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VR in der Touristik

Die Zukunft des Reisens ist virtuell Virtual Reality in der Touristik

shutterstock.com/Ljupco Smokovski
shutterstock.com/Ljupco Smokovski

Virtuelle Realität statt Reiseprospekt: Datenbrillen sind in der Reisebranche angekommen. Reisewillige können sich so schon vorab das Hotel, das Flugzeug oder das Hotelzimmer ansehen.

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ie Digitalisierung verändert immer mehr Branchen - und macht auch vor dem Reisen nicht halt. Digitale Innovationen eröffnen Unternehmen der Touristikbranche neue Möglichkeiten und Geschäftsmodelle.

Virtual-Travel-Lounge

Virtual Travel Lounge 360:

Reisebüros können den Content gegen eine monatliche Gebühr mieten und so Kunden zum Beispiel touristische Inhalte als Panoramatouren anbieten.

Interactive CMS GmbH

Eine der bedeutendsten Entwicklungen heißt Virtual Reality (VR): Statt Kataloge zu wälzen oder Empfehlungen von Freunden einzuholen, setzen Reisewillige einfach eine VR-Brille auf und erhalten so schon vorab einen lebendigen Eindruck davon, was sie in der schönsten Zeit des Jahres erwarten wird. Mit Hilfe von VR erkunden sie ihr Hotelzimmer oder das Kreuzfahrtschiff und erleben noch vor Besteigen des Flugzeugs die Sehenswürdigkeiten vor Ort.

Die Reisebranche setzt große Hoffungen auf Virtual Reality. Zwar sind die Deutschen als außerordentlich reisefreudig bekannt, dennoch hat es die Branche nicht leicht. So sind immer mehr Reiseziele von Krisen geschüttelt, außerdem macht der Trend zur schnellen Online-Buchung vor allem den kleinen Reisebüros um die Ecke das Leben schwer.

Mit immersiven Technologien wie VR ergeben sich neue Chancen, um Reisedestinationen oder auch die Ausstattung von Flugzeugen auf wirkungsvolle Weise zu präsentieren. So lässt sich der kommende Urlaub stärker emotionalisieren und der Kunde einfacher zu einer Buchung bewegen.

Erkundung der Urlaubsziele mit VR-Brillen

Quelle: Bitkom

Virtueller Trip im Reisebüro

Mit VR können Reisebüros ihren Kunden Erlebnisse bieten, die ihnen weder online noch zu Hause zur Verfügung stehen. Die für eine virtuelle Reise benötigte Hardware - klobige und an Taucherbrillen erinnernde Geräte - sind meist noch so teuer, dass sie derzeit in kaum einem Haushalt zu finden sind.

Auf der virtuellen Reise des Kunden sieht der Reisebüromitarbeiter in der Regel auf einem zweiten Monitor, wo sich der Kunde gerade befindet. Damit hat der Reisespezialist die Möglichkeit, den Kunden direkt auf Besonderheiten hinzuweisen und ihn aktiv zu beraten - und so ein Mehrgeschäft zu generieren. Wenn der Kunde zum Beispiel das virtuell besuchte Hotelzimmer als zu klein empfindet, dann genügt ein Klick des Mitarbeiters und der Kunde betritt das größere und teurere Zimmer.

Die Berliner Interactive CMS GmbH bietet mit ihrer Vir­tual Travel Lounge 360 Reisebüros gegen eine monatliche Gebühr touristische Inhalte als Panoramatouren für Virtual-Reality-Brillen an. Auch bei der Virtual Travel Lounge 360 können  die Reiseberater über einen zweiten Bildschirm immer mitverfolgen, wo sich ihr Kunde virtuell gerade aufhält.

Neben sogenannten buchbaren Inhalten, etwa Hotels, Clubanlagen oder Kreuzfahrtschiffe, deren Material in der Regel von den Reiseanbietern selbst kommt, bietet die Vir­tual Travel Lounge auch sogenannte inspirierende Inhalte, etwa eine Gletscher-Panoramatour in Patagonien.

