Philipp Depiereux von Etventure 28.11.2016, 08:10 Uhr

"Digitale Einheiten müssen geschützt werden"

Schneller, effizienter, agiler werden: Das möchten die Unternehmen in Deutschland werden. Doch die digitale Transformation stockt. Es mangelt an Netz-Infrastruktur, an Kapital und an Unternehmergeist.
Philipp Depiereux, einer von drei Gründern der Digital-Beratung Etventure
(Quelle: Etventure)
Sie reisen ins Silicon Valley, sie fördern oder kaufen Start-ups: Und trotzdem kommt die digitale Transformation in deutschen Unternehmen nicht so recht voran. Nach der Einrichtung erster Shops für B2C- oder B2B-Geschäfte bremst der notwendige Wandel schnell wieder ab. Das sei eine Folge von schlechten Mobilfunknetzen und fehlender Infrastruktur, vor allem aber von Führungsschwächen und Silodenken, meint Philipp Depiereux, Mitgründer und einer der Geschäftsführer der Digitalberatung Etventure: "Meistens ist ein großer Teil der Beschäftigten an Veränderungen interessiert", sagt er im Interview mit uns.
Die Digital-Beratung gründet im Auftrag ihrer Kunden zunächst abgeschlossene, externe Digitaleinheiten und versucht erst dann mit ersten Ergebnissen Denken und Kultur der Organisationen Schritt für Schritt zu verändern.
Eine Strategie, die zunehmend auch die klassischen Beratungen für sich entdecken: Accenture, Price Waterhouse Cooper, McKinsey oder Roland Berger kauften in den letzten Monaten Digital-Agenturen zu und positionieren sich als Konkurrenz zu Beratungen wie Etventure. Philipp Depiereux über die neuen Wettbewerber und über die Methoden, wie die digitale Transformation gelingen kann und wie Start-ups schneller wachsen.
Konzerne wie Daimler, Metro, die Allianz arbeiten schon seit einiger Zeit mit Start-ups zusammen, bekennen aber erst jetzt Farbe. Wie erklären Sie sich das?
Philipp Depiereux: Der klassische Mittelstand öffnet sich erst langsam, vor allem die produzierende Industrie will die Start-up-Welt im Bereich Internet of Things und Machine-to-Machine-Kommunikation kennenlernen. Die Konzerne outen sich jetzt, weil sie merken, dass sie für die Transformation ihres Kerngeschäftes neue Impulse brauchen. Und sie geben sich cool, um die Talente der Zukunft anzuziehen, die notwendig sind für den Wandel. Die Strukturen in den Konzernen sind lange gewachsen. Man kennt das, da gibt es Regeln zu Politics und Compliance, viel Sicherheitsdenken, und das muss überwunden werden. Die Vorstände, auf die Etventure stößt, haben verstanden, dass sie eine neue Kultur brauchen. Im Austausch mit Start-ups können außerdem erste Freiräume für Digital Units entstehen und Möglichkeiten, Menschen zusammenzubringen, um die Transformation anzustoßen. Trotzdem gilt: Der klassische Führungstyp wird seine Konzerndenke und eingeübte Kontrollreflexe nicht einfach los, indem er mit Start-ups zusammenarbeitet oder sie kauft.
Bringen die Start-up-Programme der Konzerne etwas?
Depiereux: Wenn Start-ups und Unternehmen zusammenarbeiten, prallen Welten aufeinander. Wenn wir in einem Unternehmen eine Digitaleinheit gründen, ziehen wir deshalb bewusst erst einmal panzer- und schusssichere Wände zur Organisation ein. In dieser externen Einheit arbeiten wir mit neuen Verfahren und Verhaltensweisen, auf die die Kernorganisation mitunter skeptisch reagiert. Diese ersten Einheiten funktionieren anders und müssen daher geschützt werden. Mit Ideen dieser Einheit, die bereits mit ersten Kunden getestet wurden, können wir Türen öffnen. Damit wecken wir Interesse für neue Prozesse und Ideen und können auf Basis konkreter Daten von den Vorteilen der Veränderung überzeugen. Problem ist doch: In Deutschland brummt die Wirtschaft, die Unternehmen sind hochprofitabel und sehen den Veränderungsdruck nicht. Läuft doch alles wie geschmiert. Das wäre im Übrigen bei uns nicht anders: Sechs Jahre nach dem Start ist auch Etventure in gewisser Weise zu einer Bewahrer-Organisation geworden. Wir sind erfolgreich. Käme hier jemand rein und meinte, wir sollten Strukturen oder Beratung verändern, dann würden sich hier erst einmal 220 Leute an den Kopf fassen.
Müssen Sie in den Unternehmen, die Sie beraten, die Häuptlinge überzeugen oder die Indianer?
Depiereux: Mich interessiert anfangs nur der oder die Vorstandsvorsitzende(n). Die digitale Transformation erfordert Entscheidungen, die nur Vorstand oder Geschäftsführung treffen können. Selbst wenn Mittelmanagement und Angestellte aufgeschlossen sind für Veränderungen, digitale Prozesse und Ideen, braucht es die Rückendeckung von ganz oben. Meistens ist ein großer Teil der Beschäftigten an Veränderungen interessiert.
