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Sonstiges 04.05.2016
Sonstiges 04.05.2016

Kommentar re:publica: Tech-Companies hui, Politik pfui

Die re:publica kämpft für ein freies und offenes Internet - wenn es gegen die Politik geht. Neben tollen Eindrücken bleibt ein schaler Beigeschmack: Die Veranstaltung ist dabei, sich selbst zu kannibalisieren.

Ich hatte mich wirklich gefreut auf diese Tage. Mein erstes Mal auf der re:publica. Bei vielen Digitalveranstaltungen geht es in erster Linie darum, möglichst viel Geld im Internet zu verdienen. Und damit auch oft, die Lebensgrundlage Internet zu kannibalisieren. Die re:publica aber steht für ein freies, offenes Internet und die positiven Möglichkeiten der Digitalisierung für jeden einzelnen. Und damit es frei und offen bleibt, müssen wir uns nun einmal alle dafür einsetzen. So schön, so gut.

Meine Erwartungen waren also ziemlich hoch. Und das nicht nur wegen der Themen Privatsphäre, Pressefreiheit, Netzneutralität und Datenschutz in lockerer Atmosphäre mit vielen Leuten, die ähnlich denken wie ich. Ich bewundere Markus Beckendahl seit langem für seine Arbeit, für seine Recherche, für sein Engagement in der Netzpolitik. Ich lese die Artikel von Johnny Häusler mit Freude. Gute Voraussetzungen sollten das sein.

Zweckoptimismus statt Aktionismus

Die Besucher, das Networking, die Atmosphäre und auch die Themen und Speaker haben meinen Erwartungen standgehalten. Beckedahl sprach unter anderem über die Unsicherheit beim Kauf digitaler Inhalte wie E-Books, Sascha Lobo viel über Snapchat und Trotz, Arbeitsministerin Andrea Nahles stellte sich den Fragen über die Zukunft der Arbeit. Dazwischen wurden künftige YouTuber gekürt, Musik auf Papier vorgestellt, über das Potenzial von VR und die Gefahren von Big Data, digitalem Kolonialismus und Malvertising diskutiert.

Im Vordergrund stand der Versuch, die pessimistische Grundstimmung ob der Dinge, die diese Generation zu erreichen verpasst hat (Stichworte Netzneutralität, Ausspionieren durch Geheimdienste, AfD als Social-Media-König, Breitbandausbau…) nicht gewinnen zu lassen. Auch wenn der Aktionismus einem trotzigen Zweckoptimismus weichen muss oder der noch so kleinste Tropfen auf den glühenden Stein wie eine Zwei-Millionen-Haushaltserhöhung für digitale Bildung gefeiert wird, als wäre ein ganzes Fass auf die eiskalte Granitplatte geschüttet worden.

Natürlich durften auch die Dauergäste auf Digitalkonferenzen nicht fehlen: Content und Influencer Marketing, Instagram für Marken, AdBlocker, Native Advertising. Alles unterhaltsam, inspirierend und trotzdem arm an neuen Informationen für digitale Oberstufler. Natürlich nicht alles. Den ersten re:publica-Tag hatten die von Greenpeace vorgestellten TTIP-Leaks fest im Griff. Auch die Panama Papers waren ein heißes und spannend diskutiertes Thema.

Ist nur die Politik schuld?

Beim Thema Leaks darf natürlich einer nicht fehlen: Edward Snowden, live aus dem russischen Exil zugeschaltet, mit tosendem Applaus begrüßt. Doch auch auf der völlig überlaufenen Stage 6 gab es am Montagmittag nur ein Learning: Im Osten nichts Neues. Dennoch erntete Snowden für seine zum gefühlt tausendsten Mal heruntergebeteten Vergleiche (Wer sagt, er brauche keine Privatsphäre, weil er nichts zu verstecken hat, kann auch sagen, er brauche keine Meinungsfreiheit, weil er nichts zu sagen hat) und Forderungen (Privatsphäre ist kein Recht des Einzelnen, sondern geht die Gesellschaft als ganzes etwas an) frenetischen Jubel (er war ein Held, das dürfte wohl genügen).

Nicht nur das Publikum hat wohl noch nicht so viel von Snowden gehört, um der immer gleichen Floskeln müde zu werden. Nein, auch die Veranstalter erweisen sich entweder als wenig gebildet, äußerst naiv oder aber scheinheilig, wenn es um die Details der Upstream- und PRISM-Enthüllungen geht. Microsoft, seit drei Jahren ein Hauptsponsor des Events, ist einer der ärgsten Wasserträger der NSA gewesen. Das beweisen Snowdens enthüllte Dokumente. Und auch wenn die Rolle der anderen am PRISM-Programm beteiligten Unternehmen nicht klar ist - die aktive Beihilfe, die Microsoft zum Ausspionieren von Millionen von Nutzern geleistet hat, ist es.

Verbrüderung mit dem eigentlichen Feind

Einen weiteren Sponsoren-Ausfall gab es meiner Meinung nach durch die Verbrüderung mit Eyeo, Betreiber des berühmt berüchtigten Adblock Plus. Das Browser-Plugin, das Publisher und Advertiser weltweit wahrscheinlich um Milliarden bringt, um sie dann mit Whitelisting-Modellen und geteilten Werbeerlösen zu "erpressen". Und nicht nur ist Eyeo Sponsor und bekommt eine Bühne. Das Kölner Unternehmen bekommt den Raum, sich als Retter einer Branche aufzuspielen, die es mit seinen "Mafia-Methoden" gehörig in die Bredouille gebracht hat. Dass ausgerechnet die als Blogger-Konferenz geltende re:publica ihre Seele an den "Teufel" Eyeo verkauft, ist mir ein Rätsel.

Überhaupt hatte ich bei all dem Schimpfen über Politik und Behörden (sehr oft zu Recht) ein wenig das Gefühl, die re:publica steht unter dem Motto "Tech-Companies hui, Politik pfui" und dem Eingeständnis, dass nunmal Geld die Welt regiert, keine Politiker. Denn mehr als hin und wieder kurze Warnungen, dass man allzu Persönliches vielleicht nicht bei Facebook oder überhaupt nicht im Internet posten sollte (wenn dann nur verschlüsselt) gab es nicht. Dass es auch am Tracking und Datensammeln vieler Unternehmen liegt, dass Diskurs und Themenvielfalt im Internet abnehmen, dass auch das zum Verlust der Privatsphäre beiträgt, wurde kaum thematisiert. Dann hätte man sich wohl auch Google, mit großem Stand und Datenschutz-Check vertreten, vertrieben. Damit ist auch die re:publica dabei, das zu kannibalisieren, was sie schützen will: ein freies und offenes Internet.

"Normal, dass Unternehmen ihre User ausspionieren"

Und schließlich konterkariert auch Snowden seine eigenen Forderungen. Nämlich dann, wenn er auf die Frage, ob die NSA oder Google und Facebook die größere Gefahr sei, antwortet: "Facebook kann uns nicht ins Gefängnis werfen oder mit Raketen auf uns schießen - zumindest noch nicht." Die Ausspionierung durch Regierungen sei gefährlich, die durch Unternehmen hingegen "normal". Wer sagt, Privatsphäre im Internet wäre nur vor der Regierung schützenswert, kann auch sagen, dass nur vor der Regierung Meinungsfreiheit herrschen muss, eine Meinungs-Zensur von Facebook hingegen "normal" ist. Und in diesem Sinne mit allem immer noch existierenden Pessimismus: Bye-bye offenes und freies Internet.

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