Gesundheits-Ökonom Gerd Glaeske 10.05.2017, 08:10 Uhr

"Online-Apotheken haben Bewegung in den Markt gebracht"

Das Verbot des Versandhandels rezeptpflichtiger Medikamente ist vorerst vom Tisch. Doch die Online-Konkurrenz tut den Apotheken und den Patienten gut, meint der Bremer Gesundheits-Ökonom Gerd Glaeske.
Gerd Glaeske studierte Pharmazie in Aachen und Hamburg und hält an der Universität Bremen die Professur für die Erforschung der Arzneimittelversorgung.
(Quelle: Universität Bremen )
Zumindest das Versandverbot verschreibungspflichtiger Medikamente ist vorerst vom Tisch: Die Forderung des Apotheker-Verbandes ABDA, die Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) unterstützte, ist am Widerstand von SPD und Gründen gescheitert.
Trotzdem werden Online-Handel und E-Commerce noch immer argwöhnisch von Gesundheitspolitikern, aber auch von vielen Apothekern betrachtet. Zu Unrecht, wie Professor Gerd Glaeske meint.
Im Interview erklärt der Gesundheitsökonom aus Bremen, warum Online-Apotheken dem Gesundheitssystem und den Patienten gut tun, wie sich der Medikamenten-Markt verändert und welche Vorteile eine stärkere Digitalisierung der Versorgung Kranker brächte.
 
Im vergangenen Oktober hat der Europäische Gerichtshof (EuGH) Versandapotheken im Ausland von der Apothekenpreisverordnung für verschreibungspflichtige Medikamente freigestellt. DocMorris, die Europa Apotheek und andere Versender in den Niederlanden können diese jetzt mit Rabatten und billiger verkaufen. Welche Folgen hatte das Urteil für Apotheken in Deutschland?
Professor Gerd Glaeske:
Die hiesigen stationären Apotheken haben erheblichen Lobbydruck entwickelt, um nach dem Urteil zumindest den Versand rezeptpflichtiger Arzneien zu unterbinden. Das ist ihnen jedoch nicht gelungen. Trotz des großen Aufschreis in den Medien hatte das Urteil bisher keine erkennbaren wirtschaftlichen Folgen. Obwohl Versender im Ausland rezeptpflichtige Medikamente mit Rabatten verkaufen können, habe ich nichts von Umsatzeinbrüchen in deutschen Apotheken gehört.
Wurden rezeptpflichtige Arzneien billiger?
Glaeske: Nein, aber unabhängig von den Diskussionen um das EuGH-Urteil sind die Preise für Medikamente in Deutschland enorm gesunken, seit der Verband der Kassen diese mit den Herstellern aushandeln und einzelne Kassen außerdem Rabattverträge mit Pharmaherstellern abschließen können.
Wie geht es den Apotheken, im Hinblick auf die noch junge Online-Konkurrenz?
Glaeske: Die Online-Apotheken sind seit geraumer Zeit ein Thema in der Branche. Seit 2004 ist der Versand in Deutschland erlaubt, etwa 15 Prozent der rund 20.000 Apotheken in Deutschland setzen auf diesen Vertriebskanal. Darunter sind Spezialangebote wie Kosmetik und Gesundheitsprodukte aus den frei verkäuflichen Sortimenten der Apotheken, andererseits haben sich mittlerweile auch größere Versandapotheken entwickelt, die Medikamente zur Selbstmedikation mit hohen Rabatten verkaufen. Eine Packung Paracetamol mit 20 Tabletten, die sonst zwei Euro kostet, ist hier oft schon für einen Euro zu haben.
Tut die Online-Konkurrenz dem Markt gut?
Glaeske: die dringend erforderlich war. Als Gesundheitsökonom und als wettbewerbsorientierter Wissenschaftler halte ich diese Entwicklung für sehr vernünftig, gerade in einem Gesundheitssystem, das über Jahrzehnte erstarrt war. Hier gibt es ja nur wenige Chancen eines ausdifferenzierten Wettbewerbs. Leider wird die Konkurrenz zwischen online und stationär bisher nur über den Preis ausgefochten, nicht aber über die heilkundliche Kompetenz. Offensichtlich ist die Preiskonkurrenz gegenüber Kassen, Kunden, Patienten und anderen Institutionen am besten vermittelbar.
Im Schnitt versorgen in Europa 35 Apotheken je 100.000 Bewohner. Deutschland liegt mit einem Verhältnis von 25:100.000 unter dem Durchschnitt. Hier können Präsenzapotheken außerdem Abteilungen für den Versand gründen - in sechs europäischen Ländern ist das verboten.
Quelle: DAZ, ABDA
Die Zahl der Apotheken nimmt ab, ist die Flächenversorgung in Gefahr?
Glaeske: Die Zahl der Apotheken geht seit einiger Zeit um 100 bis 120 pro Jahr zurück, ein Ergebnis aus Neugründungen und Schließungen und eine Fluktuation, die in vielen Bereichen im Gesundheitssystem zu beobachten ist. Durch die Reformen agieren Apotheken heute anders. Sie kooperieren miteinander, um wie große Versender Einkaufsvorteile bei den Herstellern auszuhandeln, sie haben bis zu drei  Filialen, setzen auf Online-Angebote und Versand. Das vermeintliche Apothekensterben würde ich als normale Marktbewegung oder als Konsolidierung bezeichnen. Es gibt heute weniger Apotheken, weil sich Apotheken mit einem Jahresumsatz von unter einer Million Euro oft nicht mehr rentieren und daher schwer zu verkaufen sind. Der Trend geht heute zu größeren Apotheken in gut frequentierten, meist städtischen Einkaufslagen.
Herrscht also Überversorgung?
Glaeske: Schwer zu sagen, aus meiner Sicht sind es zu viele Apotheken. Die Apotheker argumentieren mit der Situation in Europa. Deutschland liegt mit 25 Apotheken pro 100.000 Einwohnern unter dem europäischen Schnitt von 35. Allerdings: Als es noch keine Niederlassungsfreiheit für Apotheker gab, versorgte eine Apotheke 9800 Menschen, heute ist dieses Verhältnis je nach Region auf 1 zu 3.500 gesunken. Selbst Funktionäre geben zu, es könnte gut und gerne bei 1 zu 5000 liegen. In diesem Fall bräuchten wir 16.000 Apotheken. Wichtiger als ihre Zahl ist aber die Verteilung, die Ballung von vier, fünf Apotheken in Stadtzentren ist ungesund und fördert letztlich nur den Verkauf von Mitteln aus dem Randsortiment wie Kosmetika oder andere zum Teil dubiose Angebote. Wir brauchen eine andere Verteilung der Apotheken, die durch Anreize gesteuert werden sollte. Dann funktioniert auch die Versorgung auf dem Land, die angeblich durch Versandapotheken gefährdet sein soll. Belege für diese These bleiben die Apotheker allerdings schuldig.



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