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Ortlieb
Plattformen 30.09.2019
Plattformen 30.09.2019

Nach dem Sieg vor dem BGH

Warum Ortlieb gegen Amazon nicht allein kämpfen sollte

Ortlieb
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Zweimal stand Ortlieb vor dem BGH mit Amazon. Nach einer Niederlage, einem Sieg und einer sechsstelligen Investition erklärt das Familienunternehmen im exklusiven Interview, warum sein Kampf weitergeht und dabei die ganze Branche gefordert ist.

Hartmut Ortlieb, Inhaber des fränkischen Rad- und Outdoor-Spezialisten, trifft sich seit Jahren vor Gericht mit den Anwälten von Amazon. Er hat mit Dr. Andreas Lubberger seit 2013 eine Koryphäe als Rechtsanwalt an seiner Seite. Lubberger hat unter anderem das berühmte Coty-Urteil vor dem Europäischen Gerichtsshof erstritten. Seitdem dürfen Luxusparfum-Marken den Verkauf ihrer Produkte auf Amazon verbieten. Jüngst konnte Ortlieb mit Lubberger wieder einen Sieg gegen Amazon vermelden.

Wir haben mit Geschäftsführer Jürgen Siegwarth, Vertriebsleiter Martin Esslinger und Andreas Lubberger gesprochen und dabei erfahren, dass Ortlieb bei diesem Kampf an seine Grenzen stößt. Es ist ein Invest in den Fachhandel - ohne zu wissen, wie der es honoriert.

David hat wieder gegen Goliath gewonnen: Wie beurteilen Sie den jüngsten Erfolg von Ortlieb vor dem BGH gegen Amazon?
Andreas Lubberger:
Es war schon so ein Szenario, wie Sie es skizzieren, weil Amazon keinen Aufwand gescheut hat, was Schriftsätze angeht. Die Marke Ortlieb hat in den letzten zwei Monaten viel an Popularität gewonnen. Wir mussten lange dagegen anschreiben und sozusagen den Leseberg aus dem Weg räumen, den Amazon dabei geboren hat.

Martin Esslinger: Im Sinne der Markenhoheit war es uns immens wichtig, dass wir weiterhin darüber entscheiden können, was mit unserer Marke online passiert. Das Urteil hat viele andere Marken und Händler zum Nachdenken angeregt. Andererseits hat Amazon sich natürlich im Nachgang der beiden BGH-Entscheidungen schnell angepasst durch die Kennzeichnung von Wettbewerbsprodukten, mit dem Hinweis "sponsored" und der Einbindung des Namen Ortlieb im Fließtext statt in der Anzeige wie im Vorfeld.

Wie groß ist der zeitliche und finanzielle Aufwand, um diese Kämpfe vor Gericht und den selektiven Vertrieb aufrechtzuerhalten?
Lubberger:
Allein in diesem Prozess kommen wir locker auf Kosten von über 60.000 Euro. Zusammen mit den Budgets für die Gutachter geht es deutlich in den oberen sechsstelligen Bereich. Solche Prozesse dauern ohne Probleme vier bis fünf Jahre an. Das ist schon eine Hausnummer, wenn man so etwas angeht.

Esslinger: Und das sind nur die Anwaltskosten. Wir haben mit Hartmut Ortlieb vor einigen Wochen eine finale Rechnung aufgestellt. Es ist ein sehr, sehr hoher Invest und einen direkten Return gibt es nicht. Wir kriegen großen Zuspruch, auch von Endverbrauchern, die uns nach wie vor beispielsweise Emails schreiben. Auch vom Fachhandel erhalten wir sehr viel positives Feedback. Wir haben bewiesen, dass auch Amazon Grenzen zu setzen sind, man muss nur beharrlich sein. Amazon gibt nicht einfach so klein bei.

Jürgen Siegwarth: Im letzten Dezember haben Hartmut Ortlieb und ich überlegt, ob wir weitermachen und entschieden, das Thema weiter zu verfolgen. Uns ist das wichtig für die Markenhoheit, da gehen wir über die ganze Distanz.

Lubberger: Der Markenverband hat sich engagiert, aber die Hauptlast ist von Ortlieb getragen worden.

