kunden

Amazon/DHL

Diesen Service plant Amazon auch in Deutschland. Ein entsprechendes Logistikzentrum im Westen von München ist bereits in Betrieb. Zur schnellen Lieferung gehört auch eine schnelle ­Bestellung: In den USA startete Amazon im Sommer mit dem Dash-Button, einem Knopf, der wie eine Türklingel aussieht, aber einem bestimmten Produkt zugeordnet ist. Der Button lässt sich überall aufkleben, etwa an einer Waschmaschine. Geht das Waschpulver aus, reicht ein Knopfdruck, und Nachschub ist unterwegs.

Im April 2015 startete Amazon mit DHL und Audi einen Modellversuch im Großraum München: Fahrer eines entsprechend ausgestatteten Autos können sich ihre Sendungen in den Kofferraum legen lassen. Der DHL-Kurier ortet den Standort des Wagens und öffnet die Heckklappe per Fernzugriff auf die Bordelektronik. Volksnäher erscheinen da Initiativen ­mehrerer Logistikanbieter, die Haustüren und Häuserfronten von Privatwohnungen mit Schließfächern oder anderen Sicherungsmechanismen ausstatten, damit ein tagsüber abgelegtes Paket noch dort ist, wenn der Empfänger am Abend aus dem Büro kommt.

Google selbstfahrendes Auto

Mai
Ohne Lenkrad und ­Pedale soll Googles selbstfahrendes Auto auskommen. Erste Tests auf öffentlichen Straßen beginnen im Sommer 2015 - noch mit Fahrer

Google

Selbstfahrende Autos wurden bislang vorwiegend als exzentrisches Bastelprojekt von Firmenmitgründer Sergey Brin gehandelt. Doch was Google im Mai 2015 zeigte, beflügelte die Fantasien im Silicon Valley: ein Auto, das so selbstständig fährt, dass es weder Lenkrad noch Pedale braucht. Es könnte Personen von A nach B bringen - und natürlich auch Bestellungen ausliefern. Es muss nur noch jemand die Pakete aus dem Auto holen, doch Google besitzt ­inzwischen mehrere Roboterfirmen.

Aus Google wird Alphabet

Wobei das mit dem Besitzen seit dem 10. August 2015 so auch nicht mehr stimmt, denn an diesem Tag gab Google-CEO Larry Page die größte Umstrukturierung seit der Firmengründung im Jahr 1998 bekannt. Aus Google wurde an diesem Tag Alphabet, eine Holding, die sämtliche Aktivitäten des Konzerns kontrolliert. Page übernahm die Leitung von Alphabet und übergab Google an seinen Vertrauten Sundar Pichai. Innerhalb der Alphabet Inc. steht Google jetzt gleichberechtigt ­neben den vielen anderen Unternehmen, die der Konzern in den vergangenen Jahren gekauft hat - auch den Roboterfirmen.

Am Montag, den 24. August, konnte ­Facebook ein denkwürdiges Ereignis vermelden: Erstmals hatte das Social Network mehr als eine Milliarde aktive Nutzer - gleichzeitig an einem Tag. In Deutschland  stand die Zuckerberg-Company dagegen heftig in der Kritik: Das Netzwerk entwickle sich immer mehr zur Plattform für fremdenfeindliche, rassistische Kommentare, so der Vorwurf. Facebook versprach nachzubessern. Und auch in puncto Datenschutz stand Facebook quasi permanent am Pranger.

Ein Urteil des Bundes­gerichtshofs vom Oktober bringt US-Unternehmen allgemein in Zugzwang: Das Safe-Harbor-­Abkommen wurde für ungültig erklärt, weil sich das US-Verständnis von Datenschutz mit dem der EU beißt. Derweil nahm Firmenchef Mark Zuckerberg im Dezember die Geburt seiner Tochter Max zum Anlass, eine Stiftung zu gründen, in die er 99 Prozent seines immensen Privatvermögens von 45 Milliarden US-Dollar einbringen will. Echte Wohltätigkeit oder nur ein Steuersparmodell?    

Hartes Pflaster Online-Payment

Auf Druck seiner Großaktionäre spaltete sich im Frühjahr Paypal von seiner Mutter Ebay ab - und entwickelt sich immer mehr zum Universaldienst, wenn es ums Bezahlen geht. Die deutsche Finanzbranche übt sich in Rückzugsgefechten und musste 2015 einige Niederlagen einstecken. Die Otto-Gruppe zog im Spätherbst bei ihrem mit großen Ambitionen gestarteten Payment-Dienst Yapital die Reißleine, und zum Jahresende stellt die Telekom-Tochter Clickandbuy ihr Erscheinen ein - einst einer der Pioniere auf dem deutschen Markt. Im Moment ruhen die Hoffnungen der deutschen Banken auf Paydirekt, einer Lösung, die immerhin einen Vorteil hat: Ein Großteil aller deutschen Kreditinsti­tute will mitmachen.

Internet World und Dmexco feiern Rekorde

Internet World Messe

März
Rekord auf der Internet World: 14.700 Besucher kamen nach München

Internet World Messe

Die Internet-Wirtschaft sei ein People Business, lautet eine Branchenweisheit, die schwer nach Bullshit Bingo klingt. Doch die Internet World im März und die Dmexco im September zeigten eindrucksvoll, dass persönliche Kontakte durch nichts zu ersetzen sind. Mit einer Rekordbeteiligung von 14.700 Teilnehmern festigte die 19. Internet World in München ihren Ruf als führende E-Commerce-Messe.

Der begleitende Fachkongress sprach mit einem internationalen Panel erstmals auch gezielt englischsprachige Besucher an. Die sechste Auflage der Dmexco im September führte das Messekonzept der Koelnmesse an seine Grenzen: Die Organisatoren wollten die Teilnehmer zwar mit ­gestaffelten Eintrittspreisen zu einer frühzeitigen Registrierung bewegen, am Ende waren aber alle überrascht, als die Zählung über 43.000 Teilnehmer ergab - 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Obwohl die Ausstellungsfläche ebenfalls zugelegt hatte, war die Dmexco 2015 vor allem eins: voll.

2015 war auch das Jahr der runden ­Geburtstage: 25 Jahre Wiedervereinigung, 25 Jahre seit dem Launch der ersten ­HTML-Website. Zugegeben, damit konnte der zehnte Geburtstag der INTERNET WORLD Business im November 2015 nicht ganz mithalten. Wir haben uns über die vielen Glückwünsche aus der Branche aber dennoch sehr gefreut.