Interview Acton Capital 08.04.2020, 12:54 Uhr

Jan-Gisbert Schultze: "Die Cash Runrate ist in diesen Zeiten alles"

Laut aktueller Zahlen des bevh zieht die Corona-Pandemie auch den deutschen Online-Handel in Mitleidenschaft. Die ersten Online-Händler mussten bereits Insolvenz anmelden. Wie nervös sind die Investoren? Ein Interview mit Jan-Gisbert Schultze von Acton Capital.
Jan-Gisbert Schultze, Managing Director bei Acton Capital
(Quelle: Acton Capital)
Die Corona-Krise könnte die Existenz vieler Start-ups bedrohen, da Investoren der Finanzierung junger Firmen genauer hinschauen und Einnahmen bei Gründern wegbrechen. Zu dieser Einschätzung kommt eine Analyse der Beratungsgesellschaft EY. Eines der ersten Opfer der Krise ist der Online Shop für Kindermode, Tausendkind. Ende März mussten die Geschäftsführerinnen Kathrin Weiß und Anike von Gagern den Gang zum Insolvenzrichter antreten, während ihre Mitarbeiter damit kämpften, einen enormen Anstieg an Bestellungen in allen Segmenten zu bewältigen. Dennoch verunsicherte die Covid-19-Pandemie mehrere Investoren so nachdrücklich, dass sie sich an einer weiteren Finanzierungsrunde nicht beteiligen wollten.
Zwei Tage nach Tausendkind musste die DTC-Sofabrand Sitzfeldt Insolvenz anmelden. Auch dort ist eine Finanzierungsrunde gescheitert. Die Investoren verloren offenbar die Nerven, nachdem sechs Showroom-Standorte geschlossen werden mussten und daraufhin die Umsätze einbrachen. Auch der Verkauf über den Online Shop wurde eingestellt.

War muss bangen, wer darf hoffen?

Auf der anderen Seite sicherte sich der Online-Möbelhändler Wayfair mitten in der Corona-Krise ein Wandeldarlehen über 535 Millionen US-Dollar. Und Airbnb meldet eine aktuelle Rekordfinanzierungsrunde in Höhe von einer Milliarde US-Dollar. Wie beurteilen Investoren generell die Entwicklung des Online-Handels nach der Covid-19-Pandemie? Und wie richten sie künftig ihre Investments aus? Darüber sprachen wir mit Jan-Gisbert Schultze, Managing Director bei Acton Capital.
Herr Schultze, wie beurteilen Sie die Lage des Online-Handels nach Corona generell: Gibt es einen allgemeinen Boom in dem Segment, profitieren nur einige Branchen, während der Rest unter der verringerten Kaufabsicht der Kunden leidet oder kommt das große Händlersterben, weil viele Business-Modelle zu sehr auf Kante genäht wurden?
Jan-Gisbert Schultze: Online-Händler des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel und Drogerieartikel, Ausstattung fürs Home Office sowie Anbieter von Tier- oder Gartenbedarf dürften aktuell wohl jede Woche Zahlen wie im Weihnachtsgeschäft verzeichnen. Getrieben durch Neukunden, die erstmals vom Off- auf den Online-Kauf umsteigen, hat dies sicher auch einen nachhaltigen Effekt. Das sehen wir an den Zahlen von Start-ups wie Plantura (Garten), aber auch bei lange etablierten Marken wie Momox und Zooplus. Wenig überraschend profitieren im Bereich Medien Streaming-Anbieter wie Netflix oder Amazon Prime. Aber auch der klassische Print-Markt mit Zeitungen und Zeitschriften feiert derzeit wieder Hochkonjunktur. In vielen anderen Bereichen wie etwa Fashion erlebt der Großteil der Online-Händler allerdings trotz Schließung der Offline-Läden deutliche Umsatzrückgänge. Und vor allem die größten Online-Händler fürchten - zu Recht - die Risiken eines Ausfalls im Lager und der Lieferkette.
Sie haben einige klassische Online-B2C-Händler im Portfolio. Auf welche KPIs achten Sie nun besonders?
Schultze: Wir investieren - egal ob im Bereich E-Commerce, Fintech oder SaaS - immer extrem zahlengetrieben. Wie in jedem Segment werden nur Geschäftsmodelle mit echtem und nachhaltigem Kundennutzen überleben. Wir achten bei klassischen Online-Händlern vor allem natürlich auf die Margen und Repeat-Raten. Aktuell geht es hier darum, insbesondere saisonale Sortimente notfalls auch mit hohen Discounts zu verkaufen und den Cashburn durch Kostensenkungen zu minimieren. Die Cash Runrate ist in diesen Zeiten alles.
Ist Ihre Investitionsabsicht in B2C-Händler eher gestiegen oder gesunken? Wo sehen Sie spannende Perspektiven? Was wird eher uninteressant?
Schultze: Interessant wird sicher der Post-Corona-Impact im Bereich Mobilität und Reise. Wir glauben, dass sich hier das Nutzerverhalten auch mittelfristig weg von Sharing entwickelt. Wir sind überzeugt, dass etwa Anbieter von Auto-Abos wie Cluno langfristig profitieren. Diese bieten zwar Individualmobilität, aber ohne das Auto sharen oder gleich besitzen zu müssen. Gleiches gilt im Bereich Reise. Hier wird sich die Nachfrage wohl ebenfalls weg von Sharing hin zum Individual-Urlaub in der Ferienwohnung entwickeln. Hier sind vorgelagerte Geschäftsmodelle wie HomeToGo gefragt.
Wie müssen sich Online-Händler aufstellen, um die Krise zu überleben?
Schultze: Aktuell heißt es wie überall, den Cashburn zu reduzieren. Außerdem ist die Aufrechterhaltung des operativen Betriebs überlebensnotwendig. Das bedeutet für Händler die Einführung von strikten Sicherheitsmaßnahmen im Lager und notfalls auch die kurzfristige Aufnahme von anderen Carriern, um sich in der Lieferkette unabhängig von Ausfällen in einzelnen Ländern zu machen.

Prognosen für die Branche

Bis vor kurzem waren DTC-Brands bei Investoren sehr beliebt. Schon vor der Krise mehrten sich die Stimmen, dass sich die Hoffnungen wohl nicht überall erfüllen. Welche Prognose geben Sie für diese Branche?
Schultze: Wenn es sich um Produkte handelt, die auch langfristig konsumiert werden und sich deutlich vom Wettbewerb differenzieren, und wenn es die Economics erlauben, die Marken in Ruhe zu bauen, sind DTC-Brands auch erfolgreich. So sind wir aktuell bereits in Gesprächen mit neuen Start-ups im DTC-Bereich, deren Produkte den täglichen Bedarf decken und die daher durchaus von der Krise profitieren dürften.
Die Krise bietet Unternehmen die Chance, im Rahmen von M&A günstige Schnäppchen zu machen. Was erwarten Sie für diesen Bereich?
Schultze: Das wird wohl so sein. Die Frage ist aber immer noch, was wirklich ein Schnäppchen ist. Wir erwarten, dass es zu Konsolidierungen kommt. Für diese sind wir, sofern sinnvoll, immer offen.
Haben Sie noch etwas auf dem Herzen, was ich noch nicht gefragt habe?
Schultze: Wir befinden uns aktuell in einer nie dagewesenen Ausnahmesituation. Unternehmen müssen den Schutz ihres Teams vor Ansteckung bei allen Maßnahmen berücksichtigen. Nicht nur hinsichtlich der Kunden, sondern auch in Bezug auf ihr Team müssen Unternehmen Transparenz über die getroffenen Maßnahmen verschaffen.



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