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Gastkommentar Auf Trendtour in Tokio und Shanghai: WeChat, Alibaba und KI

Jan Möllendorf, geschäftsführender Gesellschafter von defacto x

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Jan Möllendorf, geschäftsführender Gesellschafter von defacto x

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Neues besser einordnen und die Unternehmensstrategie und das eigene Angebot zukunftsfit machen: Das sind die Ziele der "Trendtouren" von defacto x. Jan Möllendorf erzählt, was die Digitalbranche in Tokio und Shanghai lernen kann.

Von Jan Möllendorf, geschäftsführender Gesellschafter von defacto x

Zu den bereicherndsten Erfahrungen im Management gehören Trendtouren mit dem Ziel, technologische Entwicklungen live vor Ort in Ländern kennenzulernen, die uns Europäern voraus sind. Der Sinn unserer Reisen ist es, diese Entwicklungen und deren Relevanz für unsere Kunden einschätzen zu können und in unser Business mitzunehmen. Die eigene Erfahrung und das Kennenlernen von Machern vor Ort sind durch nichts zu ersetzen. Trendtouren sind daher für uns, die wir in einer von Technologie geleiteten Branche unterwegs sind, der perfekte Jahresauftakt.
 
Es muss nicht immer die CES in Las Vegas sein, haben wir uns in diesem Jahr gesagt. Stattdessen ging es für unser Team von defacto x im Rahmen der DDV-Dialogtour nach Tokio und Shanghai. Warum gerade dieses Ziel? Wir waren im Jahr 2008, es war unsere erste Trendtour, in Tokio und 2012 in Shanghai. Es waren gleichermaßen irritierende wie inspirierende Reisen und wir hatten jetzt das Gefühl, Asien sei für uns wieder "dran". Und wie!

Asien

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Perspektivwechsel

An die Wucht, mit der uns im Jahr 2008 das in Europa bis dato unbekannte Phänomen "Social Media" beeindruckte, kam die Reise des Jahres 2017 nicht heran. Aber eine Vielzahl an fachlichen und emotionalen Impulsen hat uns erneut Perspektivwechsel ermöglicht. So erscheinen die gegenwärtigen (Brexit-) Diskussionen in Europa im Licht der schieren Größe und der Ambitionen Chinas noch kleiner.

Was die Technologie angeht, haben wir gesehen, worauf wir in Deutschland schon lange warten: Per WeChat oder AliPay wird bargeldlos bezahlt. Unsere westlichen Kreditkarten werden gar nicht mehr angenommen, die Bargeldversorgung ist längst nicht mehr so wie wir es aus Europa kennen. Man integriere WhatsApp, Facebook, Instagram, ApplePay, LinkedIn und mein Bankkonto, dann kommt man da hin. Während wir hier noch über das Internet der Dinge philosophieren, geht es dort um Internet of Abilities. Professor Jun Rekimoto an der Universität von Tokio entwickelt Innovationen im Kontext Mensch und Maschine, die verblüffen und für die einmal mehr gilt: Man muss das selbst sehen und fühlen, sonst versteht man das nicht.

Roboter

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Das Gegenteil unserer Homeoffice-Kultur

Tokio und Shanghai sind auch deshalb als Reiseziel so interessant, weil Japan und China so unterschiedlich sind: in Japan eine Gesellschaft, die mit Überalterung zu kämpfen hat, die auf Impulse von innen heraus setzt. Englisch zur Verständigung? Fehlanzeige. In Unternehmen herrscht "Gesichtspflicht" - das Gegenteil unserer Homeoffice-Kultur. Das wirkt alles sehr verhärtet. Auf der anderen Seite ist der konsequente Perfektionismus, mit dem ein Kunde bedient wird, herausragend. Consumer Centricity scheint Bestandteil der DNA Japans. Künstliche Intelligenz wird hier als Lösung für allerlei Probleme gesehen, entsprechend fördert der Staat Projekte in diesem Bereich.
 
Im ambitionierten, vernetzten China, ist die Dynamik und Offenheit für Impulse, egal woher, spürbar. Die großen chinesischen Internetfirmen helfen internationalen Unternehmen und Start-ups sogar, in China Fuß zu fassen. Denn wer von außen hier herein will, muss zunächst einmal lernen, dass die Uhren hier anders ticken, das fängt schon mit den wesentlich längeren Arbeitszeiten an.
 
Hier haben wir gesehen, dass die Nutzerzahlen im Bereich interaktives Fernsehen explodieren. Ob dieser Trend doch irgendwann auch in Europa einsetzt? Wir haben auch Einblicke in die Welt des Händlers Alibaba erhalten. Was hier an Masse und Distanzen gewuppt wird...

Eine interessante Veränderung im Vergleich zu früher: Unternehmen in China setzen auf selbst gehostete Kundendaten und bauen die eigenen Kundenkontaktpunkte aus. Aktuell beherrschen die drei großen Player Alibaba, Baidu und Tencent mit ihren Marken mehr als 60 Prozent des Online-Marktes. Entertainment und Storytelling sind extrem wichtig. Was den Umgang mit ihren Daten angeht, sind die Konsumenten sehr vertrauensvoll.

Mein Fazit

Gehen Sie auf Reisen. Bereiten Sie diese Reisen gut vor und sparen Sie auf keinen Fall an einem guten Guide vor Ort. Denn Sie brauchen ihn oder sie als Kultur-Übersetzer, Schwerpunktleger und Türöffner, sonst gehen Sie schnell verloren.

Planen Sie für Ihre Trendtour pro Destination bis zu fünf Arbeitstage zuzüglich Reisetage ein, damit auch genügend Zeit für das Kennenlernen von Land und Leuten bleibt. Und stellen Sie idealerweise eine heterogene Reisegruppe zusammen, denn das Erlebte offenbart sich facettenreicher in der Diskussion und in Einbeziehung verschiedener Perspektiven.

Der Nutzen: Die Erlebnisse helfen, Neues besser einzuordnen, die eigene Unternehmensstrategie und das eigene Angebot zukunftsfit zu machen. Und im Kundenmeeting kann man mit der einen oder anderen originären Anekdote Argumente untermauern.

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