Digitalexperte Marcel Weiß 09.11.2019, 10:18 Uhr

"Libra ist für Facebook extrem wichtig"

Nach der großen Ankündigung machte Facebooks Digitalwährung Libra in letzter Zeit vor allem mit Rückschlägen von sich reden. Digitalexperte Marcel Weiß erklärt im Interview, wie es nun weiter geht.
Marcel Weiß beschäftigt sich als Blogger (neunetz.com) und Journalist seit mehr als zehn Jahren mit der digitalen Wirtschaft.
(Quelle: Marcel Weiss )
PayPal, Mastercard und Visa haben sich von Libra distanziert - wird die Digitalwährung totzdem kommen?
Marcel Weiß:
Nichts ist gewiss, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Libra kommt, bleibt hoch, weil es extrem wichtig für die langfristige Strategie von Facebook ist, Super-Apps wie WeChat etwas entgegenzusetzen. Das ist der defensive Part von Libra, der offensive ist natürlich ebenso wichtig. Facebook könnte als größter Wallet-Betreiber innerhalb von Libra - die Digitalwährung wäre auch direkt in Instagram, Whatsapp und Facebook Messenger eingebaut - ein enormes neues Geschäftsfeld aufbauen. Sie werden das also weiter pushen. Nichts, auch nicht Oculus, ist wichtiger für die Zukunft von Facebook.
Warum sind so viele Libra-Partner abgesprungen?
Weiß:
Facebook hat den möglichen Widerstand aus der Politik unterschätzt. Was hier in erster Linie passiert ist: Politiker haben den Payment-Dienstleistern, PayPal, Mastercard und Visa gedroht, ihre bestehenden Geschäftsfelder noch näher unter die Lupe wegen Geldwäsche und ähnlichem zu nehmen. Denn die Gefahr mit Libra ist, dass die nationalen Regierungen die Hoheit über die Geldpolitik verlieren. Die Payment-Dienstleister und andere wie eBay hatten erst einmal bei Libra lose für die Verkündung zugesagt, ohne irgendwelche formal bindenden Verträge einzugehen. Diese Unternehmen haben sich ihre Optionen offen gehalten und nun, da der politische Gegenwind doch größer als erwartet war, sind sie kurz vor der der formalen Initiierung der Libra Association ausgestiegen - die meisten Ausstiege wurden am 11. Oktober bekannt, das erste offizielle Treffen der Association fand am 14. Oktober in Genf statt.
Facebook denkt jetzt bereits öffentlich darüber nach, statt des ursprünglichen Ansatzes auf sogenannte Stablecoins zu setzen. Facebook und die Libra Association werden so lang am Konzept von Libra feilen, bis sie es in den USA und den meisten anderen westlichen Ländern genehmigt bekommen.
Libra will das Konzept Kryptowährung in den Mainstream tragen - aber wollen das die Nutzer überhaupt?
Weiß:
Die meisten Menschen "wollen" sicher keine "Kryptowährung. Aber wollen sie mit minimalen oder gar keinen Transaktionskosten und blitzschnell Geld an Freunde und Bekannte schicken, günstiger Uber, Spotify und Bird nutzen, einfacher Microkredite aufnehmen und so weiter. Das Versprechen von Libra ist ein effizienteres und gleichzeitig günstigeres Bezahlökosystem, dessen pragmatische Vorteile für die Einzelmenschen im Alltag offensichtlich werden dürften. Noch ist das aber alles sehr theoretisch.
Welche Chancen hat die Politik mit ihren Plänen für eine Alternative zu Libra?
Weiß:
Libra ist vielversprechend, weil es mit Facebook, Instagram und Whatsapp direkt in die größten Social Networks der westlichen Welt integriert wäre. Und dann zusätzlich in weitere Dienste wie Uber oder Spotify. Die Verbindung mit dem Facebook-Universum macht Libra Mainstream-kompatibel. Und es ist Facebooks immense Nutzerschaft die laut Facebook auch günstigere Transaktionskosten gegenüber herkömmlichen Banktransaktionen ermöglicht, weil Betrugsverhinderung günstiger möglich sein wird. Ob das dann auch tatsächlich stimmt und wie das konkret für Libra auch abseits von Facebook umgesetzt würde, wird sich noch zeigen. Noch ist das wie gesagt alles theoretisch.
Aber kein alternatives Projekt kann diese Eigenschaften vorweisen. Statt über ein "europäisches Libra" zu sinnieren, wäre es sinnvoller über Libra und andere Projekte in einer stark von Netzwerkeffekten getriebenen Welt nachzudenken und wie man diese sinnvoll regulatorisch begleitet und notfalls begrenzt. Wenn es nicht Libra sein wird, dann könnte stattdessen schon morgen WeChats WePay oder Alibabas Alipay auch in Europa Fuß fassen und mit einer eigenen Kryptowährung die Wirtschaft und die Geldpolitik auf den Kopf stellen. Es ist wichtig, frühzeitig darauf eine konstruktive Antwort zu haben.



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