Online-Shops 25.11.2015, 09:10 Uhr

Lebensmittel online: Vorreiter Großbritannien

Wocheneinkauf per Mausklick? In Deutschland kaum genutzt ist er in Großbritannien längst üblich. Doch den Händlern bereitet das Geschäft bisher vor allem Verdruss.
Dark Stores von Tesco
(Quelle: Tesco )
von Nora Jakob
Salat, Eier, Fisch, Fleisch: Immer mehr Supermärkte liefern Lebensmittel nach Hause - in Deutschland allerdings eher selten. Die Verbraucher sind vorsichtig, die Experten skeptisch. Ein großer Wurf ist der Online-Handel mit Lebensmitteln hierzulande bislang nicht. Anders ist die Lage in Großbritannien: Auf knapp acht Milliarden Euro beläuft sich das ­Online-Marktvolumen im Vereinigten Königreich, schätzt das IFH Köln.
Sechs Prozent aller Lebensmittel werden damit in Großbritannien mittlerweile online verkauft. Ein Anteil, der bis 2020 auf 8,6 Prozent steigen soll, wie die Marktforscher von IGD Research Note ermittelt haben. Das Marktvolumen läge dann bei 17 Milliarden Pfund. Vor allem internetaffine Briten zwischen 25 und 34 Jahren kaufen ihre Lebensmittel gern online. Was ­zunächst ein Nischenphänomen war, ist mittlerweile ein ernst zu nehmender Markt.  
"Der Erfolg des Online-Lebensmittelhandels in Großbritannien ist dabei vor ­allem auf die Metropolregion London zurückzuführen, auf die sich viele Angebote fokussieren", sagt Kai Hudetz, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung in Köln. Das Vereinigte Königreich, in dem die "Big Four" (Tesco, Asda, Sainsbury’s und Morrisons) den Ton angeben, gilt als Online-Pionier: In keinem anderen Land haben die Supermärkte derart viel Geld in den Online-Handel investiert.

Maßnahmen der Supermarktketten

Trucks von Tesco im Einsatz.
Quelle: Tesco
So haben die Supermarktketten spezielle Kühllieferwagen angeschafft, die die Waren noch am Tag der Bestellung zustellen, häufig sogar in einem Zeitfenster von einer Stunde. Maximal sechs Euro kostet die Lieferung, die bis 23 Uhr an sieben Tagen der Woche möglich ist. Der überwiegende Teil der Bestellungen aus dem Netz wird in den Filialen zusammengestellt; Tesco, das ­seine Internet-Aktivitäten bereits 2000 startete und mittlerweile über 37,5 Prozent des Marktes kontrolliert, und Asda (Marktanteil: 15 Prozent) unterhalten aber auch sogenannte "Dark Stores", also Warenlager, in denen ausschließlich Online-Bestellungen gepickt werden.
Zudem haben viele Supermarktketten früh in Cross-Channel-Systeme investiert: Die Kunden recherchieren und kaufen die Produkte im Internet. Die Abholung findet jedoch im Supermarkt statt - oder an speziellen Click & Collect-Schaltern, wie Tesco und Sainsbury’s sie anbieten. Ähnlich wie bei Amazon gibt es zudem bei einigen Anbietern die Möglichkeit, "Premium-Kunde" zu werden und von einem besseren Service, etwa geringeren Lieferkosten und Sonderangeboten, zu profitieren. 

Stationärer Handel stützt oft das Online-Geschäft

Das Problem: Bisher lohnt sich das aufwendige Engagement kaum. Oft sind die Kosten höher als die Erträge. Bei keiner der großen Ketten lässt der Jahresbericht, in dem zwar der Online-Handel aufgeführt wird, aber keine detaillierten Zahlen veröffentlicht werden, Rückschlüsse auf die Rentabilität zu. Hinzu kommt, dass sich Online- und Offline-Handel kaum voneinander trennen lassen. Fakt ist aber, dass der stationäre Handel das Online-Geschäft nach wie vor subventioniert.
Denn der Online-Handel mit Lebensmitteln folgt eigenen Gesetzen - gerade bei frischen Produkten ist der logistische Aufwand hoch: Die Routen müssen genau berechnet werden, die Versandkosten sind für den Kunden vergleichsweise günstig, der Händler zahlt aber drauf, weil er ­eigentlich nicht so billig liefern kann. Ein Zuschussgeschäft also, damit das hohe ­Niveau und der gute Service gehalten werden können.
"Wir glauben nicht, dass mit dem Online-Handel von Lebensmitteln wirklich viel Geld verdient werden kann", sagt Andrew Stevens, Senior Analyst der privaten Forschungsgruppe Verdict. "Je mehr Kunden dies nutzen werden, desto teurer wird es letztlich auch für die Händler. Aber diese begreifen den Online-Handel dennoch als ein wichtiges Geschäftsfeld."

Große Konkurrenz in Großbritannien

Warum also dieses aufopferungsvolle Engagement für ein Geschäft, mit dem kein Blumentopf zu gewinnen ist? Das liegt ­einerseits an der stark wettbewerbsorientierten Food-Branche in Großbritannien, meint Stevens: "In Großbritannien ahmen die Supermärkte ihre Konkurrenten gerne nach. Macht also einer einen Schritt nach vorne, werden die anderen sehr wahrscheinlich nachziehen", so der Analyst. ­
Dazu kommt die immer realer werdende Bedrohung durch Amazon: Der Lieferservice Amazon Pantry ist seit Mitte November in Großbritannien verfügbar; zudem wird wird gemunkelt, dass der ­Online-Händler seinen Frischwarenlieferdienst im kommenden Jahr nach London bringen wird. Ein lokaler Rivale ist da schon weiter: Der Online-Supermarkt Ocado kommt ohne eine einzige stationäre Filiale aus, hat nur Lagerhäuser und eine Flotte von Lieferwagen, die mittlerweile fast in ganz Großbritannien unterwegs ist, um Lebensmittel auszuliefern.



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