Dirk Hörig von Commercetools 21.02.2018, 14:11 Uhr

"Ohne Microservices würde es Amazon in der Form nicht geben"

Der E-Commerce-Riese Amazon stellt alle 11,7 Sekunden neuen Code online. Ohne Microservices wäre das nicht möglich, erklärt Dirk Hörig, CEO des E-Commerce-Lösungsanbieters Commercetools.
Dirk Hörig ist CEO von Commercetools
(Quelle: Commercetools)
Wenn man sich die aktuellen Entwicklungen im digitalen Handel so anschaut - angefangen von kaufbaren Instagram-Posts bis zu smarten Lautsprechern - stellt sich schnell die Frage: Reicht künftig der klassische Webshop als Absatzkanal überhaupt noch aus?
Dirk Hörig:
Verbraucher sind mobiler denn je. In allen Bereichen des Handels steigt nicht nur die Anzahl der Endgeräte, mit denen Menschen täglich in Kontakt sind, stetig. Auch die Kontexte, in denen Shopping stattfindet, werden immer vielfältiger. Chatbots, IoT-Devices, Soziale Netzwerke, Voice Devices, Wearables - Handelsunternehmen und Markenhersteller stehen vor der großen Herausforderung, genau dort präsent zu sein, wo der Kunde sich befindet. Sich auf den klassischen Webshop als Absatzkanal zu verlassen, ist im hart umkämpften Markt der Gegenwart also in der Tat nicht mehr ausreichend. 
Noch stecken diese Möglichkeiten aber ja noch in den Kinderschuhen. Lohnt es sich, ganz vorne mit dabei zu sein? Oder sollte man besser aus den Erfahrungen anderer lernen?
Hörig:
Ich meine nicht, dass jeder Händler jetzt gleich alle Shopping-Kanäle bedienen muss - aber es ist definitiv Zeit, sich über die Zukunft, das eigene Geschäftsmodell, die eigene Unternehmensorganisation Gedanken zu machen und kritisch zu hinterfragen. Es geht auch nicht zwangsläufig um ein "mehr" an Features auf Kundenseite: Genau genommen will man mit smarten Ideen und Technologie Probleme für den Kunden aus dem Weg räumen. Dazu muss man die Kunden aber genauer kennenlernen und sich zudem die Mühe machen, den Einkaufsprozess pro Marktsegment genau unter die Lupe zu nehmen - denn das ist es ja, was beispielsweise Amazon so erfolgreich macht. 
Welche Herausforderungen müssen Händler meistern, wenn Sie ihren Kunden Everywhere Commerce bieten möchten?
Hörig:
Von der Einführung innovativer Funktionen über das Angebot personalisierter Produkte bis hin zur Umsetzung neuer Werbekampagnen oder Geschäftsprozesse gilt: Agilität ist das neue Mantra für die Unternehmen und darin liegt die große Herausforderung. Es erfordert einen Paradigmenwechsel vom Katalog über den Webshop bis hin zu einem Angebot mit rein kundenzentrischen Inhalten. Unternehmen müssen Kunden immer und überall eine Kaufoption zur Verfügung stellen - sei es auf sozialen Kanälen, an mobilen Standorten oder auf IoT-Geräten. Das bedeutet für Unternehmen, sich strategisch, organisatorisch und strukturell komplett neu aufzustellen. 
Gibt es ein Unternehmen/einen Händler, der den Everywhere Commerce zumindest ansatzweise schon lebt?
Hörig:
Amazon ist natürlich das Vorzeigeunternehmen schlechthin, experimentiert mit Voice, IoT und neuerdings auch mit AR. Aus europäischer Sicht wäre Ikea ein gutes Beispiel. Das Unternehmen setzt ebenfalls AR-Anwendungen zur Unterstützung der Kaufentscheidung ein.
Wer sich in Sachen Everywhere Commerce aufstellen will, muss auch klären, ob die eigene Shopsoftware hier noch mitmacht. Unternehmen wie Ihres preisen hier die Vorzüge von Microservices. Andere sehen die Technologie als alten Wein in neuen Schläuchen. Wie soll ein armer Online-Händler daraus klug werden?
Hörig:
Hierzu wird tatsächlich viel Unsinn verbreitet. Ich möchte das gerne klar abgrenzen. Der Ansatz einer auf Microservices und API basierten Lösung wie Commercetools unterscheidet sich vehement von herkömmlicher, wenn auch modular aufgebauter Shopsoftware. Die Unabhängigkeit der einzelnen Services untereinander macht hier den entscheidenden Unterschied und sorgt für Flexibilität und Agilität in der Weiterentwicklung sowie im Betrieb der Lösung. Herkömmliche Shopsoftware, die wir auch als Monolithen bezeichnen, entwickelt sich dagegen immer mehr zu einem Bremsklotz für moderne Commerce-Unternehmen. Sie kann zwar auch durch Module erweitert werden, aber a) braucht es immer noch das Grundsystem dazu und b) teilen sich die neuen Module Daten mit dem Grundsystem. Für die Einführung neuer Features oder die Umsetzung von Updates ist das ein klarer Nachteil. Aber: Als Architekturkonzept sind Microservices in der Tat nichts Neues, nur die Anwendung im Online-Kontext ist noch relativ jung. Vorreiter sind Netflix und Uber, im E-Commerce-Kontext Amazon, Zalando und Rewe. Ich erinnere mich, dass man vor 20 Jahren vor einem ähnlichen Problem stand, als es um die Überwachung und das Managen von IT-Infrastrukturkomponenten wie Netzwerke, Festplatten, Server etc. ging. Plötzlich hatten all diese Dinge, die früher alleine betrachtet wurden, IP-Adressen und unterhielten sich miteinander. Ein neues Konzept musste her und der Enterprise Service Bus und SOA wurde geboren, um die Komplexität durch standardisierte Kommunikation und Komponentisierung zu beherrschen. 



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