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Branchentalk zur Stimmung im Online-Handel: "Der Konkurrenzdruck wächst enorm"
Sonstiges 12.11.2012
Sonstiges 12.11.2012

Stimmung im Online-Handel "Der Konkurrenzdruck wächst enorm"

Der aktuelle Konjunkturindex des ECC Handel weist den schlechtesten Wert seit Jahresbeginn auf. INTERNET WORLD Business hat Online-Händler und Experten gefragt, was die Gründe für diesen Pessimismus sind - und was der Online-Handel jetzt tun sollte. 

Laut aktuellem ECC-Konjunkturindex Handel (e-Kix), den das ECC Handel zusammen mit Rakuten und Trusted Shops monatlich erhebt, bewertete jeder dritte deutsche Online-Shop seinen Umsatz im Oktober mit "eher negativ" oder "negativ". INTERNET WORLD Business wollte von Online-Händlern und E-Commerce-Experten wissen: Was sind die Gründe für diese schlechte Stimmung, wer wird scheitern und wie müssen Online-Händler sich künftig aufstellen? 

Die meisten der befragten Händler können diesen Pessimismus nicht teilen. "Für unser Geschäft kann ich diesen vermeintlich aktuellen Trend überhaupt nicht bestätigen", sagt Tim Keding, Geschäftsführer von Shoepassion.com. Ulrich Kaleta, Direktor Marketing bei Notebooksbilliger, stellt klar: "Gegenüber den Vorjahren war es ein deutlich stärkerer Monat. Wir starten mit einer gehörigen Portion Optimismus in das Weihnachtsgeschäft". Online-Händlern, die nicht so gut aufgestellt sind, empfiehlt E-Commerce-Berater Stefan Wolk "Flexibilität und auch den Mut zu notwendigen '180 Grad Änderungen'", denn der Konkurrenzdruck wachse enorm. Gegebenenfalls müsse man den Shop einer "grundlegenden Bestandsaufnahme unterziehen", konstatiert Niklas Mahrdt, Professor für Medienwirtschaft.

Die Antworten finden Sie auf den folgenden Seiten.

    Stefan Wolk, Berater für E-Commerce: "Kreative Konzepte für spezielle Zielgruppen müssen her"

    "E-Commerce ist inzwischen angekommen und der schon länger steigende Konkurrenzdruck wächst nun enorm. Die großen Player wie Amazon, Zalando, OTTO & Co. kaufen sich mit viel Marketingbudget Marktanteile und das schüchtert viele mittlere und kleinere Händler ein. Jetzt rächt es sich, dass es heute nicht mehr ausreichend ist, nur über ein Nischensegment zu agieren oder auf die Größe des 'E-Commerce Kuchens' zu hoffen.

    Bei Zunahme der Nichtigkeit der Big Player und dem harten Verdrängungswettbewerb, müssen nun kreative Konzepte für spezielle Zielgruppen her. Dies erfordert Flexibilität und auch den Mut zu notwendigen '180 Grad Änderungen' - Eigenschaften, die nicht alle Händler mitbringen und den einen oder anderen sicher auf der Strecke bleiben lässt. Die Einseitigkeit und Abhängigkeit der aktuellen Traffic-Kanäle, wird sich hier besonders stark auswirken. Nur wer die Klaviatur des Marketingmixes agil und schnell spielen kann, wird sich anpassen können."

    Niklas Mahrdt, Gründer von Media Economics, Professor für Medienwirtschaft: "Den Online-Shop einer grundlegenden Bestandsaufnahme unterziehen"

    "Wer in der jetzigen Boom-Phase des E-Commerce nicht ebenso stark, wie der Gesamtmarkt wächst, sollte seinen Online-Shop einer grundlegenden Bestandsaufnahme unterziehen. Häufig werden Maßnahmen mit Umsatzpotential (beispielsweise der konsequente Anschluss des eigenen Sortiments an Affiliate-Platformen) nicht mit ausreichender Entschlossenheit verfolgt. Eine kritische Sortiments-Überprüfung sowie der Kaufabbruch- und Retouren-Analysen können weitere hilfreiche Aufschlüsse geben.

    Wer gegen Zalando, Tchibo & Co. ankämpfen will, muss einen echten und zusätzlichen Nutzwert bieten. Der Preis kann es hier sicher nicht richten, sondern eher Kundennähe und Kreativität. Auch für (kleinere) Online-Shops ergeben sich aus der Nische heraus Cross-Channel-Marketing Chancen. Ein Beispiel bieten die Pop-Up-Stores von Frontlineshop in Berlin und Hamburg. Die Teilnahme der Sneaker-Online-Shops The Good Will und Afew Store an der Sneakers-Roadshow zeigen, dass Neukunden auch außerhalb des eigenen Online-Shops angeworben werden können."

    Tim Keding, Geschäftsführer von Shoepassion.com: "Ich kann diesen Trend überhaupt nicht bestätigen"

    "Interessanterweise steht der ECC-Index im krassen Kontrast zu allen anderen E-Commerce-Prognosen. Für unser Geschäft kann ich diesen vermeintlich aktuellen Trend überhaupt nicht bestätigen. Ich würde auch überhaupt nicht von einem konjunkturellen Down sprechen, eher von momentanen Befindlichkeiten, denn die Gesamtentwicklung ist stärker zu bewerten als ein einzelner Trend. Ich denke, hierbei handelt es sich um das berühmte Jammern auf hohem Niveau.

    Wer jedoch die Zeichen der Zeit nicht erkennt, der wird auf der Strecke bleiben. In meinen Augen sind das austauschbare Webshops mit austauschbaren Produkten, die sich nicht von der Masse abheben und eine geringe Informationstiefe aufweisen. Für shoepassion.com kann ich jedenfalls keinen negativen Trend ausmachen – wir sind ein gesundes Unternehmen mit wachsenden Umsätzen."

