Der Plattform-Hype der Händler 28.10.2017, 11:14 Uhr

Plattformökonomie: Nicht für jeden Händler passend

Im Gefolge von Amazon und Zalando setzen immer mehr Händler auf Plattformstrategien. Doch nicht jeder hat das Zeug dazu, Kunden und Partnern echte Mehrwerte zu bieten.
(Quelle: shutterstock.com/Montri Nipitvittaya )
von Matthias Hell
Task Rabbit nennt sich ein in San Francisco beheimatetes Start-up, das verspricht, handwerklich begabte "Tasker" mit Privatpersonen zu verbinden, die ­Hilfe bei der Erledigung entsprechender Aufgaben benötigen. Das Spektrum reicht von einfachen Handwerkerarbeiten über Umzugshilfe bis hin zur Montage von Mitnahmemöbeln. Das Unternehmen ist damit ein klassisches Beispiel für den Bereich der Sharing Economy oder Neudeutsch Plattformökonomie. Mit seinem Montageservice weckte Task Rabbit das Interesse des Möbelriesen Ikea, der Ende letzten Jahres für seine ­Geschäfte in London als Pilotprojekt eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen auf die Beine stellte. Nun haben die Schweden das Start-up übernommen - und liegen damit voll im Trend der Zeit: Wer als Händler nachhaltig bestehen wolle, müsse zur Plattform werden.
Handelsunternehmen sollten sich vom reinen Warenverkauf verabschieden und dazu übergehen, auch ihre Kundenbeziehungen zu monetarisieren. Auf diese Weise werde die ­eigene Infrastruktur nicht nur zur Basis für neue Erlösquellen, es sei auch möglich, den Kunden zusätzliche Mehrwerte zu bieten. Davon spricht auch Ikea-Chef Jesper Brodin: "Indem wir in die Sharing Economy einsteigen, können wir in einem sich schnell ändernden Handelsumfeld neue, verbesserte Produkte entwicklen und dazu beitragen, das Leben unserer Kunden leichter zu machen." Doch wird dazu die Beteiligung an einem Start-up - das noch dazu selbstständig bleibt - ausreichen? Und wie ernst meint es Ikea mit dem Einstieg in die Plattformökonomie? Immerhin ist der Möbelriese für seine ­zurückhaltende Online-Strategie bekannt, die auch im vergangenen Jahr dazu führte, dass Ikea mit Köttbullar und Co mehr erwirtschaftete als im E-Commerce.

Der Weg vom Händler zur Plattform

Wie der Weg vom Händler zur Plattform idealerweise aussieht, hat Amazon in den letzten Jahren mustergültig vorexerziert: Auf den Aufbau eines Marktplatzes folgte die Öffnung der eigenen IT- und Logistikinfrastruktur für Dritte und die konsequente Monetarisierung der Kundenbeziehungen im Rahmen des ständig wachsenden Prime-Netzwerks. Als Folge stammt bereits ein Drittel der Amazon-Umsätze aus dem Service-Geschäft - ein Wert, der bislang im Handelsumfeld unerreicht ist und für Begehrlichkeiten sorgt: Plattformstrategien stehen hoch im Kurs und werden inzwischen von vielen Handelsunternehmen zum Ziel erklärt. Mit Amazon, Otto und Zalando setzen die drei umsatzstärksten Online-Händler in Deutschland auf den Wandel vom Shop zur Plattform. Auch viele Anbieter mit stationären Wurzeln wollen künftig mehr sein als nur Händler: Sport Scheck befindet sich auf dem Weg zum "Treffpunkt für das Erlebnis Sport", Real und Rewe ­betreiben eigene Online-Marktplätze und die unter Druck geratene Warenhauskette Karstadt bemüht sich mit dem unlängst zugekauften Hood.de sowie Shop-in-Shop-Konzepten in den Kaufhäusern um den Aufbau eines wachsenden Öko­systems.
Handelsexperte Gerrit Heinemann sieht die Erfolgsaussichten dieser Plattformstrategien allerdings eher skeptisch: "Dabei wird das Einkaufsverhalten der Kunden ausgeblendet", meint der BWL-Professor. "Diese suchen neben Amazon, eBay und Preisvergleichern vor allem bei Google nach gewünschten Produkten. Und um hier nach vorne zu kommen, braucht es für einen neuen Marktplatz mindestens 500 Millionen jährliche Besucher - außer Amazon und eBay ist das in Deutschland derzeit nur Otto und Zalando zuzutrauen."



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