Ottos Plattform-Strategie: "Der Ansturm hat uns überrascht"

Wie man vom Tanker zum agilen Schnellboot wird

In letzter Zeit kommen im Wochenrhythmus neue Features von Otto auf den Markt. Ist das Zufall oder sind Sie wirklich agiler als früher?
Opelt:
 Sowohl als auch. Wir haben bei der Neuentwicklung von otto.de in Eigenregie vor einigen Jahren viel über Scrum und agile Vorgehensweisen gelernt. Dieses Wissen nutzen wir heute in nahezu allen Bereichen des Unternehmens. Das macht uns schneller. Wir haben in den vergangenen Jahren massiv in diese Fähigkeiten investiert. Und wenn andere über die Schnelligkeit am Markt stöhnen, sage ich immer nur: "Fang einfach an!". So machen wir’s bei vielen Themen: Augmented Reality, Künstliche Intelligenz, Conversational Commerce. Ein Beispiel: Wir wollten eine Bildersuche implementieren, mit der man sich ein ganzes Outfit zusammenstellen kann. Das kriegt man mit Prototypen auch sofort hin. Wenn man sich aber tiefgehender damit beschäftigt, erkennt man plötzlich ganz andere Usecases, zum Beispiel das Thema Produktdatenanreicherung. Wir sind jetzt in der Lage, durch Bilderkennung Produktdaten anzureichern. Dadurch wird sofort die gesamte Darstellung im Webshop optimiert. Und wenn wir Partner anbinden, können wir Lücken in den Produktdaten damit füllen.
Und woher kommen die Ideen zu den Features?
Opelt:
 Da passt das Credo unserer Entwickler: "Verliebe dich nicht in eine Lösung, sondern verliebe dich in das Problem." Die Suche nach dem Problem fängt beim Kunden an. Aufmerksamer denn je müssen wir dem Kunden zuhören, sein Feedback annehmen und sein Problem lösen. Mit den InnoDays haben wir bei Otto ein Hackathon-Format, bei dem sich die Kolleginnen und Kollegen aus den Technologiebereichen drei Tage lang in die „schönsten Probleme“ verlieben und Prototypen für Lösungsansätze entwickeln. Einige der Features, die wir übertragen haben, sind aus den "InnoDays" entstanden - beispielsweise die Bildersuche oder die Skills für den Google Assistant. Dass wir angefangen haben, Produktbewertungen intelligent zu filtern, war ebenfalls ein Kundenwunsch.
Für eher weniger Lob in der Fachpresse hat das neue Kundenbindungsprogramm gesorgt. Warum wirkt das so antiquiert?
Opelt:
Wir haben auch hier die Entscheidung getroffen, dass wir erst einmal starten und einige Features mit unseren Kunden testen. Etwa die Lieferflatrate. Und das Wichtigste: Bei unseren Kunden kommt das Programm sehr gut an. Die Inanspruchnahme ist sehr groß und wir hatten innerhalb von zwei Wochen bereits über 500 Kundenbewertungen - 80 Prozent davon mit fünf Sternen. Für die Zukunft planen wir weitere Module, die dann einen etwas anderen Blick auf das Programm ermöglichen. Eines davon heißt zum Beispiel "Entertain", aber da wird noch mehr kommen. 
Wir haben schon viel über BI gesprochen. Sie investieren viel Manpower in das Thema. Gleichzeitig haben Sie Blue Yonder verkauft. Warum?
Opelt:
 Wir haben mit Firmen wie Eventure und Project A immer geschaut, was wir selbst lernen können und wo genau wir investieren sollten. Blue Yonder war so ein Case, wo wir sehr früh ein lohnendes Investment sahen. Wir sind ja auch selber immer noch Kunde von Blue Yonder und haben zusammen viel gelernt. Aber aus der Investmentperspektive betrachtet, war jetzt einfach ein sehr guter Zeitpunkt, um auszusteigen. Und wenn Technologie und Intelligenz für das eigene Geschäftsmodell eine der wichtigsten Kernkompetenzen sind, muss man im Zweifel ganz viel Kompetenz selbst aufbauen. Für uns ist BI der Schlüssel zur Automatisierung. Und hinter allem, was mit Plattform und Transformation zu tun hat, muss immer ein enormes Automatisierungspotenzial liegen. 
Sie machen das größte BI-Projekt Europas. Was steckt da unter der Haube?
Opelt:
 Das Projekt heißt "Brain". Früher hätte man dazu vermutlich Datenbank gesagt, heute hat es andere Dimensionen. Brain ist im Grunde genommen der Ort, aus dem sich die Intelligenz speist. Da findet die gesamte Datenversorgung statt für alles, was wir an BI-Anwendungen bauen. Wir haben inzwischen über 200 Services, die wir aus der BI in unserem Unternehmen anbieten. 



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