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Shop auf Magento 2 migrieren

Gastbeitrag So geht der Umzug auf das neue Magento 2

Fotolia.com/kritiya
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Die E-Commerce-Software Magento 2 ist noch kein halbes Jahr auf dem Markt. Der Support für die Version 1.x läuft erst 2018 aus. Dennoch kann und sollte man schon jetzt über eine Migration nachdenken.

Von Alexander Steireif, E-Commerce-Consultant bei Netz98 New Media GmbH

Mit Magento 2 hat das gleichnamige Software-Unternehmen den nächsten großen Schritt vollzogen. Die neue Shop-Software hat einiges zu bieten. Dies gilt für die Enterprise Edition genauso wie für die Community Edition, denn beide bauen auf denselben Prinzipien und Strukturen auf. Im Gegensatz zu den zahlreichen Updates der letzten Jahre handelt es sich bei Magento 2 um eine vollständig neu konzipierte Shop-Software.

Das Magento-Entwicklerteam setzte auf die Integration von State-of-the-Art-Technologien und modernste Architektur- und Entwicklungskonzepte. So konnten architektonische Schwächen und andere Einschränkungen, die die Version 1.x in den letzten Jahren begleiteten, gelöst werden. Dazu zählte etwa das Thema Performance, dem man besondere Aufmerksamkeit widmen musste, oder höhere beziehungsweise komplexere Abhängigkeiten bei Klassen, da noch nicht auf das Prinzip der "Dependency Injection“ gesetzt wurde.

Nur geringer Unterschied zwischen Community und Enterprise Edition

Zum jetzigen Zeitpunkt verfügt die Community Edition von Magento 2 über nahezu die gleichen Features wie die Enterprise Edition und bietet beispielsweise auch einen Full-Page-Cache. Die Enterprise Edition verfügt mit der Solr-Search-Engine, der Möglichkeit auf verteilte Datenbanken zuzugreifen, dem Support für den Google-Tag-Manager oder der Verwaltung unterschiedlicher Nutzerrollen über einige im Enterprise-Kontext relevante zusätzliche Funktionen. Gewaltig ist der Abstand zur Community Edition allerdings noch nicht.

Damit bietet Magento 2 ein Leistungsspektrum, das bei der Gewährleistung einer 100-prozentigen Abwärtskompatibilität nicht möglich gewesen wären. Ein Update ist aufgrund des technologischen Sprungs also nicht im Handumdrehen machbar, aber selbstverständlich möglich.

Magento wird in der Version 1 noch bis einschließlich 2018 mit kritischen Sicherheitsupdates und Patches versorgt. Shop-Betreibern und E-Commerce-Verantwortlichen steht also eine ausreichend lange Zeitspanne zur Verfügung, um eine Migration und einen Relaunch gründlich zu planen und ohne Zeitdruck durchzuführen. Dennoch ist es ratsam, sich früh mit einem Umstieg zu beschäftigen und die aktuell vorhandene Zeit in die Planung, Entwicklung und Optimierung des neuen Magento-2-Shops zu stecken. Auch, weil die Version Magento 2 einen besonderen Mehrwert verspricht. Die Frage ist dann nur, ob die Vorteile durch den Umstieg aktuell schon in einem sinnvollen Verhältnis zum Migrationsaufwand stehen.

Mehrwert durch Magento 2

Aber zuerst die Vorteile: Magento hat sein Augenmerk bei der neuen Version auf die Themen Stabilität, Performance und Skalierbarkeit gelegt. Die Software erhebt nicht den Anspruch, Shop-Betreibern und E-Commerce-Verantwortlichen eine gewaltige Palette neuer Features zu bieten. Daher deckt sich der Funktionsumfang von Magento 2 größtenteils mit dem der aktuellen Enterprise Edition 1.14.

Das mag manchen irritieren, sind wir doch an die Bereitstellung immer neuer Features mit jeder neuen Softwareversion gewöhnt. Unter der Haube finden sich aber zahlreiche Neuerungen, die hinsichtlich unternehmenskritischer Faktoren wie Performance, Stabilität und Skalierbarkeit tatsächlich relevant sind: Magento 2 setzt auf moderne Technologien und Frameworks wie PHP 5.6 beziehungsweise PHP 7, jQuery, HTML5 und Varnish 4. Bei dem von Grund auf neu entwickelten Applikations-Kern kommen zeitgemäße Architekturmuster zum Einsatz. Dazu gehört etwa auch das eingangs erwähnte Prinzip der Dependency Injection. Dadurch lassen sich die Module in Magento 2 im Gegensatz zum Vorgänger wesentlich besser durch automatisierte Unit-Tests – auch als Modultest bekannt – absichern.