Lubberger

"Man kann mit Amazon nicht sprechen", weiß Andreas Lubberger von der Kanzlei Lubberger Lehment in Berlin. Der auf Markenrecht spezialisierte Rechtsanawalt hat schon 15 Mal gegen Amazon vor Gericht mittelständische Markeninhaber vertreten und dabei wegweisende Urteile gewonnen.

Lubberger

Wie viel steht es in Ihrer persönlichen Bilanz gegen Amazon? Wie lautet das aktuelle Ergebnis/Zwischenstand?
Lubberger:
  Unsere Kanzlei hatte sicherlich schon an die 15 Verfahren gegen Amazon gehabt. Ich selbst habe 2017 vor dem EuGH ein Urteil erstritten. Im September stand ich schon wieder vor dem EuGH gegen Amazon. Es ist erfolgreich, weil Amazon bestimmte Rechte nicht achtet, aber es dauert sehr, sehr lange, weil sich die Gerichte schwer tun auch mal Besonderheiten im Geschäftsmodell anzuerkennen.

Der erste Fall, war Coty. Sie haben es in einem wegweisenden Urteil vor dem EuGH geschafft, dass Luxusmarken wie Gucci, Dolce&Gabbana und Hugo Boss auf Drittplattformen wie Amazon verboten werden dürfen.
Lubberger:
Richtig, der erste Fall war Coty gegen Akzente. Im Grunde steckte Amazon dahinter, die dort mit eigenen Anwälten engagiert waren, bis wir das unterbunden haben, und vermutlich daneben finanzielle Unterstützung geleistet hat.

Einige Sportartikel sind erklärungsbedürftige Premiumprodukte. Ein entsprechendes Umfeld mit Präsentation, Beratung und Service sind nötig, damit ein Händler Ortlieb-Produkte verkaufen darf. Sehen Sie Chancen, das Premiumsportartikel nicht mit einer ähnlichen Begründung wie Luxusprodukte von Coty ebenso auf Plattformen verboten werden?
Lubberger:
Ja, ganz eindeutig. Das setzt aber voraus, dass die Sportmarke ein klares Konzept hat. Man kann sich das auch vorstellen für einen Direktvertrieb, aber meistens gilt das für den Selektivvertrieb, wie es bei Ortlieb der Fall ist. Das setzt aber voraus, dass die Sportmarke ein klares Konzept hat, was die Qualität im Handel ausmacht. Daraus muss man ableiten, warum bestimmte Plattformen verboten und andere vielleicht zugelassen werden.

"Bei Amazon ist es üblich, die Dinge zu mischen"

Die beiden Gerichtsurteile gegen Amazon werden unter den Titeln "Ortlieb I und II" geführt. In einem Fall haben Sie verloren, im anderen gewonnen. Amazon darf nun zwar keine Konkurrenzprodukte mehr anzeigen, wenn auf Google nach Ortlieb-Taschen gesucht wird, aber sie dürfen Produkte von Wettbewerbern auf der Amazon-Plattform anzeigen, wenn Ortlieb als Suchbegriff in die interne Suchmaschine von Amazon eingegeben wird. Wird Ortlieb nun nach dem Sieg bei den Anzeigen vor dem BGH das ähnliche aber verlorene Urteil vor dem OLG München anfechten?
Lubberger: Der Bundesgerichtshof hatte sich in seiner Begründung zu Ortlieb II auf einen ähnlichen Fall bezogen. Wenn eine geschützte Marke in der Google-Anzeige verwendet wird, dann findet im Kopf des Suchenden eine Kanalisierung auf die Marke statt. Dann ist eine Ergebnisliste mit anderen Marken irreführend. Das ist bei Ortlieb II bestätigt worden. Das gilt nun für alle Marken. Im Ortlieb I-Verfahren, wo der Verbraucher selber eine Entscheidung trifft, wonach er sucht, soll diese Kanalisierung nicht stattfinden. Der Verbraucher soll wissen, dass es bei Amazon üblich ist, die Dinge zu mischen. Das ist aus meiner Sicht überhaupt nicht überzeugend. Wir haben auch ein Gutachten des renommierten Umfrageinstitutes Pflüger Rechtsforschung eingeholt, das bestätigt, dass 76 Prozent der Verbraucher entweder davon ausgehen, dass sie die Marke erwarten, die sie eingegeben haben oder sie überhaupt keine Vorstellungen haben zur Amazon-Ergebnisliste. Also irritiert sind. Diese Irritation würde nach unserer Meinung auch schon ausreichen. Bei Ortlieb I war der OLG eigentlich unserer Meinung, aber er hat sich dann der sogenannten Segelanweisung des BGH nicht widersetzen wollen. Sie haben dann die prozessuale Antragsstellung beklagt und sind auf die Irreführung des Verbrauchers leider mit keinem Wort eingegangen. Das war für uns sehr traurig. Ich sehe das erste Verfahren als das wichtigere an und bin immer noch tief enttäuscht über das Ergebnis. Vor allem wenn man bedenkt, dass zeigen auch Marktforschungen, dass immer mehr Verbraucher nicht über Google, sondern über Amazon Produkte suchen, wenn sie etwas kaufen wollen.

