Chinas größter Messenger 09.05.2016, 08:12 Uhr

WeChat: Die Macht aus Fernost

Ein kurzer Blick genügt, um festzustellen: Der Messenger-Markt in China folgt eigenen Gesetzen. Wir erklären, warum am Dienst WeChat dort niemand vorbeikommt.
(Quelle: Shutterstock.com/Songquan Deng)
Wer am internationalen Flughafen in Peking das frei zugängliche WLAN nutzen möchte und kein Chinesisch spricht, hat eigentlich nur eine Möglichkeit für die Verifizierung: WeChat.
Das Problem daran ist, dass der in ­China beliebte Messenger außerhalb der Volksrepublik - insbesondere in Europa und den USA - kaum verbreitet ist. Zwar findet sich auch in den deutschen App Stores (Android und iOS) die Anwendung zum Download, die Möglichkeiten für den Nutzer sind jedoch stark beschränkt.
Neben einer Chat-Funktion gibt es ­lediglich ein paar Mobile Games. Trotzdem fällt schon bei der Regis­trierung auf, dass die App eigentlich kein klassischer Messenger ist, sondern vielmehr ein Hybrid aus Messenger und sozialem Netzwerk. Neben dem Chat-Reiter, der stark an WhatsApp erinnert, gibt es wie auf Facebook oder Twitter eine eigene Profilseite, auf der sich ­persönliche Angaben zum Nutzer und Verlinkungen zu anderen Social-Media-Accounts einbinden lassen.
Dieser Eindruck gibt auch die Erfahrungen von Peer Wörpel wieder. Er arbeitet als Direktor Beratung Kreation bei der Hamburger Digital-Agentur Pilot und sagt: "WeChat ist kein reiner Messenger-Dienst. Es vereint die unterschiedlichsten Services und Informationen vom Chatten und Daten bis zum Taxi-Dienst, Shopping und Couponing." Die Liste lässt sich beinahe unendlich fortführen. "Selbst ein Arzt kann Diagnosen über WeChat an die Patienten verschicken", ergänzt Wörpel. Alexander Turtschan, Head of Media Insights and Innovation bei der Plan-Net-Gruppe, spricht, wenn er über WeChat redet, deshalb auch von einem "Social-Betriebssystem".

Politische und kulturelle Einstiegshürden für Marken

Schon allein die gigantische Bandbreite an Möglichkeiten, die WeChat in seinem Heimatmarkt anbietet, sollte Grund genug für Marken sein, sich mit dem Dienst aus­einanderzusetzen. Wer allerdings ohne Strategie und eingehende Analysen an den Start geht, ­könnte schnell enttäuscht werden. Obwohl die Nutzerstruktur mit der von Facebook vergleichbar ist, ist die Nutzungssituation eine andere.
Alexander Turtschan, Head of Media Insights & Innovation der Plan-Net-Gruppe: "Man kann davon ausgehen, dass die chinesische Regierung WeChat überwacht."
Der chinesische Markt ist von einer Mobile-Kultur geprägt, das Smartphone ist der zentrale Zugang zum Internet. Die Generation "stationärer Computer" wurde im bevölkerungsreichsten Land der Erde übersprungen. Hinzu kommt die sprachliche Hürde wie auch die autoritären Strukturen im Land. So gibt es nur zwei bis drei Marktforschungsunternehmen. Deshalb "ist es schwieriger, an unabhängige Daten zu kommen", erklärt China-Experte Turtschan.
Unter der lückenhaften Verfügbarkeit von Daten leiden vor allem Konzeption und Planung. Ohne lokales Know-how und nur mit den Einblicken aus dem Ausland ist der Aufbau einer Markenpräsenz in China im Allgemeinen oder auf WeChat im Speziellen nur schwer möglich.
Des Weiteren müssen sich Marken und Medien zu jedem Zeitpunkt über die politische Situation im Land der Mitte im Klaren sein. Eine Regierung, die Andersdenkende verfolgt, Kritik unterdrückt und ­Internet-Seiten blockiert, überwacht mit Sicherheit auch das Geschehen auf dem größten Messenger. "Man kann sich also sehr sicher sein, dass Zensur stattfindet und zum Teil Geotracking zur Überwachung genutzt wird", warnt Turtschan.




Das könnte Sie auch interessieren