Neuer Social Commerce 12.12.2016, 08:08 Uhr

Wenn der YouTuber zum Online-Händler wird

Nach eigenen Marken und Lizenzprodukten gehen die Influencer aus den Social Media nun einen Schritt weiter: Bekannte YouTube-Stars steigen jetzt vermehrt in den E-Commerce ein und bauen Shops auf.
Online Shop von Gamer Montanablack: Bei YouTube kursieren bereits Videos von Fans, die seine Pakete auspacken
(Quelle: Unternehmen )
Rosa Tüllrock, Hoodies in Pastellfarben: Das zeigt Paola Maria auf YouTube. Und Hunderttausende von Mädchen, die ihre Videos gucken, wollen es haben. Deshalb verkauft Paola Maria ihre Mode jetzt in einem simpel aufgebauten Online Shop. Marcel Eris alias Montanablack88, der auf YouTube über Online-Spiele bloggt, steht indes auf Schwarz. Er verkauft ebenfalls Klamotten im eigenen Webshop, hat aber in diesen mehr Aufwand gesteckt: Follower probieren Hoodies und Hosen in der 3-D-Kabine und können durch Kommentare und Käufe ihr Ranking verbessern. "Ich wollte Produkte anbieten, die meinen Ansprüchen genügen", sagt Eris zu seinem neuen Geschäft.
Ziemlich einfach gemacht: Online Shop der Bloggerin Paola Maria
Quelle: Unternehmen
Ob schnell zusammengestellt oder geplant: YouTube- und Blog-Stars entdecken, dass sie ihre Reichweite fürs Verkaufen nützen können und werden selbst zu Händlern. Davon profitieren Marken, Merchandising-Spezialisten und Agenturen.
"Das Segment Merchandising mit YouTubern und Bloggern wächst, weil diese Klientel zunehmend ihre Marktmacht entdeckt", berichtet etwa Claudia Schindela, die sich bei Spreadshirt um den neuen Markt kümmert. "Der Trend schwappt jetzt auch im Handel aus den USA nach Europa."
Wie andere Merchandising-Anbieter bedruckt Spreadshirt T-Shirts, Kappen und andere Textilien für die ­neuen Online-Händler. Das Leipziger Unternehmen hat  vor Kurzem sogar eigens die Produktlinie Pixel Cotton für diese Klientel eingeführt und hilft ihr beim Shop-Aufbau und Fulfillment. "Viele YouTuber verkalkulieren sich", so Schindela, "sie meinen, sie könnten schnell mal Tausende von Shirts absetzen."
Doch Reichweite allein treibt den Verkauf nicht an, zumal die Blog-Stars von den Fans abgestraft werden, wenn sie zu offensiv für Waren werben. Die Blogger, Vlogger und Influencer müssen folglich auch in die Absatzförderung mit Google oder klassischem Online Marketing einsteigen, ihre Shops sowieso mit allen Social-Media-Kanälen vernetzen und hier auf ihr eigenes Sortiment aufmerksam machen: möglichst authentisch, aber dezent.
Pixel Cotton heißt die neue Produktlinie aus T-Shirts und anderen Textilien, die Merchandising-Spezialist Spreadshirt den neuen Online-Händlern aus der Blogosphäre bietet.
Quelle: Unternehmen

Shops, Marken und Lizenzen

Den aufwendig gestalteten Shop von Montanablack besuchten in den ersten Wochen seit dem Start Anfang November etwa 100.000 Interessenten, 4.000 hinterlegten persönliche Daten, 1.400 gaben eine Bestellung auf: "Für den Anfang sind wir zufrieden", sagt Dennis Ben Brahim, Geschäftsführer von Reason, der Hamburger Agentur, die Eris betreut, Kooperationen mit Marken einfädelt und für den Shop verantwortlich zeichnet. Montanablack wird nicht der letzte Shop der Agentur bleiben. Sie hat weitere Blogger unter Vertrag und plant bereits weitere Shops.
Montanablack spricht die Technik-Affinität der jungen, mehrheitlich männlichen Zielgruppe an. Durch Inhalte, die über die Videobeiträge hinausgehen, sowie durch die Vernetzung auf allen Social-Media-Kanälen motiviert Montanablack zum Besuch und zum Kauf. Auch das Bonussystem verfehlt seine Wirkung nicht: "Fans müssen nicht unbedingt kaufen, um Vorteile zu ergattern, auch Likes und Kommentare bringen Punkte", erklärt Ben Brahim. Ab 2017 soll das Sortiment um Hardware und Energydrinks erweitert werden - um Produkte der Marken, für die Montanablack bereits in seinen YouTube-Videos wirbt.
Marken und bekannte Filialisten spannen längst YouTube-Stars und andere Influencer ein: Doch diese kooperieren nicht nur für Gratisproben oder zur Absatzförderung mit ­ihnen, sondern geben ihren Namen für ­eigene Produktlinien. Montanablack etwa kooperiert mit Hersteller Eizo bei einem Monitor. Zu Weihnachten 2015 stellten die DM-Drogeriemärkte Duschgels und Shampoos der Bloggerin Dagi Bee ins Regal. Heute steht dort das "Schachtelglück": ­eine Box voll mit Kosmetik von bekannten YouTube- und Blog-Stars.
Auch Müze.net, ein Shop für Strickmützen, hat die Verkaufslust der Blogger entdeckt. Das Unternehmen betreibt den Shop von Paola Maria.
Quelle: Unternehmen
Es ist nur noch eine Frage der Zeit, dass noch mehr Vloggerinnen und Influencerinnen wie Paola Maria ihren eigenen Shop eröffnen. Ob die junge Frau aber ihre Follower nachhaltig an ihren Shop binden kann, ist fraglich. Er befriedigt keine weiteren Wünsche als den schnellen Konsums, und ist (noch?) nicht professionell vernetzt: Nicht unter allen Videos des Mode- und Kosmetikfans ist der entsprechende Link zu finden. Den Shop betreibt Müze.net, ein Anbieter von Strickmützen und Merchandising-Kappen, der ebenfalls mit mehreren Bloggern und Influencern kooperieert. Geschäftsführerin Irene Sacharow gibt sich äußerst zugeknöpft, wenn es um Zahlen und Sortimente des Shops geht. "Jeder YouTuber baut seine Bekanntheit über Jahre hin auf", sagt sie knapp. "Die Geschäftsmodelle sind schnell kopierbar."

Inhalte und Prominenz treiben den Verkauf

Der Weg vom Blogger zur (Handels)Marke verläuft in der Regel so: mit persönlichen Inhalten Reichweiten aufbauen, diese für Werbung nutzen, Merchandising-Produkte verkaufen, den Shop starten. Nicht jedem der Blogger, Vlogger, Influencer gelingt es allerdings, seine Gefolgschaft bleibend für seine Interessen und Empfehlungen zu interessieren.
Zu erwarten ist daher, dass einige der YouTuber- und Bloggershops, die gerade starten, so schnell wieder verglühen wie sie in der Konsumwelt erschienen sind. Zumal auch Schauspieler und andere Prominente auf das gleiche Modell setzen und ihre Bekanntheit für E-Commerce, den Celebrity Commerce, nutzen: Til Schweiger verkauft zum Beispiel Lifestyle-Produkte unter Barefoot Living, US-Schauspielerin Jessica Alba wiederum Babypflege. Selbst Medienkonzerne beschreiten ihn als Wachstumspfad und versilbern darauf ihre Medienmarken. Content und Prominenz ist eben schon lange ein starker Verkaufsmotor.



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