INTERNET WORLD Business Logo Abo
Symbole Pfeil Statistik

Jet.com und Crowdfox Marktplatzkonzepte: Das neue Klubmodell

fotolia.com/ Gstudio Group
fotolia.com/ Gstudio Group

Jet.com und Crowdfox erfinden gerade das Marktplatzkonzept neu: Kunden bezahlen Mitgliedsbeiträge und sichern sich so billige Preise. Die Start-ups setzen dabei jedoch auf unterschiedliche Strategien.

Big Data, Klubmitgliedschaften sowie billige Preise: Das sind die Marketing-Zutaten, aus denen im Moment neue Marktplatz­konzepte entstehen. Seit Juli 2015 können Verbraucher in den USA bei Jet.com einkaufen. Hinter dem Marktplatz steht Marc Lore, der den Windelversand Diapers.com und den Drogeriemarkt Soap.com startete und für über 500 Millionen US-Dollar an Amazon verkaufte.

Mit seinem neuen Marktplatzkonzept Jet.com will er Amazon herausfordern. Kunden finden hier zurzeit in 16 Kategorien zehn Millionen Produkte und Angebote von 1.600 Händlern. Das Versprechen: attraktive ­Rabatte und Preise, die zehn Prozent unter denen von Amazon liegen.

Als "faire Lösung für smarte Preise" empfiehlt sich auch das Kölner Unternehmen Crowdfox Verbrauchern und Händlern. Kunden sollen hier in Kürze ebenfalls mindestens zehn Prozent billiger als bei Amazon einkaufen. "Ziel von Crowdfox ist", erklärt Gründer Wolfgang Lang, "Ineffizienzen aus dem Handel zu entfernen und dadurch nachhaltige Händler- und Käuferbeziehungen zu ermöglichen."

Marktplatzkonzept: Klubgebühren für niedrige Preise

Jet.com und Crowdfox richten sich an kleinere und mittelständische Händler sowie den stationären Einzelhandel. Bei Jet.com bezahlen diese bis zu 15 Prozent Provision pro Verkauf, bei Crowdfox stellen sie indes ihre Produkte kostenlos ein. Jet.com und Crowdfox sind Kaufklubs: Die Kunden ­sichern sich mit Mitgliedsbeiträgen günstige Preise.

Jet.com verlangt 49,99 US-Dollar pro Jahr, Crowdfox dieselbe Summe in Euro. "Händler sparen beim Einstellen von Waren Marketing- und Vertriebskosten und geben einen Großteil dieser Ersparnis eins zu eins und exklusiv an Crowdfox-Mitglieder weiter", erklärt Lang.

Screenshot von jet.com

Jet.com startete im Juli in den USA. Kunden bezahlen Gebühren und sichern sich so Billigpreise. Durch Datenanalyse steigen die Rabatte, wenn viel gekauft wird. Jet.com wurde mit 225 Millionen US-Dolar finanziert, Gründer ist Marc ­Lore, der den Windelversand Diapers groß machte. Jet.com braucht 14 bis 15 Millionen Kunden, um rentabel zu sein

www.jet.com

Erst einmal müssen beide aber Mitglieder anwerben: Laut Lore braucht Jet.com für den Break-even rund 15 Millionen Kunden. Dem Unternehmen aus Hoboken bei New York stehen dafür mehr als 220 Millionen Dollar von Accel Partners, Alibaba und Bain Capital zur Verfügung. Der größte Teil des Kapitals fließt jedoch zurzeit nicht in Werbung, sondern in den Zukauf von Produkten: Was Jet.com nicht über Partner anbieten kann, besorgen die Mitarbeiter in anderen Shops und im Großhandel, Rabatte werden dann selbst finanziert.

Mit weniger Kapital muss Lang auskommen: Neun private Investoren haben "mehrere Millionen" für das Marktplatzkonzept lockergemacht, das Lang seit 2013 aufbaut. Mit einem Start in mehreren Schritten will Lang die Vorfinanzierung von Produkten umgehen. Bislang verarbeitet er in seinen Systemen die Daten von 40.000 Händlern, mit 500 von ihnen wurden bereits ­Kooperationsverträge geschlossen.

Ab Oktober werden erste Warenkategorien für Testkäufer eröffnet, im Dezember startet das Marktplatzkonzept Crowdfox offiziell, Anfang 2016 sollen in allen 12 Kategorien Produkte von Händlern verfügbar sein. Bis dahin will Lang mit­hilfe von Fernsehen und Anzeigen "rund 100.000 Mitglieder" überzeugt haben.

Für billige Angebote setzen die Marktplätze auf Big Data und dynamische Preise: Durch die Analyse von Preis-, Verfügbarkeits- und Kaufdaten wird den Kunden ­jeweils das günstigste Angebot ausgegeben - natürlich mit den Vergleichsdaten von Amazon.

Big Data macht zudem Preistrends sichtbar, die Crowdfox für Empfehlungen nutzen will, damit die Kunden etwa einen Kauf in günstigere Zeiten verschieben. Bei Jet.com geht der Preis auch runter, wenn den Kunden in ihrer Nähe günstige Angebote ­gemacht werden oder sie viel einkaufen.

Auch zu Werbezwecken zeigt Jet.com seine Billigstpreise öffentlich im Internet.  Damit eckt der Marktplatz bei Marken und Händlern an. L’Oréal, Kiehl’s und andere Partner kündigten zudem die Zusammenarbeit mit dem Start-up wieder auf, weil kurz nach dem Launch der Website bekannt wurde, dass Jet.com Affiliate-Programme der Anbieter missbrauchte.

Screenshot von Crowdfox

Crowdfox.com baut auf ein ähnliches Klubkonzept wie Jet.com und startet in einer geschlossenen Betaphase im Oktober. Allerdings ist der Marktplatz mit Sitz in Köln für den Handel gemacht, er bezahlt für das Einstellen seiner Waren nichts und soll im Gegenzug die Ersparnis an die Kunden weitergeben 

www.crowdfox.com

Solche Querelen will Crowdfox vermeiden. Preise werden generell nur Mitgliedern gezeigt, um Rabattschlachten zu vermeiden. "Wir kalkulieren mit einem durchschnittlichen Nachlass von zehn Prozent, das können mal sechs, mal 15, in Einzelfällen auch 30 Prozent sein, auf jeden Fall werden wir durchschnittlich immer günstiger als Amazon sein", so Lang. Er betont: "Der Händler ist unser wichtigster Partner, er soll mehr verdienen als bei Amazon und anderen Plattformen."

Gemeinsam ist bei beiden Marktplatzkonzepten, dass sie die Lieferung den beteiligten Händlern überlassen. Versandgebühren sind ­erlaubt, und auch Retouren können etwas kosten. Lang will damit Rückgabequoten niedrig halten und für Nachhaltigkeit im Kaufverhalten sorgen: Wer wenig Service braucht, wird sparen, wer mehr verlangt, muss hingegen mehr bezahlen.

Billig wirkt anziehend: Gemessen am Bruttoumsatz besetzt Jet.com sechs Wochen nach dem Start laut Marktforscher Channeladvisor bereits Platz vier unter den größten Marktplätzen der USA. Dass der Klubverkauf zudem Konkurrenten fernhält, zeigt Amazon: Wer wie bei "Prime" in den USA 99 US-Dollar und in Europa 49 Euro für besonderen Service und niedrige Preise bezahlt, nutzt keine Vergleichsseiten mehr und kauft treu auf "seiner" Einkaufsseite.

Das könnte Sie auch interessieren