Interview zum DaWanda-Aus 06.07.2018, 08:40 Uhr

Claudia Helming: "Am Ende stand die Kooperation mit Etsy"

Es wurde diese Woche viel geschrieben über das überraschende Ende von DaWanda. Im Interview erklärt Gründerin Claudia Helming, wie sie um ihr Herzensprojekt gekämpft hat - und letztlich gescheitert ist.
DaWanda-Gründerin Claudia Helming
(Quelle: DaWanda )
Es war die Überraschung der Woche: Zum 30. August wird DaWanda seine Pforten schließen. Das Ende des deutschen Online-Marktplatzes für Handgemachtes, der vor 12 Jahren gegründet wurde und seither eine stetige Präsenz in der deutschen Start-up-Szene war, hat die Gemüter der Branche bewegt. Mehrere Medien verfassten Nachrufe - nicht nur auf ein Unternehmen, sondern auf die Idee, dass "auch die Kleinen, die Davids, neben den wenigen Goliaths bestehen können", wie Onlinehändler-News schrieb
DaWanda-Gründerin und -Geschäftsführerin Claudia Helming, stets eine der Vorzeige-Frauen des deutschen E-Commerce, hüllte sich dagegen, abgesehen von einigen Zitaten in der Pressemeldung, bislang in Schweigen. Mit IINTERNET WORLD BUSINESS sprach sie jetzt über einen aussichtslosen Kampf, die letztlich alternativlose Kooperation mit Etsy - und darüber, was sie jetzt vorhat.
Frau Helming, wie geht es Ihnen im Moment?
Claudia Helming:
DaWanda war mein Herzensprojekt. Logischerweise ist es ein sehr emotionaler Moment. Ich muss aber auch sagen, ich erlebe auch in dieser Phase immer wieder Überraschendes, ich bekomme viel positives Feedback zu dem, was wir gemacht haben und wie wir es gemacht haben. Trotzdem ich natürlich traurig bin, versöhnt das sehr.
Im März beim letzten Gespräch (Internet World Business, Print-Ausgabe 7/18) wirkten Sie noch recht zuversichtlich, Sie gingen davon aus, 2018 komplett profitabel abzuschließen und die Technik in den Griff zu bekommen, sprachen von Neuerungen, die Sie bald ankündigen wollten. Was ist seitdem passiert, das Sie zu diesem radikalen Schritt bewogen hat?
Helming:
Wir waren schon länger auf der Suche nach einem Partner, der uns weiterbringen kann. Während dieser Suche haben wir verschiedene Partnerschaften evaluiert, am Ende stand die Kooperation mit Etsy.
Kam von den alten Kapitalgebern kein neues Geld?
Helming:
Nur Kapital hätte uns nicht weitergeholfen. Um das Geschäftsmodell weiterzuentwickeln, hätten wir mehr gebraucht, zum Beispiel sehr viel Kapital um Firmen in anderen Märkten zuzukaufen, oder einen Partner, der einen anderen Kundenstamm mit einbringt und uns so neue Wachstumschancen eröffnet.
Wann hat für Sie dieser letzte Kampf um DaWanda begonnen?
Helming:
Gekämpft um die Firma habe ich eigentlich 12 Jahre lang, es war nie ein reiner Selbstläufer. Wir sind sicher eines der sympathischsten Start-ups, aber Herz und Geldbörse gehen nicht immer Hand in Hand. Extrem gekämpft haben wir seit letztem Jahr inklusive Preisumstellung, Umstrukturierung mit der Entlassungswelle und Erreichung der Profitabilität. Seitdem haben wir versucht, in die Spur zu kommen und gleichzeitig Partner zu finden, mit denen wir DaWanda weiterentwickeln können.
Und warum wird DaWanda jetzt gleich abgewickelt? Ihre große Händlercommunity, die hohe Markenbekanntheit in der deutschen Zielgruppe, millionenfache Seitenzugriffe - das alles sind doch nicht zu verachtende Werte. Hätte man die nicht an den Mann bringen können - und Ihre Mitarbeiter gleich mit?
Helming:
Das hat viel damit zu tun, wie Etsy aufgestellt ist. Esty ist eine globale Marke - lokale Submarken machen da nicht wirklich Sinn. Vieles wird zentral gesteuert, deshalb konnten auch die DaWanda-Mitarbeiter nicht unterkommen.
Ihre Verkäufer sollen jetzt zu Etsy wechseln, eine Kooperation soll ihnen beim Übertritt helfen. Wie sieht die Hilfestellung konkret aus?
Helming:
Einige DaWanda-Mitarbeiter, darunter das gesamte Support-Team, sind noch nicht freigestellt, sondern helfen beim Übertritt. In mehreren E-Mail-Aktionen und auch Onsite werden zudem die Käufer auf den Wechsel hingewiesen.
Man hört schon viele Händlerstimmen, die mit dem erzwungenen Wechsel zu Etsy gar nicht glücklich sind; die Plattform sei zu groß, man würde mit kleinen Sortimenten kaum gefunden. Ähnliche Kritik hört man über Amazon Handmade. Ist Etsy der richtige Ort für Ihre vielen Klein- und Kleinst-Unternehmer?
Helming:
Sicher ist Etsy ein sehr großer Marktplatz, der auf den ersten Blick einschüchternd wirken mag. Es gibt aber auch dort viel Support innerhalb der Community, oder auch in verschiedenen Facebook-Gruppen, man kann schon gut Hilfe zur Positionierung finden. Etsys und auch unsere Support-Mitarbeiter helfen bei genau solchen Fragestellungen weiter. Die Etsy-Algorithmen sind sehr lokal, so dass deutsche Kunden vornehmlich Produkte von deutschen Verkäufern angezeigt bekommen.
Ist das Ende von DaWanda ein Anzeichen dafür, dass der deutsche Handmade-Markt ein grundsätzliches Problem hat?
Helming:
Das ist schwer zu sagen. Wenn man sich die Etsy-Zahlen anguckt, dann sieht man, dass sie ein schönes Wachstum auch in Europa und Deutschland hinlegen. Für die Amazon Handmade-Verkäufer, die dort mitmachen, läuft es wohl auch ganz gut - auch wenn ich weiterhin Schwierigkeiten damit habe, die Konzepte "Amazon" und "Handmade" zusammenzubringen. Und wir sind letztes Jahr in Sachen Umsatz ja auch gewachsen. Ich würde also nicht sagen, dass der Handmade-Markt tot ist.
Was haben Sie jetzt vor?
Helming:
Ich werde jedenfalls nicht Beraterin oder Mitarbeiterin von Etsy, auch wenn das schon zu lesen war. Auf einer karibischen Insel in die Sonne legen werde ich mich sicher auch nicht. Ich weiß ehrlich gesagt noch überhaupt nicht, was ich nach dem 30. August tun werde.



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