Generell bietet Magento 2 ein Test-Framework, mit dem sich eine Vielzahl automatisierter Tests (nach Typ, Modul oder eigene Entwicklungen) auswählen und ausführen lassen. Durch die wesentlich modularere Struktur können zudem negative Effekte wie Abhängigkeiten und Konflikte bei der Erweiterung bestehender Funktionen und der Entwicklung neuer Features stark reduziert werden. Systemweit geht man von einer durchschnittlichen Performance-Steigerung von über 25 Prozent aus. Damit sind auch die Bereiche, bei denen es früher ohne professionelle Agentur-Unterstützung immer etwas gehapert hatte, mit der Version 2 grundlegend optimiert.

Schritte auf dem Migrationsweg

Schritte für den Umzug auf Magento 2

Netz98

Die Migration einer auf Magento-1.x-basierenden E-Commerce Plattform auf die aktuelle Version ist ein komplexer Vorgang, der vorab eine intensive Planungs- und Analysephase erfordert.

  • Zuerst müssen individuelle Anpassungen und Modifikationen innerhalb der aktuellen Magento-1.x-Plattform identifiziert und analysiert werden. Dabei sollte auch gleich eine Dokumentation der bisherigen Funktionen und Prozesse erstellt werden. Diese dient während und nach der Migration als Blaupause und Prüfprotokoll.
  • Aufgrund der fehlenden Abwärtskompatibilität müssen nun im nächsten Schritt sowohl die Magento-Module (Extensions) wie auch das Magento-Design (Themes) portiert werden (3. Schritt in der Grafik). Auch wenn es hierfür semiautomatisierte Prozesse gibt, ist dieser Punkt letztendlich der größte Aufwandstreiber innerhalb einer Magento-2-Migration. Je höher der Individualisierungsgrad, umso größer der zeitliche Bedarf. 
  • Nach dem Start der Migration werden alle innerhalb des Backends ausführbaren Tätigkeiten eingestellt. Dazu zählen unter anderem die Artikelanlage, das Bearbeiten von Bestellungen etc.
  • Durch die Aktivierung des Wartungsmodus (Schritt 6 in der Grafik) wird darüber hinaus sichergestellt, dass weder Kunden im Frontend noch Mitarbeiter im Backend Daten erzeugen und Aktionen ausführen können.
  • Nach einer erfolgreichen Sicherung der Datenbank und des Dateisystems kann mit dem Deployment der Magento-2-Dateien begonnen werden. Danach folgt die Umzug der Magento-1.x-Datenbank auf die Magento-2.x-Struktur.

Was kann, was muss migriert werden?

Im Gegensatz zu vorherigen Magento-Updates ist der Umstieg auf Magento 2 meist mit einem höheren Aufwand verbunden. Dieser Aufwand entsteht speziell bei den Individualisierungen. Je größer der Customizing-Anteil, die Eingriffe in den Core und je unsauberer die Programmierung beziehungsweise je komplexer die Verschachtelung, umso höher ist der manuelle Anpassungsaufwand.

Eine Migration von Magento 1 auf die neue Version umfasst zwei große Bereiche. Einerseits gibt es Daten, die relativ einfach automatisiert übernommen werden können. Grob gesagt handelt es sich dabei um Artikelinformationen, Kategorien oder auch Kunden. Auf der anderen Seite gibt es Bestandteile des Shops, bei denen von Entwicklern Handarbeit gefordert wird, da komplexe Module und Designs nicht einfach zu 100 Prozent automatisiert übernommen werden können.

Produkt- und Kundendaten sowie Systemeinstellungen

Artikelinformationen, Kategorien oder auch ganz allgemein Systemeinstellungen sind in der Datenbank gespeichert. Da Magento 2 eine veränderte Datenbankstruktur besitzt, ist eine Migration der bisherigen Daten in die neue Struktur nötig. Magento stellt für diesen Schritt ein Datenmigrationstool zur Verfügung, sprich ein Werkzeug, welches bei der Transformation der Inhalte unterstützt. Dieser Schritt lässt sich zum großen Teil automatisiert durchführen, auch wenn eine abschließende manuelle Prüfung, ob die Daten korrekt übernommen wurden, unerlässlich ist. Kommen die Produkt- und Kundendaten aus einem CRM- oder ERP-System, besteht gegebenenfalls auch die Möglichkeit eines Imports aus den externen Systemen. In einem solchen Fall könnte man bei Magento 2 auch mit einer „nackten“ Datenbank das Projekt beginnen.