Amazon

"Ja, Amazon ist bei Convenience die Nummer eins, wenn es um eine schnelle und unproblematische Abwicklung im Kaufprozess geht. Aber was ist beispielsweise bei einer Reparatur?", fragt Martin Esslinger Vertriebsleiter bei Ortlieb.

shutterstock.com/Eric Broder Van Dyke

Esslinger: Wir sehen das genauso wie Herr Lubberger. Die Entscheidung des OLG bei Ortlieb ist zu wichtig für Marken und die Markenhoheit im Allgemeinen, sodass wir nun unsererseits eine Nichtzulassungsbeschwere beim BGH eingereicht haben, wie es Amazon in beiden Fällen bereits zuvor getan hat, da alle Vorinstanzen immer zu unseren Gunsten entschieden hatten.

Welche Erfahrungen haben Sie im Umgang mit Amazon vor dem Gericht gemacht?
Lubberger:
Man kann mit Amazon nicht sprechen. Wir haben es dort mit vier bis fünf Kanzleien zu tun, die ausgewählt werden, um sie an Amazon zu binden und zu verhindern, dass sie gegen Amazon antreten. Ich habe festgestellt, wenn man lange genug kämpft, kann man mit eBay durchaus zu außergerichtlichen Lösungen kommen. Das ist bei Amazon nicht möglich. Da funktioniert nur Druck, das ist die eine Erkenntnis. Die andere Erkenntnis ist, dass die Stimmung sich schon dreht. In Deutschland ist der Internethandel lange Zeit als das neue Erfolgsmodell gesehen worden für Leute, die sich selbstständig machen wollen. Die Preistransparenz ist gelobt worden auf EU-Ebene. Es wurde gesagt, die Plattformen schaffen uns den Binnenmarkt. Und jetzt stellt man eben fest, dass im Online-Handel ein enormer Konzentrationsprozess stattfindet. Und dass sich das auf den stationären Handel auswirkt und dort ein erheblicher Druck entsteht. Die Händler müssen kämpfen. Die Städte und der Deutsche Städtetag adressieren das Problem. Sterbende Innenstädte ist ein Schlagwort. Das manifestiert sich allmählich auch in den Köpfen der Richter, und man findet mehr Gehör, wenn man dagegen vorgeht und auf sein Markenrecht drängt wie es vor fünf Jahren noch der Fall war.

Ist Ortlieb allein in diesem Kampf oder gibt es Unterstützung aus der Branche?
Esslinger
: Die Wala Heilmittel GmbH aus der Kosmetikbranche, welche ein ähnliches Verfahren zu Ortlieb I gegen Amazon anhängig hatte, hat zusammen mit uns und dem deutschen Markenverband e.V. in besagtes unabhängiges Gutachten investiert, welches aufzeigt, dass auch Amazon-affine Endverbraucher in der Mehrheit nicht erkennen, ob es sich bei den angezeigten Produkten um Ortlieb- oder Wettbewerbsangebote handelt. Diese Unterstützung haben wir erhalten, weil beide ebenfalls überzeugt sind, dass es hier um eine richtungsweisende Grundsatzentscheidung in der Frage der Markenhoheit geht. Da dieses Gutachten des Umfrageinstitutes Pflüger Rechtsforschung weder in der Urteilsbegründung des OLG im Ortlieb I Verfahren in Betracht gezogen wurde, noch das vom BGH zum Ausdruck gebrachten Verkehrsverständnis in der Abgrenzung von Ortlieb I zu Ortlieb II bestätigt, haben wir nun diese Nichtzulassungsbeschwerde vor dem BGH eingereicht. Das bedeutet gleichzeitig aber auch, dass wir erneut in Vorleistung und ins Risiko gehen zum Schutz der allgemeinen Markenhoheit.  Natürlich sind für uns als Mittelständler  diese sechsstelligen Beträge ohne gewissen Outcome ein hohes Risiko. Daher wäre es  wünschenswert, wenn weitere Marken oder Verbände auch aus unserer Branche sich ebenfalls diesem Kampf für den langfristigen Erhalt der Markenhoheit anschließen würden.