Resonanz der Reisebüros auf VR-Technick

VR-Premium-Econonmy der Lufhansa

Sitzplatz-Upgrade am Flugsteig:

Die Lufthansa nutzte VR-Brillen, um Gästen der Economy Class ein kurzfristiges Upgrade auf die Premium Economy Class schmackhaft zu machen.

Deutsche Lufthansa

Noch ist laut Carsten Fischer, Geschäftsführer von Interactive CMS, die Resonanz bei den Reisebüros geteilt. Seiner Erfahrung nach finden zwar alle das Thema spannend, "sie sind aber oft nicht bereit, die notwendigen Kosten für Technik und Content zu zahlen." Diejenigen Reisebüros, die die Virtual Travel Lounge 360 bereits einsetzen, seien aber begeistert und erzielten nach eigenen Angaben auch Buchungs- und Upsell-Erfolge. Fischer geht davon aus, dass Virtual Reality langfristig ein wichtiger Bestandteil in Reisebüros sein wird, "bestimmte Produkte lassen sich perfekt auf einer VR-Brille zeigen und erklären. Damit ist der Nutzwert viel höher als mit Print-Produkten oder normalen Videos."

Zudem sind virtuelle Reisen eine Möglichkeit, um Kunden vom Internetreiseportal wieder ins Reisebüro vor Ort zu lotsen. Dieser Effekt dürfte nach Fischers Einschätzung die nächsten ein bis zwei Jahre anhalten. In Zukunft relativiere sich das allerdings, wenn die Technik vermehrt auch in den Haushalten eingesetzt werde.

Das Reisebüro Fides Reisen setzt die Virtual Travel Lounge bereits ein. Damit ermöglicht es seinen Kunden in den Geschäftsräumen in Berlin-Moabit einen durch einen Reisefachmann begleiteten Rundgang am künftigen Reiseziel. Laut Michael Becker, Geschäftsführer bei Fides Reisen, erhält man damit zum Beispiel bei Kreuzfahrtbuchungen auch eine genauere Vorstellung von den Kabinengrößen. Der Kunde bekomme so ein besseres Gefühl für ein Produkt, was die Kaufentscheidung stärke.

Thomas Cook Reisen hat schon 2015 in den Partnerreisebüros einen Testlauf mit Virtual-Reality-Brillen gestartet. Bei den Kunden kam die neue Technik gut an: "Die Resonanz war überwältigend und so haben wir nun die VR-Brillen eingeführt", resümiert Jennifer Ter, Specialist Omnichannel Eigenvertrieb bei Thomas Cook.

Mittlerweile stehen in rund 880 Thomas-Cook-Reisebüros VR-Brillen zur Verfügung. Damit sondieren Urlauber Hotels in mehr als 20 Destinationen. Ter zufolge vermittele es "natürlich einen wesentlich authentischeren Eindruck, wenn sie ein Hotel virtuell erkunden können, anstatt nur im Katalog zu blättern".

Premium-Economy-Upgrade

Erfahrungen mit VR-Brillen

Quelle: Bitkom

Die Deutsche Lufthansa setzt bei der Kundengewinnung ebenfalls auf Virtual Reality. In der App Lufthansa VR für Android und iOS können sich Passagiere ein Bild vom Innenraum eines Airbus A380 machen oder einen Blick ins Cockpit werfen.

Hinzu kommen virtuelle Reisen zu Lufthansa-Destinationen wie Hongkong, Miami und Tokio. So können sich Betrachter virtuell auf die bekannte Kreuzung im To­kio­ter Stadtteil Shibuya stellen und das Treiben beobachten.

