Kommentar 05.04.2016, 11:55 Uhr

WhatsInfo: Warum der NDR unser Vorbild sein sollte

Dass Mobile mehr als ein Trend ist, haben die meisten Publisher erkannt. Trotzdem verharren viele in alten Denkmustern. Der NDR bricht mit WhatsInfo verkrustete Strukturen auf - endlich!
WhatsInfo: So heißt das neue Videoformat des NDR
(Quelle: Facebook)
Der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk zählt nicht unbedingt zu den fortschrittlichsten und innovativsten Unternehmen im Medien-Business. Die Strategien für Mobile und Social Media befinden sich eher in einem Anfangsstudium. Das ist zumindest mein Empfinden. Von einer ausgereiften Digitalstrategie kann man wohl eher selten sprechen.
Aus der Reihe tanzt da seit gestern der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Der Spartenkanal NDR Info startet zum Wochenstart ein Videoformat mit dem schicken Namen "WhatsInfo". Einmal wöchentlich sollen in 120 Sekunden "Ereignisse aus dem Nachrichtengeschehen auf ungewöhnliche, pointierte Weise" kommentiert werden.
Dabei setzt die Redaktion nicht auf klassische Videobeiträge, wie wir sie aus dem TV kennen, sondern will mit Hilfe von Emojis und Chatnachrichten die Welt erklären - ohne Ton und im Hochkantformat. Weiter wird die Hörfunk-Chefredakteurin des NDR, Claudia Spiewak, mit den Worten zitiert: "Das Format ist für Nutzer reizvoll, die kaum Vorkenntnisse mitbringen - aber auch Gutinformierten bietet es Aha-Effekte." Klingt nach PR-Sprech. Ist es auch.

Jeder sagt Mobile, niemand macht Mobile

Das Problem des NDR ist, dass in der Pressemitteilung das eigentliche Highlight des Formats - die absolute Mobilausrichtung - zu kurz kommt. Schlechte Selbstvermarktung für ein fortschrittliches Projekt. Schade.
Denn obwohl das erste iPhone vor mittlerweile fast einem Jahrzehnt auf den Markt kam und wir inzwischen in einer mobilen Gesellschaft leben, haben Publisher und Advertiser immer noch nicht verstanden, dass diese Geräte im Hochkant-Format und nicht vertikal genutzt werden. Und nein: Die Nutzer wollen das Smartphone wirklich nicht für ein x-beliebiges Werbevideo drehen.

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Außerdem starten die Videos im mobilen Nutzungsraum häufig ohne Ton und in Autoplay. Gesprochener Content, egal wie hochwertig er ist, wird vom User nie oder nur selten gehört. Nämlich nur dann, wenn das Interesse des Nutzers geweckt wird - das gelingt bei immer vergleichbareren Inhalten immer seltener. Geschriebenes wird insbesondere in Kombination mit Bewegtbild wahrgenommen und kann ein guter Trigger sein, um anschließend Interaktionen hervorzurufen.
Der NDR hat das anscheinend verstanden. Zum Glück. Endlich ein Nachrichtenformat, das für mobile Nutzung optimiert ist. Wir sollten die Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr so schnell verteufeln. In den Redaktionen liegt ein Innovationsschatz vergraben, der nun gehoben wird. "WhatsInfo" hat auf jeden Fall das Potenzial, in der deutschen Medien- und Werbelandschaft Goldgräberstimmung hervorzurufen. Hoffentlich folgt die Konkurrenz diesem Ruf, sonst verliert die Branche den Kontakt zum Nutzer irgendwann komplett.



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