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Delivery Hero
Plattformen 12.08.2021
Plattformen 12.08.2021

Online-Lieferdienst Delivery Hero verschreckt Investoren - und baut Foodpanda zum Marktplatz aus

Delivery Hero
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Da Delivery Hero-Konzernchef Niklas Östberg weiter auf Wachstum setzt, wird der Ausblick für die Marge gesenkt. Die Börse reagierte verschnupft. Hierzulande expandiert man indes mit der Tochter Foodpanda, die sich zu einem Marktplatz für allerlei à la Amazon entwickelt.

Nach einem starken zweiten Quartal hat der Online-Lieferdienst Delivery Hero seine Umsatzprognose für 2021 angehoben. Da Konzernchef Niklas Östberg aber weiter voll auf Wachstum setzt, senkte das Unternehmen den Ausblick für die Marge. Im laufenden Jahr werde nun ein bereinigtes operatives Ergebnis in Relation zum Bruttowarenwert von etwa minus 2 Prozent statt bislang minus 1,5 bis minus 2 Prozent erwartet, teilte der Dax-Konzern in Berlin mit. An der Börse reagierten die Investoren verschnupft. Die Aktie büßte am Mittag fast fünf Prozent ein.

Delivery-Hero-Finanzchef Emmanuel Thomassin begründete im Gespräch mit der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX den negativeren Margenausblick mit höheren Investitionen vor allem in der Region Asien-Pazifik, in der der Konzern bereits aktiv ist. "Da, wo wir weitere Marktanteile gewinnen können, werden wir verstärkt mit Gutscheinen und anderen Marketing-Aktionen werben." Die bereits geplanten Ausgaben für den Aufbau des Geschäfts in anderen Ländern wie zum Beispiel Ecuador, Japan, Peru und Vietnam erwartet er hingegen weiter bei 550 Millionen Euro. Circa 25 Millionen Euro davon entfallen auf den Wiedereintritt in Deutschland unter der Marke Foodpanda.

Allerdings hob das Management am Donnerstag auch seine Prognose für den Umsatz und den Bruttowarenwert (GMV) an. Der Gesamtumsatz der Segmente soll nun zwischen 6,4 und 6,7 Milliarden Euro liegen - also im besten Fall gut 100 Millionen mehr als bislang kommuniziert. Analysten haben bisher im Schnitt nur 6,3 Milliarden auf dem Zettel. Beim Bruttowarenwert rechnet der Konzern jetzt mit 33 bis 35 Milliarden Euro nach zuletzt maximal 34 Milliarden.

Rechnerisch ergeben die neuen Prognosen für den Bruttowarenwert und die operative Marge einen um Sondereffekte bereinigten Verlust vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 660 bis 700 Millionen Euro. Das wäre mehr, als Experten bislang vermutet hatten. Im vergangenen Geschäftsjahr hatte das Minus noch bei rund 590 Millionen Euro gelegen.

Meinungen gehen auseinander

Unter den Analysten gingen die Meinungen auseinander. Jefferies-Analyst Giles Thorne kritisierte, das neue Margenziel komme zu einer "schwierigen Zeit", weil derzeit gleich mehrere Anbieter den Markt durchrüttelten. Die DZ Bank fand klare Worte: "Delivery Hero hat zwar starke Zahlen geliefert, allerdings befand sich keine Kennzahl oder Prognose über den (sehr hohen) Markterwartungen." Inzwischen gebe es "zahlreiche Risiken", die vom Markt nur begrenzt reflektiert würden. Die Bank stufte daher ihr bisheriges Kaufvotum auf "Halten" herab.

JPMorgan-Experte Marcus Diebel sieht in dem nun höher erwarteten operativen Verlust kein allzu großes Hindernis. Er ist mit seinem Kursziel von 212 Euro der mit Abstand optimistischste von allen Analysten, die von dpa-AFX erfasst sind. Von diesem ist die Aktie derzeit weit entfernt. Nach der gesenkten Prognose für die Marke sackte sie zuletzt um fünf Prozent auf 119,90 Euro ab. Damit rutschte das Papier auch in diesem Jahr deutlich ins Minus und gehört zu den größten Dax-Verlierern. 2020 war die Aktie mit einem Plus von 80 Prozent noch der größte Gewinner im Dax, in den sie im Sommer 2020 aufgestiegen ist.

