Ausmaß der Kampagne 01.12.2017, 10:45 Uhr

Manipulation der öffentlichen Meinung via Facebook und Twitter

Über ein Jahr nach der US-Präsidentenwahl ist die Aufarbeitung von Versuchen, die öffentliche Meinung in den USA über Facebook und Twitter zu manipulieren, immer noch nicht abgeschlossen. Die Nachforschungen offenbaren ein immer größeres Ausmaß der Kampagne.
(Quelle: shutterstock.com/Tond Van Graphcraft)
Unmittelbar nach der US-Präsidentenwahl im November 2016 bestritt Facebook-Chef Mark Zuckerberg noch vehement, gefälschte Nachrichten und Propaganda beim weltgrößten Online-Netzwerk könnten den Ausgang des Rennens ums Weiße Haus beeinflusst haben. "Ich persönlich halte es für eine ziemlich verrückte Idee, dass falsche News auf Facebook, die nur einen sehr geringen Anteil der Inhalte ausmachen, die Wahl auf irgendeine Weise beeinflusst haben könnten", erklärte Zuckerberg. Die Wähler entschieden auf Grundlage ihrer Lebenserfahrung. Weniger als ein Jahr später bedauerte Zuckerberg seine damalige Wortwahl als zu abweisend.
Denn seitdem zeigten tiefergehende Untersuchungen, dass Facebook und Twitter zum Schauplatz eines groß angelegten Versuchs wurden, die Spannungen in der amerikanischen Gesellschaft hochzuschaukeln. Nach bisherigen Informationen lag der Ursprung der Kampagne in Russland, die Regierung in Moskau bestreitet, dass sie dahinter steckte. Der Effekt auf die Abstimmung ist schwer messbar. Aber der US-Kongress wurde zur treibenden Kraft bei der Aufklärung und macht Druck auf die Internet-Firmen, mehr Informationen herauszurücken.
Facebook entdeckte schließlich 470 Profile mit vermuteter Verbindung zu Russland, die für die Verbreitung von rund 3.000 Beiträgen mit politischem Hintergrund etwa 100 000 US-Dollar bezahlt hatten. "Unsere Analyse legt nahe, dass diese Accounts und Seiten miteinander vernetzt waren und von Russland aus betrieben wurden", erklärte Facebooks Sicherheitschef Alex Stamos. Zunächst schränkte Facebook ein, gemessen an den Gesamtausgaben für Wahlkampfwerbung gehe es nur um einen kleinen Betrag. Doch im Oktober räumte das Online-Netzwerk ein, dass die Beiträge schätzungsweise zehn Millionen Menschen in den USA angezeigt worden waren.

Aufhetzung sozialer Gruppen

Bei diesen rund 3.000 Anzeigen sei es vor allem darum gegangen, Spannungen zwischen ethnischen und sozialen Gruppen anzuheizen. Die Autoren der Beiträge fokussierten sich dabei auf US-Bundesstaaten mit offenem Wahlausgang und sprachen gezielt einzelne soziale Gruppen an. Bei den einen wurde die Angst vor muslimischen Einwanderern geschürt, bei den anderen die Empörung über die Diskriminierung schwarzer Amerikaner genährt. Nach Facebook fand auch Twitter rund 200 mutmaßlich aus Russland gesteuerte Accounts, die Stimmungsmache in den USA betrieben haben sollen.
Schon vorher war bekannt, dass vor allem das Wahlkampfteam des US-Präsidenten Donald Trump zusätzlich zu seiner Aktivität bei Twitter auf Facebook-Anzeigen setzte, um die eigenen Anhänge zu mobilisieren und die Unterstützer der seiner Rivalin Hillary Clinton zu entmutigen. Doch die jüngsten Enthüllungen werfen grundlegendere Fragen auf: Ist die Manipulation öffentlicher Meinung bei Online-Netzwerken einfach auf die Beine zu stellen und schwer zu kontrollieren? Unternehmen die Plattformen nicht genug - oder sind ihren Möglichkeiten Grenzen gesetzt?

Identifikation von verdächtigen Accounts

Bei den Online-Netzwerken selbst heißt es, man nehme das Problem ernst und werde inzwischen immer besser darin, die verdächtige Accounts frühzeitig zu erkennen. Dahinter gebe es ein typisches Muster, sagt ein ranghoher Sicherheitsexperte aus der Branche. Es würden Accounts angelegt, die wie tausende andere aussehen: Einige angebliche persönliche Informationen, Profilfoto, ein paar Cappuccino-Bilder aus Cafés. Wenig später schlafen die Accounts ein und erwachen massenhaft erst, wenn sie gebraucht werden. Vor der Präsidentenwahl in Frankreich blockierte Facebook rund 30 000 solcher Geisterprofile, vor der Bundestagswahl seien es zehntausende gewesen.



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