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Auf dem Flug ins Silicon Valley Lufthansa testet ein Flying Lab

shutterstock.com/Vytautas Kielaitis
shutterstock.com/Vytautas Kielaitis

Lufthansa setzt auf digitale Innovation. Am 1. Juli 2016 fanden die ersten beiden Lufthansa "Flying Labs" statt. Hoch über den Wolken konnten Passagiere neue Produkte an Bord ausprobieren.

Seit dem 1. Juli 2016 fliegt die Deutsche Lufthansa fünfmal wöchentlich direkt nach San Jose ins kalifornische Silicon Valley. Während des ersten Direktflugs von Frankfurt am Main in die Digital-Metropole der Welt hat der Luftfahrt-Konzern ein "Flying Lab" veranstaltet. INTERNET WORLD Business war eingeladen, daran teilzunehmen.

San Jose liegt etwa 70 Kilometer südlich von San Francisco. Die Stadt, die bereits 1777 gegründet wurde, ist mit über einer Million Einwohnern die größte Stadt der Bay-Area und die zehntgrößte Stadt der USA. Die Start-up- und Innovationskultur, die sich dort seit den 1990er Jahren herausgebildet hat, zieht viel Bewunderung auf sich und inzwischen auch viele Besucher an.

In den vergangenen Jahren hat sich ein regelrechter "Start-up-Tourismus" entwickelt. Gründer, Unternehmer und Politiker wollen den Campus von Google, Facebook oder Apple sehen, mit Venture-Capital-Firmen sprechen und herausfinden was die "Secret Sauce", das Geheimrezept, ist, warum diese Gegend so viele Innovationen hervorbringt. Zahlreiche große Autohersteller betreiben dort ihre Forschungslabors.

Unkompliziert Neues ausprobieren

Ein Test war auch das Flying Lab, das Lufthansa auf dem ersten Direktflug von Frankfurt nach San José durchgeführt hat. Auf dem Hinflug drehte sich alles um Virtual Reality, ein Bereich, mit dem sich das Unternehmen bereits seit zwei Jahren beschäftigt. Reisende konnten vor Abflug am Gate digitale Geräte des Lufthansa-Partners Samsung ausleihen und während des Flugs ausprobieren, konkret: die Virtual-Reality-Brille Samsung Gear VR, den Kopfhörer Level Over oder das Samsung Galaxy Tab S2.

Auf dem Rückflug ging es passenderweise um das Thema "Besser schlafen“. Die Passagiere konnten unter anderem die Neuroon testen: Diese Schlafmaske mit künstlicher Intelligenz soll helfen, auf ein anderes Schlafmuster zu wechseln, um besser mit der Zeitverschiebung umzugehen. Alle gebuchten Passagiere konnten sich für die Produkte kostenlos als Tester registrieren.

"Ziel des Flying Labs ist es, schnell und unkompliziert Neues auszuprobieren", sagt Reinhold Huber, Vice President Passenger Experience Design & Ancillaries, Deutsche Lufthansa AG. "Ist der Passagier von einem Produkt begeistert, können wir so schnell herausfinden, ob es von der Zielgruppe angenommen wird." Marktforschung im Flugzeug, sozusagen.

Konferenz im Flugzeug

Während des Hinflugs wurde auch eine Live-Konferenz veranstaltet. Natanael Sijanta, Director Marketing Communications bei Mercedes Benz, berichtete beispielsweise, wie Mercedes Instagram als Marketing-Tool nutzt. Heiko Hebig, bei Instagram für Strategic Partnerships in Nordeuropa zuständig, gab einen kurzen Abriss über die Geschichte des sozialen Netzwerks, bei dem Nutzer über Bilder kommunizieren. Kyle Schatzel, Communications Specialist bei Team San Jose, der Tourismus-Förderung der Stadt, erzählte, wie sich die Bay-Area von einem Obst-Anbaugebiet zur Tech-Metropole entwickelt hat.

Für die Übertragung hatten Lufthansa-Techniker ein eigenes WLAN im Flugzeug aufgebaut, mit dem sich die Konferenzteilnehmer mit ihrem Tablet oder Smartphone verbinden konnten. Über dieses Netz wurden dann vier Vorträge auf die Geräte der Reisenden live übertragen. Lufthansa wird demnächst auch auf innereuropäischen Flügen Breitband-Internet an Bord anbieten, dann soll es auch möglich sein, solche Konferenzen nicht nur im Flugzeug, sondern auch "nach außen" zu streamen.

Die Live-Konferenz war ein Test, sagt Torsten Wingenter, Leiter Digital Innovations bei Lufthansa. "Den Prototypen für ein Live-Streaming einer Inflight-Konferenz haben wir innerhalb kürzester Zeit umgesetzt. Auch auf der Kurzstrecke wäre so ein System denkbar, insbesondere mit einem Streaming ins Internet, für alle, die selbst nicht auf dem Flug dabei sein können. Ob wir diese Idee verfolgen, entscheiden wir im Laufe des Jahres auf Basis der Erfahrungen des ersten Flying Labs und dem Stand der verfügbaren Technik", bilanziert Wingenter.  

Mehrere Fliegen mit einer Klappe

Lufthansa schlägt mit dem Flying Lab mehrere Fliegen mit einer Klappe: Es fördert das Image als innovationsfreudiges Unternehmen und es kann Passagiere während der langen Flüge mit neuer Technologie unterhalten. Der zwölfstündige Flug verging recht schnell. Etwas umständlich war es, bei den begrenzten Platzverhältnissen mit den verschiedenen Geräten zu hantieren und sie beispielsweise während der Vortragspause ordentlich zu verstauen.

Flynet, das Internet an Bord des Flugzeugs, hatte immer wieder längere Aussetzer, weil die vielen angemeldeten Testgeräte ihre IP-Adresse nicht mehr "hergaben". Die VR-Brillen konnten deshalb während des Flugs nicht auf die ganze Bandbreite der Inhalte zugreifen, die ja über das Web abgerufen werden. Aber auch das gehört zum Testen und wird sicherlich beim nächsten Flying Lab besser klappen.

Das Konzept einer Konferenz während des Flugs könnte Schule machen. Unternehmen könnten zum Beispiel ihre Geschäftspartner oder Vertriebsleute schon auf dem Weg zu einer Veranstaltung über Neuigkeiten informieren und die Zeit im Flieger nutzen. Lufthansa plant, auch künftig immer wieder ein Flying Lab einzurichten. "Wir denken über ein Flying Lab zur Fashion Week in New York oder zum Mobile World Congress in Barcelona nach", berichtet Wingenter. Unternehmen, die ihre Produkte oder Services im Rahmen eines Flying Lab vorstellen möchten, können über die Webseite des Flying Lab mit Lufthansa in Kontakt treten. Ein Geschäftsmodell verfolge Lufthansa damit nicht, sagt Wingenter, aktuell gehe es darum, Dinge auszuprobieren.

Die Konkurrenz unter den Luftfahrt-Konzernen ist groß. Findet während eines Flugs ein Flying Lab statt, kann das sicherlich für Reisende ein Anreiz sein, einen Flug bei Lufthansa und nicht bei der Konkurrenz zu buchen.

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