Online-Händler aus Asien 08.03.2017, 10:15 Uhr

Marktplätze: Wettbewerbsverzerrung durch Steuer-Vorteile

Tausende Händler aus China und Asien verkaufen ihre Waren über die Online-Marktplätze Amazon und eBay. Doch sie hinterziehen ihre Umsatzsteuern und verschaffen sich so Kosten- und Wettbewerbsvorteile.
Warenlager: Um schnell liefern zu können, lagern Marktplatz-Händler aus Asien ihre Waren bei deutschen Fulfillern oder bei Amazon ein.
(Quelle: Amazon )
Schwere Vorwürfe: Wettbewerbsverzerrung und Steuerhinterziehung werfen Händler der Konkurrenz aus China und Asien vor, die über Online-Marktplätze Waren in Deutschland vertreibt. "Drei Viertel der Taschen, die bei eBay oder Amazon angeboten werden, werden ohne Umsatzsteuer verkauft", beobachtet etwa Christian Pietsch von Gusti-Leder aus Rostock. Er hat bei einigen der Wettbwerber schon Taschen bestellt und bekam mit der Ware oft Rechnungen, die keine Umsatz- oder Mehrwertsteuer auswiesen. "Die Asiaten können 19 Prozent billiger verkaufen oder mehr Gewinn machen", sagt Pietsch. Durch die Dumpingpreise sieht er sein Unternehmen und die Existenz von 70 Mitarbeitern in Gefahr.
Pietsch ist mit seiner Anklage nicht allein: Nicht nur bei Taschen, sondern auch in den Segmenten "Haus und Garten" und "Elektro" stehen immer mehr Angebote aus Asien und China. Für eine schnelle Lieferung lagern die Händler bei Amazon oder bei Fulfillmentdienstleistern von eBay ein, die meist zum Versand noch die Rechnungsstellung übernehmen. Vor allem eBay umwirbt in Asien gerade offensiv Händler: Der Marktplatzbetreiber informiert in Workshops und Seminaren über Verkaufszahlen und günstige Kredite von chinesischen Banken, stellt zur Planung des Auslandsgeschäfts Dokumente bereit und empfiehlt dabei auch noch seine deutschen Fulfillmentpartner.

Mehr als 10.000 Händler aus Asien

Erkennbar sind die Steuersünder aus Asien an der fehlenden Umsatzsteuer-Kennnummer im Impressum auf ihren Shop- und Produktseiten. Branchendienst Wortfilter zählt 5.500 Händler aus Asien bei eBay, 5.100 bei Amazon, die hier einlagern und auf den Online-Marktplätzen verkaufen. Betreiber Mark Steier schätzt, dass mehr als 90 Prozent von ihnen keine Umsatzsteuer abführen. "Die Warenwerte am Lager sowie die Umsätze der letzten Tage können auf Amazon und eBay leicht auslesbar “, so Steier. "Nach konservativer Schätzung liegt der Steuerschaden bei rund 800 Millionen Euro im Jahr und mehr."
Amazon-Angebot aus Asien: Im Impressum (re), das sich auf der Händlerseite findet, nennt der Händler keine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer. Die Möglichkeit, dass er keine Umsatzsteuer abführt, ist daher denkbar, auch wenn der Preis inklusive Umsatzsteuer angegeben ist.
(Quelle: Amazon)
Auf ein Beispiel herunter gerechnet sieht das dann so aus: Der chinesische Händer Matyebeb aus Shenzen, der bei eBay Autozubehör und Werkzeug absetzt, hat einen Warenwert von gut 800.000 Euro eingelagert. Zwischen 30. Januar und 1. März 2017 verkaufte er Waren für knapp 53.000 Euro - ob er allerdings die dafür fälligen 8.400 Euro Steuern abführt, ist fraglich. Das Unternehmen Mtyeb führt zwar auf den Produktseiten seine Adresse an, aber keine Umsatzsteuer-Idenfikationnummer.

Verbände und Politik mauern

Verantworlich für die Besteuerung von Händlern aus China und Asien ist das Finanzamt Berlin-Neukölln. Dort aber sind von den gut 10.000 Händlern aus Asien bei eBay und Amazon nur 375 Händler aus China und Hongkong registriert. "In etwa 80 Prozent geben Umsatzsteuererklärungen ab", lässt die Behörde wissen und verweist gleichzeitig darauf, dass "derzeit keine praktikable Rechtshilfe in Steuerstrafsachen mit der Volksrepublik China und Honkong existiert". Amtshilfe aus China bei Steuerstrafsachen zu fordern, fällt auch deshalb in Deutschland schwer, weil China einige Wirtschaftsdelikte mit der Todesstrafe ahndet.
Auch in Großbritannien sind die Steuer-Vorteile asiatischer Online-Händler seit längerer Zeit bekannt sowie die Probleme, deren Steuerhinterziehung zu ahnden. Dort aber ziehen die Finanzbehörden seit einem guten Jahr die Marktplätze zur Verantwortung und verlangen von ihnen, die Umsatzsteuer ihrer Marktplatz-Händler aus Asien einzuziehen. Das hat eBay und Amazon bewogen, die Händler aus Asien zu einer eigenen Anmeldung und Steuererklärung zu drängen. Die Folge: Im vergangenen Jahr haben sich mehr Händler angemeldet, die Behörden schätzen die Mehreinnahmen auf eine Milliarde britische Pfund.
Mehreren Gutachten von Finanz- und Steuerrechtsexoerten zufolge könnten auch hier zu Lande die Marktplätze und Fulfillmentdienstleister für ihre Auftraggeber aus Asien Steuern abführen. Doch die Politik bleibt passiv, will die Sachlage erst noch prüfen. Es fehlt, so moniert Wortfilter-Betreiber Steier, der Druck von Handels- und Online-Verbänden. Die aber halten sich zurück, weil Amazon und eBay zu den Mitgliedern gehören. "Sie vertreten daher die Interessen der Online-Händler nicht und die Politik verkennt die Probleme", wettert Steier.
Er rät Händlern dazu, bei den Berliner Finanzbehörden Anzeige zu erstatten gegen die Konkurrenz aus Asien und damit auch den Druck auf die Branchenvertreter zu erhöhen. "Die Steuern", so Steier, "sind ja nur ein Problem, aber die Händler aus China und Asien müssen sich auch nicht um Gewähleistungspflichen, Verpackungsrichtlinien und andere Regeln kümmern, die hier Kosten und Aufwand verursachen."



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