Interview
07.08.2015, 12:02 Uhr

Crowdfunding: "Regulierung erzwingt Professionalisierung"

Zum Schutz von Kleinanlegern trat am 1. Juli 2015 das Kleinanlegerschutz-Gesetz in Kraft. Es führt beim Crowdfunding und Crowdinvesting zu einigem Mehraufwand für Investoren und auch für Unternehmen.
Jens-Uwe Sauer, Chef von Seedmatch, nimmt die Einführung des Anlegerschutzgesetzes gelassen, auch wenn es Crowdfunding-Kampagnen aufwändiger macht
(Quelle: Seedmatch )
Wenn viele auch nur kleine Summen beitragen, kann eine ordentliche Finanzierung zusammenkommen: Das ist das Prinzip von Crowdfunding und Crowdinvesting. In Großbritannien finanzierte der Schwarm im vergangenen Jahr mehr als zwei Milliarden Euro. Deutlich bescheidener nimmt sich das Crowdfunding-Volumen in Deutschland aus: Es lag 2014 bei 140 Millionen Euro. Am 1. Juli 2015 trat das Kleinanlegerschutzgesetz (KASG) in Kraft, das Verbraucher vor unseriösen Kapitalanlagen schützen soll. Laut Jens-Uwe Sauer, Gründer und Geschäftsführer von Seedmatch aus Dresden führt das Gesetz zu einer größeren Professionalisierung der Plattformen, führt aber auch zu erheblichem Aufwand für die Organisation und die Werbung der Kampagnen.
Seit einem Monat gilt das neue Kleinanlegerschutzgesetz KASG –-was hat es gebracht?
Jens-Uwe Sauer: Das Kleinanlegerschutzgesetz verfolgt das Ziel, den sogenannten grauen Kapitalmarkt zu regulieren und private Investoren vor unseriösen Kapitalanlagen zu schützen. Crowdfunding bekommt dadurch einen gesetzlichen Rahmen und das ist erstmal eine gute Entwicklung, auch wenn das für die Crowdfunding-Plattformen wie für die Unternehmen oder Projekte, die Geld darüber einsammeln wollen, einen bürokratischen Mehraufwand bedeutet. Sogenannte partiarische Nachrangdarlehen, auf dieser Konstruktion funktionieren die Verträge der meisten Equity based-Crowdfunding-Plattformen, gelten jetzt als Vermögensanlage und folglich fordert der Gesetzgeber dafür einen Wertpapierprospekt. Allerdings kann die Erstellung solcher Prospekte schnell eine fünfstellige Summe verschlingen, die Start-ups gerade in der Gründungsphase nicht haben. Daher ist es gut, dass der Gesetzgeber diesen Prospekt erst ab einer geplanten Funding-Summe von 2,5 Millionen Euro verlangt.
Wie wirkt das KASG praktisch aus - verspüren Sie einen Rückgang des Interesses an Crowdfunding unter Unternehmen oder unter Investoren?
Sauer: Nein. Auch wenn Online-Werbung für die einzelnen Kampagnen nun mit einem Warnhinweis versehen werden muss, ist noch kein Unternehmen abgesprungen. Den Kreis unserer Crowd-Investoren haben wir im Blog und per Newsletter vorbereitet, welche Änderungen sie erwarten und dass sie nach Einführung des KASG ihre persönlichen Daten bei Seedmatch ergänzen müssen. Für Investments über 1.000 Euro müssen Investoren nun eine Selbstauskunft geben. Dafür müssen sie elektronisch bestätigen, dass sie nicht mehr als zwei Monatsgehälter investieren wollen oder aber über ein Vermögen von mehr als 100.000 Euro verfügen. Auch das hat das Interesse an der Finanzierung neuer Ideen nicht schmälern können. Das gilt auch für die elektronische Bestätigung des Vermögensanlagen-Informationsblattes, eine neue, rechtlich geforderte Zusammenfassung des Crowdfundingprojektes mit seinen Risiken, die ebenfalls zu Mehraufwand auf beiden Seiten führt.
Verteuern sich durch diesen Mehraufwand die Crowdfunding-Kampagnen?
 
Sauer: Nein - aber da kann ich nur für Seedmatch sprechen. Die Integration von Warnhinweisen in Online-Kampagnen und die Produktion eines Vermögensanlagen-Informationsblattes, das per Post zur Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) geschickt werden muss, bedeuten einen überschaubaren Mehraufwand. Unsere Provision pro Projekt beträgt 5 bis 10 Prozent der Finanzierungssumme, der Mehraufwand durch das KASG auf der Plattform ist damit abgedeckt.
Wird das KASG Crowdfunding-Plattformen verändern?
 
