Logistik-Kollaps 27.11.2017, 09:41 Uhr

DPD: "Es wird nicht ausbleiben, dass die Preise steigen müssen"

Die DPD hat eine eigene Lösung für das Logistik-Problem des Weihnachtgeschäfts vorgeschlagen: Städte und Kommunen sollten spezielle Parkflächen für Paketlaster bereitstellen. CEO Boris Winkelmann erklärt, wie das aussehen soll.
Boris Winkelmann, CEO der DPD
(Quelle: DPD)
Die Paketdienstleister sind sich einig: Nie waren die Herausforderungen an die Weihnachtslogistik so hoch wie in diesem Jahr. Der wachsende Druck produziert einige außergewöhnliche Lösungen: Hermes führte Zustellobergrenzen für die Pakete von Online-Händlern ein, die DHL sucht nach tausenden Paketfahrern, Experten wie Claus Fahlbusch von shipcloud gehen davon aus, dass die Haustürzustellung in Zukunft ein teurer Zusatzservice sein wird.
Die DPD wiederum will Städte und Kommunen bei der Lösung des Logistik-Problems mit in die Pflicht nehmen, so Boris Winkelmann, CEO der Nummer 3 der deutschen Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP).
Herr Winkelmann, gibt es dieses Jahr den Paketkollaps, von dem alle reden, oder wird der Weihnachtsmann seine Aufgabe doch wieder pünktlich erledigen?
Boris Winkelmann: Das wird er schon schaffen! Alle Paketdienstleister bereiten sich ja entsprechend vor. Aber die Herausforderungen werden natürlich immer größer, und das schon seit Jahren - das kann man nicht wegdiskutieren. An gewissen Stellen können wir nicht mehr alleine dafür sorgen, dass das alles klappt. Da müssen auch die Städte und Kommunen mithelfen.
Sie haben diese Woche gefordert, dass die Gemeinden spezielle Parkflächen für Paketdienstleister bereitstellen, um die Zustellung vor allem in den Innenstädten zu beschleunigen und gleichzeitig den Innenstadtverkehr zu entlasten. Wie sieht denn bisher die Reaktion auf Ihren Vorstoß aus?
Winkelmann: Bisher leider sehr verhalten. Das Problem ist, dass wir in der Politik keinen zentralen Ansprechpartner haben, sondern mit jeder Stadt und Kommune einzeln verhandeln müssen. Wir führen den Dialog mit dem deutschen Städtebund und stoßen da auch durchaus auf Interesse, aber bei der Umsetzung hängt es noch - obwohl es einzelne Beispiele gibt, die zeigen, dass die Idee funktioniert.
Zum Beispiel?
Winkelmann: Zum Beispiel Nürnberg. Dort haben wir mit Unterstützung der Stadt ein Mikrodepot in der Innenstadt etabliert. Von dort aus schicken wir Lastenräder für die Haustürzustellung raus. Wir stellen jetzt schon fest, dass diese Art der Zustellung sehr viel effizienter ist als die übliche mit dem Sprinter; schließlich können die Lastenfahrräder direkt vor die Haustür fahren und müssen keinen Parkplatz suchen. Und sie belasten den innerstädtischen Verkehr nicht. Das zeigt: Es geht. Ein Negativ-Beispiel ist dagegen Konstanz: Dort dürfen Lieferdienste nach 9 Uhr nicht mehr in die Innenstadt einfahren. Darunter leidet der Einzelhandel genauso wie die Paketdienstleister und auch die Bürger, die länger auf ihre Pakete warten müssen.
Kommen Ihre Gespräche mit dem Städtebund nicht ein paar Jahre zu spät? Die Wachstumsraten im E-Commerce sind seit Jahren stabil bei zehn bis 12 Prozent Zuwachs. Werden Sie jetzt von einer Welle überrollt, die man schon längst hätte kommen sehen müssen?
Winkelmann: Ich kenne den Vorwurf. Und ich finde es unfair, dass uns Stimmen aus der E-Commerce-Branche jetzt mangelndes Engagement oder fehlende Weitsicht unterstellen. Alle deutschen Paketdienstleister haben ihre Kapazitäten in den letzten Jahren enorm ausgebaut. DPD investiert 80 bis 100 Millionen Euro pro Jahr, DHL und Hermes gehen ähnlich vor. Es gab aber Faktoren, die so nicht vorauszusehen waren und auf die wir auch keinen Einfluss haben.
Nämlich?
