Suchprojekt "Dragonfly" 17.10.2018, 13:55 Uhr

So will Google den chinesischen Markt erobern

Google arbeitet trotz herber Kritik an einer zensierten Suchmaschine für China. Konzern-Chef Sundar Pichai verteidigt sein "Dragonfly"-Projekt - man dürfe den riesigen, äußerst relevanten Markt nicht vernachlässigen.
Googles Sitz in ‎Beijing, China
(Quelle: shutterstock.com/lzf )
Googles Dilemma ist beinahe nachvollziehbar. China ist auf der einen Seite gemessen an der Nutzerzahl der größte Internetmarkt der Welt, mit Innovationen, digitalem Pioniergeist und technologischen Infrastrukturen, die ihresgleichen suchen. China ist auf der anderen Seite aber ein Land mit einer der stärksten Internetzensuren weltweit und einem für europäische Verhältnisse undenkbarem Eingriff der Regierung in die Privatsphäre der Nutzer. Was also tun, wenn man als größte Suchmaschine der Welt China erobern und Baidu Marktanteile abjagen möchte?
Eine aktuelle Idee Googles heißt "Dragonfly" (Libelle). Dahinter steckt eine Such-App, die für Furore sorgte, als sie im September dieses Jahres erstmals durch die Medien geisterte. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach von einem "schweren Angriff auf die Informationsfreiheit", aber auch mehr als 1.000 Google-Mitarbeiter äußerten in einem Brief Bedenken gegen die Rückkehr des Suchmaschinen-Giganten nach China. Das Ganze werfe "dringende moralische und ethische Fragen" auf.
Das Problem: Die zensierte Suchmaschine für das mobile Betriebssystem Android soll in China gesperrte Webseiten und Suchanfragen etwa nach Menschenrechten, Demokratie, Religion oder friedlichen Protesten aussortieren. Damit entspreche sie den strikten Zensurvorschriften der kommunistischen Führung in Peking.

Testprojekt mit Potenzial

Bislang ist Google in China gesperrt, weil es sich der Zensur nicht beugen wollte. Das Unternehmen hatte sich 2010 aus dem großen Markt zurückgezogen, um sich nicht weiter selbst zensieren zu müssen. China sperrt nicht nur Google und seine Dienste wie die Suchmaschine oder den E-Mail-Dienst Gmail. Auch soziale Medien wie Facebook, Twitter oder YouTube und WhatsApp sind geblockt - ebenso Nachrichtenseiten der "New York Times", des "Wall Street Journals" und politisch heikle oder chinakritische Webseiten.
Über 800 Millionen Internetnutzer und potenzielle Google-Kunden kann und will Konzern-Chef Sundar Pichai aber nicht ignorieren und strebt nun mit "Dragonfly" eine radikale Wende in seiner Chinapolitik an. Wie der Google-Chef auf einer Konferenz zum 25. Geburtstag des Technologie-Magazins Wired in San Francisco erklärte, seien die Tests mit der Such-App vielversprechend gestartet. "Wir wären fähig, 99 Prozent der Anfragen zu bedienen", so Pichai. Das hieße also, nur ein Prozent der Suchanfragen der Nutzer wären unzulässig - was aber bei der Masse an Suchen durchaus eine beeindruckende Zahl ist.
Noch ist "Dragonfly" nur ein internes Testprojekt, ob es jemals live geht, ist nicht klar. Man starte das Ganze auch, um lernen zu können, "wie das aussehen würde, wenn Google in China wäre", so Pichai weiter. China sei ein "wundervoller, innovativer Mark", Google müsse über dieses Problem nachdenken und langfristige Perspektiven durchdenken. "Wir sind verpflichtet durch unseren Auftrag, jedem Informationen bereitzustellen und China steht für 20 Prozent der Weltbevölkerung." Grundsätzlich mache man sich die Entscheidung für einen Neustart im Reich des Drachens nicht leicht. Beim Markteintritt in jedem Land müsse man verschiedene Wertvorstellungen ausbalancieren. Das dürfte bei China tatsächlich die größte Hürde sein.



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