Design & Optik

Jeder Online-Shop besitzt in der Regel ein individuelles, auf die Corporate-Identity abgestimmtes Design. Wie bei den Daten muss auch das Design, welches in der Regel aus Javascript-, CSS-, XML- PHP- und HTML-Dateien besteht, in eine neue Struktur überführt werden. Bei Magento 2 hat sich nicht nur die Verzeichnisstruktur und somit die Zugehörigkeit von Dateien zu bestimmten Verzeichnissen geändert. Auch gibt es, rein von der technischen Seite betrachtet, moderne Möglichkeit bei der Entwicklung bestimmter Komponenten. Bei der Entwicklung von CSS-Dateien greift man in Magento 2 künftig auf LESS zurück, bei Javascript-Komponenten kann man jQuery als Framework nutzen.
 
Neben der strukturellen Arbeit gilt es, bei der Migration die neuen Magento-2-Coding-Standards zu erfüllen und auf besagte neue Technologien zu setzen. Aufgrund der damit verbundenen Komplexität ist eine automatisierte Migration des Designs beziehungsweise Templates nicht möglich.

Module & Extensions

Genau wie beim Design verfügt jeder Magento-Shop in der Regel über individuell entwickelte Modul-Erweiterungen oder kostenpflichtige Extensions. Die Module, welche den Funktionsumfang von Magento erweitern oder komplett neue Funktionen bereitstellen, müssen bei einer Migration ebenfalls übernommen werden, damit der bisherige Funktionsumfang erhalten bleibt.
 
Bei der Modulentwicklung gibt es im Vergleich zur Vorgängerversion ebenfalls bedeutende Änderungen. Dies betrifft zum einen die Abhängigkeiten zum Magento-Core, zum anderen die Struktur, in der die Magento-2-Extensions aufgebaut sind. Abgesehen davon spielen auch Unit-Tests eine wesentlich wichtigere Rolle. Das in Magento 2 umgesetzte Prinzip besagt dabei, dass alle Module mit ausreichenden Testfällen abgedeckt sein müssen. Dadurch steigen die Anforderungen bei der Modulentwicklung, Module werden zum Teil deutlich komplexer, aber insgesamt robuster als in Magento 1. Dementsprechend ist bei der Migration der Extensions manuelle Arbeit notwendig, um bereits existierende Module an die neuen, Magento-2-spezifischen Anforderungen anzupassen. 

Aufwandsminimierung durch Automatisierung

Auch wenn die Migration der Templates und Magento-Extensions offensichtlich nicht vollständig automatisiert ablaufen kann, gibt es gewisse Basisarbeiten, die bei jeder Magento-2-Migration identisch sind und den Ansatz für Automatisierungslösungen bieten. Etwa die Umstrukturierung der Dateistruktur oder die Anpassung von Klassennamen. In Kombination mit dem Datenmigrationstool können so doch etliche Prozessschritte einer Migration automatisiert ablaufen. Dies erlaubt es, das Fehlerpotenzial bei Magento-2-Updates zu senken und Ressourcen im Projekt für Optimierung sowie die Anpassung der Module und des Designs frei zu halten. Auch hier gilt, je näher an den Magento-Standards programmiert wurde, je klarer die Abhängigkeiten sind und je größer die Testabdeckung, umso einfacher und reibungsloser ist eine Migration.

Fazit

Für Magento-Shop-Betreiber ist die neuste Version von Magento eine spannende Lösung, die speziell in den Bereichen Performance, Stabilität und Skalierbarkeit überzeugt und damit die größten Herausforderungen vieler Shop-Betreiber quasi aus dem Stand meistert. Durch das dreijährige Zeitfenster gibt Magento den Shop-Betreibern genügend Zeit zur Planung und Durchführung einer Migration. Auch wenn diese im Vergleich zu früheren Versionsupdates an manchen Stellen sicher mit erhöhten Aufwänden verbunden ist, so rechnet sich der Aufwand doch nach kürzester Zeit.

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