Winkelmann: Da ist einmal die Verschärfung der Verkehrssituation - wir haben einen extrem hohen Baustellenstand. Daraus ergeben sich viele Dauerstaus, beispielsweise aktuell auf den Rheinbrücken. Das zweite Problem ist der deutlich verschärfte Arbeitsmarkt, es wird immer schwieriger, Zusteller zu finden. Unsere Investitionen ändern nichts daran, dass wir hier an Grenzen stoßen.
Naja, auf die Attraktivität des Berufs Paketfahrer haben Sie als Arbeitgeber schon Einfluss…
Winkelmann: Der Beruf ist ein physisch sehr anstrengender Beruf, daran lässt sich, bei allen Diskussionen über Zustellroboter und andere Innovationen, auch erstmal nichts ändern. Wir versuchen unsere Zusteller aber mit Hilfe der Digitalisierung auf andere Weise zu entlasten. Wir bieten genauere Zustellfenster oder vereinfachen die Erteilung einer Abstellgenehmigung, um die Zustellquote beim ersten Versuch noch weiter zu erhöhen. Die liegt bei der DPD aktuell bei schon zwischen 97 und 98 Prozent, aber auch zwei bis drei Prozent, die erneut zugestellt werden, verursachen bei einer täglichen Paketmenge von acht bis zehn Millionen Paketen, die bundesweit bei allen Paketdiensten unterwegs sind, eine Menge Zusatzarbeit für die Fahrer. Zusätzlich sorgen wir mit Tourenoptimierungssoftware und Navigationssoftware dafür, dass unsere Fahrer schneller ans Ziel kommen.
Die einfachste Möglichkeit, um den Beruf des Paketfahrers attraktiver zu machen und so die tausenden offenen Stellen zu füllen, wäre wohl eine bessere Bezahlung…
Winkelmann: Wir haben seit drei Jahren den Mindestlohn, der auch kürzlich vom Gesetzgeber erhöht wurde. Und die meisten Zusteller bekommen mehr als den Mindestlohn. Ob man den noch weiter erhöhen muss, ist eine gesellschaftliche Debatte, das können wir nicht beantworten.
Wenn Sie die Fahrer weiterhin nicht finden und sich das Infrastrukturproblem nicht lösen lässt - wie kriegen Sie dann Ihre Pakete zum Kunden?
Winkelmann: Wir setzen auf Entlastungsinfrastruktur in Form von Paketshops. Innerhalb von zwei Jahren haben wir die Zahl unserer Paketshops von 4.000 auf 6.000 Paketshops erhöht. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren rasant verschärfen. In fünf, sechs Jahren ist die Haustürzustellung vielleicht nicht mehr selbstverständlich erste Wahl, und die Standardzustellung geht zum Paketshop. Das ist in Skandinavien oder auch in Paris längst gelernter Standard.
Und bevor es soweit ist: Steigen die Paketpreise?
Winkelmann: In einer Situation, in der die Kapazitäten ausgeschöpft ist, wird es nicht ausbleiben, dass die Preise steigen müssen. Und werden.
Postchef Appel hatte kürzlich eine andere Idee: Man müsse darüber nachdenken, ob es nicht effizienter sei, die Zustellung auf der letzten Meile einem einzigen Dienstleister zu übertragen.
Winkelmann: Die Idee ist natürlich dem Selbstbewusstsein geschuldet, dass DHL die letzte Meile übernehmen wird - und das ist doch recht eigensinnig. Aber ganz unabhängig davon: Löst das das Problem? Die Laster auf den Straßen wären dann zwar alle gelb, wären aber immer noch genauso voll wie vorher und könnten immer noch nirgends parken. Der Vorstoß ist zu kurz gesprungen.
Kommen wir noch einmal auf das diesjährige Weihnachtsgeschäft zurück. Manche Marktbeobachter erwarten, dass auch im schlimmsten Paketkollaps die Pakete von Amazon wohl noch pünktlich ankommen würden, weil der Marktplatz spezielle Vereinbarungen mit seinen Logistik-Partnern pflegt…
Winkelmann: Sagen wir so: Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der größte E-Commerce-Player, mit der Marktmacht, die er nun einmal hat und angesichts der Paketmenge, die er in Umlauf bringt, in den Verhandlungen gewichtiger auftreten kann. Amazon stellt sehr hohe Ansprüche an seine Partner. Die Pakete stehen in einem besonderen Fokus. Allerdings ist daran nichts Ungewöhnliches: Bei den Top 10 Kunden ist es nicht ungewöhnlich, dass wir mit großen Kunden ein bestimmtes Servicelevel verbindlich vereinbaren - egal ob sie Metro, Adidas, Würth oder Amazon heißen.



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