Esslinger

"Für alle Marken, denen die Hoheit über die eigene Marke, aber vor allem auch der Verkauf über den Fachhandel wichtig ist, ist es essenziell, diesen Fall nicht liegen zu lassen", erklärt Ortlieb-Vertriebsleiter Martin Esslinger.

Ortlieb

Deuter ist zwar ein Mitbewerber, aber sie kämpfen vor allem vor dem Hintergrund der Stabilo-Gruppe mit ihrem Kosmetikbusiness und den damit verbundenen Luxusmarken in der gleichen Sache.
Esslinger:
Nicht nur für Deuter, für alle Marken, denen die Hoheit über die eigene Marke, aber vor allem auch der Verkauf über den Fachhandel wichtig ist, ist es essenziell diesen Fall nicht liegen zu lassen. Am Ende sollte es im Interesse der gesamten  Sportartikelbranche sein.

Gibt es Unterschiede zwischen Sport-, Outdoor- und Bikehändlern, wie sie auf euren Kampf gegen Amazon reagieren?
Siegwarth:
Mit der Einführung des selektiven Vertriebs wurden wir anfangs von vielen belächelt, aber nun mit Amazon merken viele, dass wir es ernst meinen und diesen harten Weg wirklich gehen. Damit kriegen wir eine positivere Wertschätzung. Jetzt werden wir noch einmal ganz anders wahrgenommen. Die Reaktionen waren deshalb auch durchweg sehr erfreulich. Neben Kollegen aus der Outdoor- und Radbranche haben uns ebenso Gratulationen u.a. von Verbänden, der XXL-Gruppe oder den Outdoor-Profis erreicht. Wir haben rund 500 Veröffentlichungen in den Medien gehabt, darunter auch so wichtige wie Spiegel Online, dpa, "FAZ" und "Handelsblatt".

Esslinger: Ich würde keinen Unterschied zwischen den Fachhändlern nach Branchen sehen, sondern eher in dem qualitativen Anspruch der Händler. Denjenigen, denen das wichtig ist, die reagieren viel stärker auf das Thema. So hat sich zum Beispiel Bike Components in einem Bericht des Handelsblatt unterstützend dazu geäußert und unsere stringente Vertriebspolitik gelobt, weil diese dem Fachhandel zugutekommt.

"Es gibt nicht viele Marken, die diesen Weg so konsequent verfolgen wie wir"

Ortlieb hat seinen selektiven Vertrieb auch für reine Online-Händler geöffnet. Gibt es mittlerweile hier den ersten Kunden zu vermelden?
Esslinger:
Nach langen Gesprächen sind wir seit ein paar Wochen mit dem ersten reinen Online-Händler aktiv und ein zweiter wird demnächst dazukommen. Aber hierbei handeln wir ebenfalls mit Bedacht und gehen sehr selektiv vor. Nur dort, wo aus unserer Sicht auch echter Fachhandel stattfindet und wir einen Mehrwert für die Marke sehen, werden wir einen Versuch wagen. Dabei werden diese zunächst über eine Teilautorisierung aufgenommen, die bis zu einem Jahr andauern kann. Wenn die Zusammenarbeit und die Präsentation  von Ortlieb in dieser Phase für beide Seiten erfolgreich verlaufen und die gesteckten Erwartungen erfüllt wurden, dann wird der Händler vollständig in unser Händlernetzwerk aufgenommen.

Siegwarth: Wir haben ja 2011 den selektiven Vertrieb aufgesetzt. Und es gibt nicht viele Marken, die diesen Weg so konsequent verfolgen wie wir.

Nicht mehr viele, vor allem wenn man sich anschaut, ob der Online Shop direkt oder mit dem Fachhandel betrieben wird.
Siegwarth:
Wir betreiben unser Online Shop zusammen mit Arendicom, bei dem wir den Fachhandel mit einbinden.