Selbstverständlich sollen die Apps die Vorzüge der teureren Buchungsklassen an Bord der Kranich-Maschinen ins rechte Licht rücken. So fehlen keine Touren durch die höherpreisigen Klassen - inklusive einer freundlich lächelnden Stewardess. "Die Apps kommen sehr gut an, weil sie einen ein­fachen Einstieg in die Thematik Virtual Reality bieten", so Torsten Wingenter, Senior Director Digital Innovations bei Lufthansa.

Die Fluggesellschaft geht sogar schon einen Schritt weiter. An den Flughäfen in Frankfurt und New York setzte Lufthansa vor Kurzem bei einer Aktion VR-Brillen ein, um Langstrecken-Passagiere der Economy Class zu einem Upgrade auf die geräumigere Premium Economy Class zu bewegen. So konnten sich die Gäste virtuell ansehen, wie viel Platz sie bei einem Upgrade erwarten würde. Das virtuelle Hineinschnuppern in die Premium Economy Class hat den Fluggästen offenbar gut gefallen: "Im Rahmen der Gate-Promotion konnten wir eine Steigerung der Upgrades von bis zu 50 Prozent erzielen", resümiert Wingenter. Inzwischen setzt Lufthansa weltweit bereits 300 VR-Brillen im Vertrieb ein.

Virtuelle Alpen

Marie aus dem Ammergau zieht für das Studium weg - und hat schon Heimweh. Und was macht Maries moderner bayerischer Papa? Er bastelt seiner Tochter eine VR-Brille und dreht einen VR-Film aus der Heimat.

Mit dieser Geschichte präsentierte die Ammergauer Alpen GmbH im letzten Jahr einen VR-Werbefilm für die Region. Potenzielle Urlauber schweben darin per Gondel zur Almhütte, dirigieren die örtliche Blaskapelle oder bewundern die Rokoko-Klosterbasilika in Ettal. Damit zeigen die Ammergauer, wie man VR geschickt für das Marketing nutzt.

Ausblick

In Sachen Virtual Reality in der Touristik ist in absehbarer Zeit noch einiges zu erwarten, vor allem was die virtuellen Touren im Reisebüro angeht.  So werden künftig bei einer virtuellen Besichtigung einer Kreuzfahrtschiffkabine gleich die tagesaktuellen Preise miteingeblendet. Und wenn sich der Kunde für eine Kreuzfahrt nach Norwegen interessiert, dann erscheint beim Gang auf den Balkon passend dazu der Geirangerfjord.

Derzeit ist VR noch Mittel zum Zweck: Man bekommt einen Vorgeschmack auf das, was einen erwartet. Doch viel fehlt nicht mehr und man kann auf Gepäck,  Flug und Hotel verzichten und gleich die ganze Reise virtuell unternehmen. Bei VR ist mit zahlreichen Weiterentwicklungen zu rechnen, die zu völlig neuen Geschäftsmodellen führen.

Auch die Berater von KPMG sehen im virtuellen Reisen viel Potenzial. So könne damit jeder unabhängig von Zielort, Transportmittel oder anderen Umständen eine Reise antreten - auch mit körperlichen Einschränkungen. Ein Beispiel: Ein älteres Ehepaar unternimmt eine Kreuzfahrt. Während sich die noch rüstige Frau keinen Landausflug entgehen lässt, ist ihr Gatte nicht mehr so fit und bleibt an Bord. Die Frau nimmt ihren Mann virtuell mit an Land, indem sie den Ausflug im Video festhält. Ihr Mann ist mit einer VR-Brille an Bord live dabei und hat so in Echtzeit an den Eindrücken teil.

Auch beim Fliegen werden sich die VR-Fortschritte zeigen: Die Lufthansa stellte auf der Touristik-Messe ITB die Konzeptstudie Moving Map vor. "Vereinfacht gesagt macht diese App den Flugzeugboden gläsern", so Lufthansa-Manager Wingenter. Wenn Passagiere über Berge oder Städte fliegen, können sie nachts oder aufgrund von Wolken nichts sehen. "Mit der Moving Map sehen sie mit Hilfe einer VR-Brille die Landschaft unter ihnen."

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