Daten-Start-ups sind gefragt wie nie

Start-up-Programme sind keine Alternative

Während Alibaba, Walmart und Co. Millionen für Übernahmen auf den Tisch legen, reicht es bei den großen deutschen Handelsgruppen meist nur für ein obligatorisches Start-up-Förderprogramm. Ein Beispiel dafür ist der 2015 gestartete Accelerator der Metro AG. Zu den Unternehmen, die 2016 in das Förderprogramm aufgenommen wurden, gehörte auch das auf die Auswertung von Monitoring-­Daten spezialisierte Stuttgarter Start-up Tsenso. Aus der Zusammenarbeit zwischen dem Konzern und dem Jungunternehmen entstand das Projekt "Fresh ­Index". Während Großhändler wie Metro Cash & Carry die Überwachung der Kühlkette bisher nur an bestimmten Punkten vornahmen, wurde durch die Technologie von Tsenso eine lückenlose Kontrolle möglich.
Indem diese Daten mit Informationen über die biologischen Eigenschaften des jeweiligen Produkts zusammengeführt werden, kann die Metro ihren B2B-Kunden nun Empfehlungen geben, wie viel länger als auf dem aufgedruckten Mindersthaltbarkeitsdatum ein Lebensmittel haltbar ist. "Logistikdaten über die Einhaltung der Kühlkette hatten wir zuvor auch schon, aber erst durch die Kooperation mit Tsenso und die dadurch zur Verfügung stehenden zusätzlichen Informationen konnten wir daraus ein neuartiges, dynamisches Haltbarkeitsdatum entwickeln", beschreibt Oliver Teschl, Product Owner Traceability bei Metronom, der Tech-Unit der Metro AG. "Fresh Index" diene nicht nur der Nachhaltigkeit, sondern mache für den Handelskonzern auch Szenarien wie eine dynamische Bepreisung von Lebensmitteln je nach Frische möglich. Trotz des vielversprechenden Projekts steht eine Übernahme von ­Tsenso für die Metro nicht auf der Tagesordnung. "'Fresh Index' ist eine Branchenlösung, deshalb soll auch Tsenso weiter für andere Händler offen bleiben."
Aus Sicht von Etribes-Analyst Seebach ist das für das Start-up keine besonders ­attraktive Perspektive: "Gründer, die die Aussicht haben, mit Kapital überschüttet zu werden, verspüren kein Bedürfnis, in den Accelerator eines sterbenden Händlers aufgenommen zu werden." Etwas ­diplomatischer formuliert das Adference-CEO Nottorf. "Verglichen mit der Übernahme durch About You wäre die Teilnahme an einem Accelerator für uns deutlich unattraktiver gewesen - auch wegen der großen Unterschiede in der Unternehmenskultur."

Die Schere geht weiter auseinander

"Große Unternehmen haben beim Thema Daten einen Vorteil, den kleine nicht haben": Florian Nottorf, Mitgründer und CEO von Adference
Quelle: Adference
Doch wenn schon ein Handelsschwergewicht wie die Metro für ein Daten-Start-up nicht mehr attraktiv ist - was passiert dann mit Händlern kleinerer und mittlerer Größe? Für Experte Nils Seebach ist das Datenthema deshalb eine Zukunftsfrage. "Das ist ein Skalen-Game: Händler, die nicht die kritische Größe haben, um sich hier mit Übernahmen zu verstärken, sterben aus." Auch Adference-Gründer Nottorf beobachtet, wie sich in Sachen ­Daten bei den Unternehmen eine Schere öffnet: "Die Großen, die erkannt haben, wie wichtig ein datengetriebenes und ­automatisiertes Geschäft ist, haben einen Vorteil, den Kleine und Mittlere nicht ­haben." Seiner Ansicht nach werde das Gefälle im Handel deshalb in den nächsten Jahren noch größer werden. Eine Chance könnte es aber für mittelgroße Händler und Brands dennoch geben, hält Etribes-Berater Seebach entgegen - "wenn jemand ein Vertical besetzt und sich in diesem Bereich zielgenau verstärkt." Passende Beispiel dafür sei der Fahrradspezialist Rose Bikes, der kürzlich die Digital­agentur Kommerz übernommen hat.



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