Zweites Quartal

Im zweiten Quartal konnte der Konzern unterdessen wieder deutlich zulegen. Die Zahlen sowie die Vorjahreswerte enthalten das inzwischen übernommene südkoreanische Unternehmen Woowa. Die Zahl der Bestellungen legte um knapp 80 Prozent auf 730 Millionen zu. Der Bruttowarenwert stieg um fast drei Viertel auf 8,4 Milliarden Euro, während der Gesamtumsatz der Segmente sich mehr als verdoppelte und nun bei 1,55 Milliarden Euro liegt.

Operativ konnte Delivery Hero im ersten Halbjahr zwar die Marge im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 1,5 Prozentpunkte verbessern. Mit minus 2,1 Prozent gemessen am Bruttowarenvolumen wirtschaftete der Konzern aber weiter auf Verlustbasis. Ob der Konzern 2022 oder 2023 entsprechend profitabel sein könnte, ließ Finanzchef Thomassin offen. Langfristig peilt der Konzern eine Marge von fünf bis acht Prozent an. Das Ziel liegt nach Einschätzung von Experten noch in weiter Ferne. Sie gehen derzeit davon aus, dass Delivery Hero 2024 operativ profitabel ist - für 2026 hatten sie zuletzt eine Marge von rund vier Prozent auf dem Zettel.

Der Fokus des früheren Essenslieferanten liegt weiter auf der Etablierung seines sogenannten Q-Commerce-Geschäftes. Dabei sollen Waren innerhalb weniger Minuten von Partnergeschäften oder firmeneigenen Warenhäusern - sogenannte Dmarts - beim Kunden ankommen. Im zweiten Quartal seien weltweit 84 weitere dieser Mini-Lager gebaut worden. Insgesamt betrieb Delivery Hero Ende Juni insgesamt 687 davon.

Marktplatz für allerlei à la Amazon

Auch hierzulande wagt sich der Konzern wieder vor. Nach einer mehrwöchigen Testphase von Foodpanda in Berlin gab Östberg diese Woche bekannt, diesen Hebst auch nach Frankfurt, Hamburg und München expandieren zu wollen. Foodpanda-Kuriere sollen neben Q-Commerce-Bestellungen auch klassisch Restaurantessen ausliefern - dieses macht nach wie vor den größeren Anteil des Geschäftes hierzulande aus. Perspektivisch soll jedes der drei Segmente - also Marketplace, Dmarts und Restaurants - gleich viel zum Gesamtumsatz beitragen, hatte Foodpanda-Chef Artur Schreiber zuletzt gesagt.

Insgesamt erinnert das Modell Foodpanda gar nicht mehr an einen klassischen Lieferdienst, sondern eher an einen Marktplatz für allerlei à la Amazon. So will die Delivery-Hero-Tochter nicht nur Restaurantbestellungen ausliefern und Einkäufe zustellen, sondern auch lokale Geschäfte an sich binden und ihnen die digitale Infrastruktur anbieten und sie in der App listen.

Allerdings lässt sich das Unternehmen die Listung in der App auch entsprechend vergüten. Auf Nachfrage sagte eine Konzernsprecherin, dass sich Foodpanda an der marktüblichen Provision von rund 30 Prozent bei einer Lieferzustellung orientiere. Verglichen mit anderen Delivery-Hero-Märkten sind die 30 Prozent Provision hierzulande aber ziemlich hoch. Denn in Südkorea beispielsweise, wo der Konzern zuletzt Woowa übernommen hatte, rechnet der Vorstand mit einer niedrigeren Mischkalkulation aus Provision und fester Bezahl- und Liefergebühr.

Mittlerweile liefert das Unternehmen fast die Hälfte seiner Bestellungen selbst aus. Nach der Übernahme von Woowa war die Quote etwas geringer. Davor hatte Delivery Hero aber einen Anteil von gut 61 Prozent an eigenen Auslieferungen. Diese gelten als besonders lukrativ für das Unternehmen, weil es dadurch mehr verdient.

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