Wir hören von einigen Marken, dass dabei nicht genug Händler mitmachen. Erzielt Ortlieb damit gute Umsätze?
Esslinger
: Man kann definitiv etwas verkaufen, das zeigen die Händlerumsätze der ersten Monate. Dabei haben wir uns aktiv gegen die Standardlösung von Arendicom entschieden und das System gemeinsam an unsere Vertriebsphilosophie angepasst. Wir wollen nicht, dass der schnellste Händler den Auftrag bekommt. Das entspricht nicht unserem Fachhandelsanspruch. Da gewinnt derjenige, der den ganzen Tag vor dem Computer sitzt, aber nicht derjenige der mit seinem Fachhandelskonzept überzeugt. Wir wollen, dass eine klare Bindung entsteht zwischen  Endverbraucher und dem Fachhandel. Bei uns kann sich der Endverbraucher selbst für einen Händler in seinem Umkreis entscheiden, im optimalen Fall ist sogar der Fachhändler seines Vertrauens darunter. So wird proaktiv eine Bindung zum stationären Händler hergestellt. Der Endverbraucher weiß, mit wem er es zu tun hat. Er weiß, wo er hingehen kann, wenn er Beratung braucht oder wenn er ein Problem hat. Aufgrund der Anpassungen des Systems war der Start ein wenig holprig, aber mittlerweile funktioniert es gut. Aktuell versenden wir Ware von unserem Lager aus im Namen des Händlers. In einem zweiten Schritt möchten wir unbedingt die aktuelle Warenverfügbarkeit beim Händler mit anzeigen, so dass der Endverbraucher sich vorab vom Händler beraten lassen und dann aber auch gleich kaufen kann. Doch aufgrund der fehlenden, digitalen Echtzeit-Vernetzung in unserer Branche, ist aktuell noch die Gefahr zu hoch, dass die Ware vor Ort nicht verfügbar ist und der Endverbraucher von Marke und Händler enttäuscht den Laden wieder verlässt und seine Kaufentscheidung überdenkt. Wenn ein System wie Veloconnect, welches bereits mit vielen Kassensystemen im Fahrradhandel verbunden ist, es noch schafft, den Austausch des Warenbestands zu integrieren, dann sind wir an dem Punkt, wo wir sagen, damit können wir live gehen. Aber Stand heute, können wir diesen Anspruch an die Customer Convenience leider noch nicht erfüllen.

Siegwarth

"Im letzten Dezember haben Hartmut Ortlieb und ich überlegt, ob wir weitermachen und entschieden, das Thema weiter zu verfolgen. Uns ist das wichtig für die Markenhoheit, da gehen wir über die ganze Distanz", betont Ortlieb-Geschäftsführer Jürgen Siegwarth.

Ortlieb

Worum geht es Ihnen und Ortlieb im Großen und Ganzen bei den vielen Kämpfen vor Gericht gegen Amazon?
Esslinger
: Wir haben nichts gegen Amazon. Uns geht es um den Verkauf über Plattformen und Amazon ist nun mal die größte Plattform im Vergleich zu anderen wie beispielsweise Zalando oder der Otto-Gruppe. Wir sehen nicht, dass wir über Plattformen unser Markenversprechen einlösen können, dafür bedarf es dem Fachhandel. Ja, Amazon ist bei Convenience die Nr. 1, wenn es um eine schnelle und unproblematische Abwicklung im Kaufprozess geht. Aber was ist zum Beispiel bei einer Reparatur? Dann versuchen Sie sich mal bei Amazon zu melden. Im Gegensatz dazu kann der Endkonsument jederzeit zu einem autorisierten Ortlieb Fachhändlern gehen, der mit uns zusammen dafür sorgt, dass das Produkt repariert wird. Gemeinsam mit dem Fachhandel wollen wir Mehrwerte generieren, die dann positiv auf diesen selbst zurückfallen. Wenn ein Endverbraucher seine reparierte Radtasche oder Rucksack dann wieder zurückbekommt, ist er nicht nur glücklich, sondern steht gleich im Laden und kauft eventuell noch weitere Produkte. Eine Win-win-Situation für Händler und Endverbraucher zugleich.

Ortlieb-Taschen

Im Bike- und Outdoor-Sektor sind die wasserdichten Ortlieb-Taschen der Standard - kein Wunder, dass Amazon diese begehrten Produkte gerne auf seiner Plattform hätte.

shutterstock.com/R.O.M.