Sauer: Die Regulierung erzwingt eine Professionalisierung der Anbieter und Plattformen. Durchaus möglich, dass kleinere Projekte diesen Aufwand nicht mehr mitmachen können. Dadurch kann sich die Qualität der Plattformen im Markt erhöhen. Für Seedmatch ist das kein Problem, wir haben einige Forderungen des KASG sogar schon vor Einführung des Gesetzes erfüllt.

Crowdfunding: Nicht nur für neue Geschäftsideen

In Deutschland wurden vergangenes Jahr etwa 140 Millionen Euro durch die Crowd finanziert. Die Schwarmfinanzierung wird immer beliebter. Wie entwickelt sich Seedmatch?
 
Sauer: Diese Summe bezieht sich auf alle Formen des Crowdfunding, auf das anlageorientierte Crowdfunding entfallen rund 29,8 Millionen Euro. Seit dem Start 2011 sind wir stetig gewachsen. Inzwischen wurden über Seedmatch mehr als 80 Projekte mit rund 24 Millionen Euro finanziert, vergangenes Jahr hat ein Star-tup die Höchstsumme von drei Millionen Euro erreicht. Wir haben im Laufe der Zeit gemerkt, dass sich Crowdfunding nicht nur für die Finanzierung neuer Geschäftsideen und Start-ups eignet, sondern auch für erneuerbare Energien und Green Tech oder Immobilien-Projekte und junge Wachstumsunternehmen. Daher haben wir mit Econeers und Mezzany neben Seedmatch zwei spezialisierte Crowdfunding-Plattformen ins Leben gerufen. Crowdfunding insgesamt wird in seiner Bedeutung weiter steigen. Darauf reagieren wir. So arbeitet Seedmatch zum Beispiel mit einer Bank zusammen. In der Zukunft können und sollen weitere Formen von Kooperationen nicht ausgeschlossen werden.
Gibt es erkennbare Schwerpunkte bei den Unternehmen und Projekten, die Geld suchen?
 
Sauer: Anhand der Start-ups, die sich bei uns bewerben, lassen sich die aktuellen Innovationstrends ablesen. Sie beschäftigen sich oft mit Ideen für den E-Commerce, mit neuen mobilen Dienstleistungen; auch innovative Technologien sind darunter, beispielsweise aus der Biotech-Branche. Wir achten bei der Auswahl der Bewerbungen auch darauf, Nischen aufzubrechen und neue Ideen vorzustellen. Im vergangenen Jahr haben wir erstmals einem jungen Unternehmen aus der Pharmabranche geholfen, Geld für die Entwicklung eines Medikaments einzusammeln. Für die Pharmabranche und ihre hohen rechtlichen Auflage ist ein Crowdfunding zwar ziemlich gewagt, aber das Start-up wollte sich unbedingt mit der Crowd finanzieren, um unabhängig von großen Konzernen zu bleiben - was am Ende auch von Erfolg gekrönt war.
 
Crowdfunding gilt ja nicht nur als Strategie zur Kapitalbeschaffung, sondern auch als Strategie, für sich zu werben oder eine Community aufzubauen, die meistens auch noch aktiv mit eigenen Ideen Angebote und Produkte verbessern hilft. Trotzdem halten sich mittelständische Unternehmen sehr zurück bei dieser Finanzierungsform  - kann hier das KASG für mehr Sicherheit sorgen?
 
Sauer: Ob das KASG den Mittelstand weiter an Crowdfunding heranführen kann, muss sich erst zeigen. Sicher sind die Marketingeffekte und auch das Community-Building im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne auch für den Mittelstand interessant. Mit Mezzany haben wir eine Plattform geschaffen, über die auch die Finanzierung eines Mittelständlers mit starkem Wachstums und hohem Kapitalbedarf denkbar wäre.

Kreativität kennt keine Grenzen: Auf Crowdfunding-Plattformen finden die verrücktesten Ideen ihren Platz. Indiegogo hat aktuelle, innovative und tatsächlich auch etwas verrückte Kampagnen gesammelt, die sich rund um das Thema Technik drehen. Mit dabei: ein Tracking-System für UFOs und ein Solarmodul für unterwegs.





Das könnte Sie auch interessieren