Die katastrophale Lage der deutschen Paketdienstleister

Das Dilemma der letzten Meile

Doch diese Pilotprojekte sind die Aus­nahme: Grundsätzlich scheinen die ­Gemeinden eher nach Möglichkeiten zu suchen, den lästigen Lieferverkehr möglichst aus ihren Innenstädten rauszuhalten. Hier setzt wiederum der jüngste Vorstoß von Frank Appel an: Der Post-Chef sprach sich für die Bündelung der aufwendigen Zustellung auf der letzten Meile - ­also vom Verteilerzentrum bis zur Haustür - bei einem Unternehmen aus. "Es ­wäre ein erster guter Schritt, wenn eine Stadt per Ausschreibung einen Anbieter bestimmt, der tatsächlich eine ganze Stadt bedient", sagte Appel dem "Handelsblatt".
Die Reaktion der anderen Paketdienstleister auf diesen Vorstoß der DHL stieß erwartbarerweise auf wenig Gegenliebe. Dennoch ist sich die Branche weitgehend einig, dass die kostenlose Zustellung bis zur Haustür auf Dauer nicht haltbar ist. "Die Haustürlieferung mit ihren ganzen Unwägbarkeiten - der Fahrer kann nirgends parken, der Kunde ist nicht zuhause, Verkehrsströme behindert die Zustellung in kleinen Zeitfenstern etc. - wird auf Dauer nicht mehr funktionieren", meint beispielsweise Claus Fahlbusch, CEO des Versandschnittstellen-Anbieters Shipcloud, im Interview mit shopanbieter.de. "Der günstige Versand zu einer Sammelstelle, sei es an einer Tankstelle, im Supermarkt oder im Paket-Shop, von der der Kunde seine Pakete selbst abholt, könnte der kostengünstige Standard werden. Die Einzel­zustellung bis an die Haustür würde dafür zum teuren Extraservice." Dieses Prinzip ist beispielsweise in den skandinavischen Ländern oder auch im Stadtgebiet von ­Paris seit Jahren gelernter Standard. Deshalb setzen Hermes, DHL und DPD aber auch seit Kurzem Amazon selbst mit den Amazon-Locker-Systemen zunehmend auf eine "Entlastungsinfrastruktur" in Form von Paket-Shops und Paketstationen.

Jedem Logistiker sein eigenes Süppchen

Das Problem: Um den deutschen Verbraucher zum Umdenken zu bewegen und ihm zu vermitteln, dass Logistik erhebliche Kosten verursacht, die bezahlt werden müssen, wäre eine konzertierte Aktion der deutschen E-Commerce- und Logistikbranche nötig. Doch für Händler ist es schwer, Versandkosten zu rechtfertigen, solange der Marktführer Prime-Mitgliedern jedes Produkt kostenfrei zuschickt. "Die realen Kosten für den Haustürversand sind enorm hoch - und die Versandkosten müssen sich früher oder später daran anpassen. Das ist nicht gerade Raketenwissenschaft", schimpft Fahlbusch, der damit rechnet, dass die Logistikpreise in den kommenden Jahren massiv steigen werden. "Zu uns kommen regelmäßig Händler, die klar ­sagen: Ich muss meine Pakete für maximal 2,50 Euro pro Stück verschicken, sonst funktioniert mein Geschäftsmodell nicht. Gleichzeitig brauchen sie maximalen Service, um beim Kunden zu punkten. Das passt nicht zusammen. Hier muss ein Mentalitätswechsel stattfinden."
Den fordert auch Oliver Lucas von Ecom Consulting. "Es fehlt an übergreifenden, wirksamen Lösungen für das Logistikproblem, weil einerseits alle KEP-Dienstleister ihr eigenes Süppchen kochen, aber andererseits auch den großen E-Commerce-Playern die Tragweite ihres Anteils an der Situation oftmals nicht bewusst ist", so der Berater. "Was wir brauchen, sind Ideen für City-nahe, Dienstleister-übergreifende Ver­teil- und Sammelstellen." Doch genau die scheinen in weiter Ferne, solange jeder ­Paketdienstleister auf seiner eigenen Last-Mile-Lösung beharrt.



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