Über allem steht natürlich die Markenhoheit. Gerade auf Plattformen besteht für Premiummarken die Gefahr, ausgenutzt und zunehmend austauschbar gemacht zu werden. Nach unserem Verständnis sind es Marken wie Ortlieb, die Innovationen vorantreiben, nicht die Eigenmarken von Amazon oder Decathlon. Werden wir als Marke austauschbar, dann sinkt langfristig unsere Investitionskraft für Innovationen, die Grundvoraussetzung um unseren Premiummarken-Charakter aufrecht zu erhalten. Doch nur so werden wir unser "Made-in- Germany-Versprechen", welches gleichzeitig eine  klare Nachhaltigkeitsstrategie ist, beibehalten können. Sprich, nur wenn wir die Markenhoheit in der Hand halten, können wir auch langfristig als Marke überleben.

Im Gesamtkontext geraten Marken auf lange Sicht auf Plattformen in eine Austauschbarkeit. Doch wenn dadurch die Markenvielfalt zurückgeht, was passiert dann? Die jetzt schon bestehende Marktmacht von Marktteilnehmern wie Decathlon oder Amazon wird noch größer. Die Innovationskraft geht verloren, Produkte werden zunehmend zu einem Einheitsbrei, den zunehmend wenige, große Markteilnehmer anbieten. Mit den entsprechenden langfristigen Folgen für den Endverbraucherpreis der Produkte. Wenn Marken, die Innovationstreiber sind, ihre Markenhoheit nicht mehr durchsetzten und ihr Markenversprechen nicht mehr einlösen können, dann verlieren kleinere Marken wie Ortlieb ihre Daseinsberechtigung.

Nichtsdestotrotz muss Ortlieb online sichtbar sein…
Esslinger: Ja, deswegen haben wir uns auch für Online Pure Player geöffnet, aber dabei  sprechen wir immer von einer qualitativen Sichtbarkeit. Dazu gehört Endverbraucher auch online "abzuholen" und an unsere Fachhandelspartner weiterzuleiten, wie wir es mit dem Verkauf über Ortlieb.de nun praktizieren. Nur so schaffen wir es die jüngere, nicht mehr so fachhandelsaffine Generation, die nicht verstanden hat, warum wir auf unserer eigenen Webseite keinen Shop haben, nicht zu verlieren.

Siegwarth: Ortlieb ist mit dem Fachhandel groß geworden, indem Hartmut Ortlieb von Laden zu Laden gefahren ist, um dort seine Packsäcke und Fahrradtaschen anzubieten. Und das wird auch immer so bleiben. Der Fachhandel ist für uns einfach der Partner.

Gibt es Lösungen oder Ideen, wie man den Graumarkt in den Griff bekommen kann? Es gibt immer noch zahlreiche Ortlieb-Produkte auf Amazon, die direkt von Amazon verkauft werden, obwohl Ortlieb sie nicht direkt beliefert.
Esslinger: Unsere Händler dürfen natürlich an autorisierte andere Fachhändler Ortlieb-Taschen weiterverkaufen, aber nicht an nicht-autorisierte Quellen. Solange unsere Produkte nicht codiert sind, können wir aber nicht feststellen, über welche autorisierten Quellen Amazon unerlaubterweise Ortlieb-Produkte bezieht. Und diese müssen natürlich nicht nur in Deutschland sitzen, das können auch autorisierte Händler im Ausland sein. Der Einsatz von RFID-Chips beim Stand der heutigen Technik ist für uns noch zu teuer. In der Kosmetikbranche funktioniert das, aber dort stehen auch andere Margen dahinter. Darüber hinaus müssten wir unsere komplette Logistik anpassen, so dass das Ganze noch nicht in einem sinnvollen Kosten-Nutzen-Verhältnis für uns steht.

Könnten Sie Amazon nicht verklagen, weil sie Ihre Produkte direkt anbieten?
Esslinger: Da unsere Vertragsverhältnis mit dem Händler und nicht mit Amazon besteht, geht das leider nicht. Allerdings denken wir darüber nach  unsere fünfjährige Herstellergarantie nur dann zu gewährleisten, wenn der Kunde unsere Produkte über den autorisierten Fachhandel einkauft. Sprich bei einem Verkauf über unautorisierte Quellen wie Amazon würde die Garantie nicht mehr greifen.

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