Gründer- und Führungsteam von Etventure: Philipp Depiereux, Christian Lüdtke und Philipp Herrmann
Quelle: Etventure
Sind Sie mit dem Digitalisierungsgrad in der deutschen Wirtschaft zufrieden?
Depiereux:
Wir haben in Deutschland essenzielle Probleme. Die Infrastruktur ist ein Desaster, einige unserer Kunden auf der Schwäbischen Alb haben beispielsweise kein schnelles Mobilfunknetz. Da wird immer wieder über Machine-to-Machine-Kommunikation und Datennetze gesprochen und dann fährst Du 100 Kilometer und dabei bricht mindestens fünfmal das Netz zusammen. Weitere Herausforderung ist sicher die Finanzierung. Auch wenn momentan viel Geld im Markt ist und klassische Kapitalanlagen nicht funktionieren, sind uns die US-Amerikaner in Sachen Risikokapital weit voraus. Allerdings: Selbst Familienunternehmen, die in der vierten, fünften, sechsten Generation bestehen und erfahrungsgemäß eher konservativ agieren, verstehen, dass sie jetzt digitale Kanäle zu ihren Kunden und Auftraggebern eröffnen müssen. Nur wissen die Unternehmer nicht, was sie konkret machen und wo sie anfangen sollen. Strategieberatungen verkaufen ihnen Digitalstrategien und wollen diese innerhalb von drei Jahren aufsetzen. Digitalagenturen wiederum raten zum Start in den E-Commerce oder empfehlen Online-Marketing zur digitalen Transformation. Beides kann nicht funktionieren, ersteres mündet in Systemen, die schon kurz nach der Einführung veraltet sind und letzteres reicht nicht aus, um ein Unternehmen zu transformieren.
Wie geht’s besser?
Depiereux: Unternehmer sollten darauf achten, wo in ihren Branchen digitale Kanäle bestehen oder wo sie diese für Kunden oder Geschäftspartner öffnen können und dafür Projekte planen. Die B2B-Welt sieht heute so aus: Einkäufer oder Verkäufer, die privat ein Smartphone haben, selbst schon lange online bestellen, vielleicht auf Facebook und Whatsapp netzwerken, legen ihre digitalen Kenntnisse ab, sobald sie ins Unternehmen kommen. Für die ist es Irrsinn, Anlagen oder Werkzeugteile online zu ordern oder anzubieten, allein schon im Hinblick auf Freigabeprozesse und den Schutz eigener Produktionsdaten. Die gehen noch auf Messen, treffen dort ihre Außendienstler oder setzen auf Kataloge und Fax. Für Online-Unternehmen und für Start-ups ist es daher die größte Herausforderung, einen funktionierenden Digitalkanal zu etablieren und digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die tatsächlich ein Kernproblem des Kunden lösen. Klassische Berater fragen zurzeit gerne 'Are you digital ready?' und machen dazu Analysen. Aber die Antwort lautet immer ,Nein‘.
Warum?
Depiereux: Konzerne können nicht digital ready sein. SAP kann nicht mal eben auf einen Angreifer mit agiler Entwicklung reagieren. Wir haben Versicherungskunden, die schon ziemlich digital in ihren Prozessen sind. Aber einige von ihnen haben bis zu 23 unterschiedliche ERP-Systeme, von denen die ältesten älter als 15 Jahre sind. Die kommunizieren alle nicht miteinander, das sind alles isolierte Datensilos. Würde ich diese Systeme ,digital ready‘ machen, würde ich fünf Jahren brauchen, vermutlich Millionen Euro investieren müssen, aber in einem Jahr ist alles schon wieder veraltet, weil es nicht an den Bedarf anzupassen ist. Natürlich müssen Systeme aktualisiert werden. Das ist aber nicht der Kern der Digitalisierung. Unternehmen müssen, auch wenn sie nicht „digital ready“ sind, jetzt mit der Digitalisierung beginnen und dürfen nicht warten, bis sie selbst meinen, „ready“ zu sein. Bis Unternehmen mit ihrem Komplexitätsdenken und ihren alten Systemen auf Angreifer reagieren können, haben sie längst Geschäft verloren.
Gibt es Branchen, die die Notwendigkeit der digitalen Transformation noch nicht verstanden haben?
Depiereux: Im Bereich Fast Moving Consumer Goods passiert vergleichsweise wenig. Die Hersteller von Nahrungsmitteln, Kosmetik oder Reinigungsprodukten sind satt, denen geht es ausgezeichnet. Noch. Für sie ist Digitalisierung bisher nur ein Marketingthema, viele verfügen schon über digitale Konsumentenkanäle, nutzen Facebook und andere Communities, schieben Millionenetats in ihre Online-Werbung, denken aber nicht an neue Geschäftsmodelle.



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