Die Digitalwelt in Zahlen 30.08.2016, 10:00 Uhr

Twitter und Jack Dorsey: Mission Impossible?

Am 21. März 2006 schrieb Jack Dorsey den ersten Tweet. Zehn Jahre später hat der Kurznachrichtendienst 313 Millionen Nutzer, tiefrote Zahlen und einen Chef, der mehr Belastung als Hoffnungsträger ist.
Noch gibt es treue Follower, Twitter verspielt jedoch zunehmend das Vertrauen der Nutzer
(Quelle: shutterstock.com/Tsibii Lesia)
Am 14. und 15. September dieses Jahres wird Jack Dorsey in Köln sein. Er wird die größte Digitalmesse Europas, die dmexco, besuchen und am zweiten Event-Tag in einer Diskussionsrunde mit Sir Martin Sorrell, britischer Unternehmer und CEO der WPP Group, auf der Bühne stehen. Sorrell, bekannt für seine direkte Art, sollte den Software-Entwickler, Mitgründer und Chef des Kurznachrichtendienstes Twitter zwei wichtige Fragen stellen: Wird Ihr Unternehmen jemals Geld verdienen? Und: Haben Sie überhaupt eine Strategie?
Dabei hatte doch alles so gut angefangen. Der Dienst entstand quasi zufällig, eigentlich wollten Biz Stone und Jack Dorsey einen Audio-Dienst für das Web gründen. Am 21. März 2006 ging dann der erste offizielle Tweet von Dorsey online: 
(Quelle: Twitter)
Der US-Blog Techcrunch entdeckte den Dienst drei Monate später, im März 2007 gelang Twitter dann auf der Tech-Konferenz SXSW Interactive in Texas der Durchbruch. Einen Monat später wurde die Firma Twitter Inc. gegründet.

Wachstum verliert an Schwung

Und heute? Heute hat das Unternehmen 313 Millionen aktive Nutzer im Monat. Den Umsatz im zweiten Quartal 2016 konnte Twitter im Jahresvergleich um 20 Prozent auf 602 Millionen US-Dollar steigern. Doch trotz Plus wurden damit die Prognosen der Analysten deutlich verfehlt. Das große Problem: Twitter wächst zwar, aber es wächst zu langsam und es scheint an Schwung verloren zu haben - insbesondere, wenn man die Erfolgsgeschichten der Konkurrenten beobachtet.
(Quelle: Statista)
Die Werbeeinnahmen sind nach wie vor die wichtigste Geldquelle des Microblogging-Dienstes. Sie legten aber nur um 18 Prozent auf 535 Millionen US-Dollar zu. In den beiden Vorquartalen hatten die Zuwächse noch bei 37 und 48 Prozent gelegen.
Es blieb also unterm Strich in Q2 2016 wieder mal bei einem Nettoverlust, dieses Mal in Höhe von 107,2 Millionen US-Dollar - immerhin etwa 20 Prozent weniger als noch im Vorjahr.
Twitters Zahlen genügen nicht, um die Analysten, Anleger und Follower nachhaltig zufrieden zu stellen. Jede Bekanntgabe der Geschäftszahlen ist ein ängstliches Bangen. An der Börse zeigt sich ein entsprechend mageres Bild: Zehn Milliarden US-Dollar ist Twitter noch wert - halb so viel wie Snapchat. Kurz nach dem IPO 2013 wurde der Kurznachrichtendienst mit mehr als 40 Milliarden US-Dollar bewertet.

Viele Sorgen, wenig Mitarbeiter

Kein Wunder also, dass Twitter die Mitarbeiter weglaufen und selbst eingefleischte Nutzer so langsam ärgerlich werden. Hoffnung kam zwischenzeitlich mit Jack Dorsey auf. Der Gründer ist seit Oktober 2015 wieder mit an Bord als CEO. Er wollte das Geschäft auf Vordermann bringen, launchte neue Videodienste und Facebook-ähnliche Algorithmen. Zwischenzeitlich setzte Dorsey auch auf Stellenabbau, doch die vermeintlich sinkenden Kosten schlugen sich nicht positiv nieder.
Aktuell konzentriert sich der smarte Amerikaner - wie die Konkurrenz - auf den boomenden Live-Streaming-Markt. Alles ohne großen Erfolg. Im Gegenteil. Heftige Shitstorms, etwa nach der Algorithmus-Änderung, waren die Folge. "Seit fast einem Jahr ist Dorsey zurück. Aber man kann nicht erkennen, ab wann eine Besserung einsetzt, die die Investoren glücklich macht", so Analyst Patrick Moorhead von Moor Insights & Strategy gegenüber börse-online.de.
Twitters Problem ist die allgemeine Stagnation im Unternehmen, vor allem beim Umsatz und in Sachen Mitgliederwachstum. Alle Bemühungen scheinen nicht auszureichen, um mit anderen sozialen Netzwerken wie Instagram und Snapchat mitzuhalten, die gefühlt wöchentlich unter großem medialen Echo Neuerungen verkünden.
Und doch zeigt sich bei politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Ereignissen von öffentlichem Interesse immer wieder aufs Neue: Twitter ist nicht tot. Aber auch wenn der Dienst für die News-Branche zum Teil unabkömmlich ist - Geld verdienen lässt sich damit alleine nicht.



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