    Karin Stäbler, Geschäftsführerin Reich Online Services: "Mitbewerber kämpfen mit äußerst harten Bandagen um Kunden"

    "Wir sind in der glücklichen Lage in diesen wohl schwieriger werdenden Zeiten weiterhin sehr gut wachsende Umsätze zu verbuchen. Allerdings bemerken auch wir, dass die Mitbewerber mit äußerst harten Bandagen um den Kunden kämpfen und dass Online-Händler mit schier unbegrenzten Werbebudgets die Oberhand haben. Interessant ist dabei, wie sich die Hersteller und Marken in diesem Markt verhalten. Von intelligentem Mitspielen bis ignorierendem Dornröschenschlaf ist alles dabei.Der Kunde ist der lachende Dritte in diesem Krieg.

    Als Online-Händler habe ich nun alle Register zu ziehen: Neben einer ansprechenden Produktpräsentation und ausgezeichneter Shop-Usability mit modernster Technik, muss ich dem Kunden einen besonderen Service, Unterhaltung und Information bieten, wenn ich nicht über Prozente und Rabatte die Kaufentscheidung erreichen will. Wir arbeiten hart an unserem Relaunch, um den anspruchsvollen Bedingungen gerecht zu werden. Nur mal schnell Produkte ins Netz stellen und das ganz ähnlich wie zig weitere Shopbetreiber - die Zeiten sind endgültig vorbei."

    Ingo Bittner, Leiter Marketing & Vertrieb bei Hessnatur: "Onlineshopping muss Einkaufserlebnisse und Markenwelten verbinden"

    "Die extremen Wachstumsschübe im E-Commerce sind vorbei, der  steigende Wettbewerb erlebt aktuell eine Konzentration auf große, starke Onlinehändler. Wer bestehen will, muss sich auf den Online-Kanal spezialisieren und braucht eine hohe Professionalität. In Zukunft werden sich Onlineanbieter noch stärker kundenorientiert aufstellen müssen, sowohl was das Angebot als auch die Benutzerfreundlichkeit angeht.

    Onlineshopping muss Einkaufserlebnisse und Markenwelten verbinden, eine rein technische Betrachtung wird nicht erfolgreich sein. Unsere E-Commerce-Strategie zahlt sich aus: Bei hessnatur steigt der absolute Umsatz im Onlinegeschäft, ebenso wächst der E-Commerce-Anteil am Gesamtumsatz."

    Ulrich Kaleta, Direktor Marketing bei Notebooksbilliger.de: "Wir starten optimistisch ins Weihnachtsgeschäft"

    "Notebooksbilliger.de kann einen guten Oktober vorweisen - gegenüber den Vorjahren war es ein deutlich stärkerer Monat. Wir starten mit einer gehörigen Portion Optimismus in das Weihnachtsgeschäft und sind sowohl mit einem weiter gewachsenen Sortimentsangebot im Bereich der Haushaltswaren als auch allen aktuellen Elektronik-Bestseller sehr gut aufgestellt. Es kommen in den kommenden Wochen noch einige spannende Aktionen auf unsere Kunden zu und wir haben unser Service-Angebot mit Same-day delivery in einigen Städten noch weiter ausgeweitet.Händler, die den Anforderungen von Markt und Kunde in diesem Maße nicht Rechnung tragen, dürften es in den kommenden Monaten dagegen schwierig haben."

    Simone Wiechert, Inhaberin Lieblingstasche.de: "Wir sehen noch großes Potenzial"

    "Der Umsatz von Lieblingstasche im Oktober war sehr gut, wir liegen über Plan. Als noch relativ junges Unternehmen mit einer knapp dreijährigen Historie haben wir längst noch nicht alle Wachstumsmöglichkeiten in Angriff genommen und sehen noch großes Potential. Geringe Chancen rechnen wir allen Online-Shops, die sich einseitig auf billige Preise fokussieren, aus. Wer Preisführer sein will, muss auch Kostenführer sein. Da werden langfristig sehr viele kleine Online-Shops auf der Strecke bleiben, die keine Skaleneffekte und Einkaufsmacht nutzen können. Wir glauben an den Erfolg durch ausgezeichneten Service, gute Markenführung und individuelle USP's."

    Maria Molland, Chief European Officer bei Fab: "Die Zukunft des E-Commerce ist mobil und vernetzt"

    "Aus unserer Perspektive ist der Pessimismus schwer nachzuvollziehen: Fab ist die am schnellsten wachsende Online-Plattform der Welt, und für das laufende Jahr erwarten wir weltweit einen neuen Rekordumsatz von rund 150 Millionen US-Dollar. Der einfache Grund: Wir geben unseren Mitgliedern, was sie sich wünschen. Einerseits haben sie die Flexibilität, auch auf dem Weg zur Arbeit oder im Café mobil auf unserer App einzukaufen. Anderseits können sie mit ihren Freunden Design teilen, das ihnen gefällt und das sie inspiriert - direkt im Live Feed auf Fab oder auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Co.

    Die Zukunft des E-Commerce ist mobil und vernetzt. Genau diese Kanäle bedienen wir und entwickeln sie kontinuierlich weiter. Nehmen Sie unsere mobile App: Nur zwei Wochen nach dem Launch in Europa steuert sie schon beträchtlich zum täglichen Umsatz bei. Und wir erwarten, dass in Zukunft über 50 Prozent unserer Artikel über unsere App verkauft werden. Unser Weg ist klar: Mobile and social first!"

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