Investor Westerheide: "Echter Handel bietet Lösungen, keine Waren"

"Es gibt keine Privatsphäre mehr, was Daten angeht"

Kunden werden misstrauisch bei der Datensammelei.
Westerheide: Das ist zutiefst menschlich. Aber mir hat früher das Wissen meiner Buchhändlerin über mich und mein Kaufverhalten genützt, weil sie mir gute Leseempfehlungen gab. Wenn ich heute zu Amazon gehe, basieren die Empfehlungen ebenfalls auf Wissen. Für mich ist Datenschutz obsolet. Es gibt keine Privatsphäre mehr, was Daten angeht, Ausnahme sind vielleicht noch Bank- und Gesundheitsdaten. Aber wenn Kunden nicht beraten werden und keine Daten abgeben möchten, dann sollte es künftig Opt-out- und Widerspruchs-Verfahren geben. Damit bestünde Wahlfreiheit und Transparenz.
Sortimentsauswahl und Zielgruppenwissen gelten als Kernkompetenzen eines Händlers. Gibt er sie langfristig nicht an die KI ab?
Westerheide: Eine Freundin von mir verkauft Kaffeekapseln, beschreibt sich aber nicht als Händlerin, sondern als Marketingspezialistin. Denn sie hat Produktion, Lager, Payment, Retouren und Fulfillment ausgelagert und ist damit beschäftigt, Umsatz reinzuholen. Das kann der Mensch doch am besten – Empfehlungen und Marketing steuern. Händler werden auch in Zukunft Kunden anziehen und Kunden binden. Ja, Algorithmen helfen bei der Sortimentsauswahl, bis sie es selbst können, das trifft auf 70 bis 80 Prozent der Güter zu. Aber in vielen Märkten kommt beim Einkauf noch eine menschliche Komponente, Trends, Gerüchte oder Trick, dazu, die eine KI nur bedingt lernt. Handel ist Verkauf, was macht Airbnb denn Anderes: Ohne eigene Immobilien gehört das Unternehmen heute zu den größten Vermietern von Zimmern und Wohnungen. Der echte Handel bietet Lösungen an und nicht mehr Waren.
Virtual Reality angeschaut mit Datenbrillen
Künstliche Intelligenz wird auch ein Thema der Internet World Messe in München am 7. und 8. März 2017 sein. Die Messe zeigt in München alle relevanten Entwicklungen und Themen, die den Online-Handel gegenwärtig beeinflussen, in Vorträgen beschreiben Fabian Westerheide und andere international bekannte E-Commerce-Experten Trends und bewährte Lösungen.
(Quelle: Marion Vogel)
Wenn langfristig Algorithmen die Sortimentsauswahl steuern. Welche Kompetenzen braucht der Händler der Zukunft?
Westerheide: Aus der Sicht von Kunden gibt es zwei Arten von Händlern: Der eine liefert Standardprodukte schnell zum besten Preis, beim anderen geht es um Warenkunde, Geschichte, Auswahl, Lebensstil. Das ist derjenige, der Warenvielfalt gekonnt verengt auf die richtige, also zum Kundenkreis passende Auswahl von Spezialitäten. Ich gehe zum Discounter und zum Feinkosthändler, so lösen die meisten Kunden ihre Alltagwünsche. Und aus diesem Verhalten leiten sich die Kompetenzen des Händlers ab: Schnelles Verkaufen oder richtiges Einkaufen mit Stilbewusstsein.
Als Investor schauen Sie in die Zukunft: Welche KI-Ansätze werden interessant?
Westerheide: Ich konzentriere mich auf den B2B-Bereich und habe mich beispielsweise an Parlamind beteiligt. Das Start-up entwickelt eine Software, die Kundenanfragen per Mail in Echtzeit versteht und adäquat beantwortet. Das funktioniert für kleinere Probleme wie Retouren oder Lieferfristen bereits sehr gut. Darüber hinaus suche ich Unternehmen, die bei der Optimierung von Prozessen helfen. Drei Jahre habe ich außerdem nach einer Firma gesucht, die Drohnen automatisiert steuern kann, so eine Lösung brauchen wir heute noch nicht, aber in wenigen Jahren ist es denkbar, dass Drohnen die letzte Meile zum Kunden überwinden, Gebäude oder Umwelt überwachen oder wie Roboter eingesetzt werden. Dann ist KI gefragt.
Wie haben Sie als Investor KI als Thema entdeckt?
Westerheide: Privat lese ich sehr gerne Science Fiction und darin ist KI seit den 1980er Jahren ein Thema. In den 1990er Jahren habe ich selbst programmiert und Websites gebaut, danach bin ich als Gründer und als Investor für einige Jahre in die Software-Industrie eingestiegen, habe mich mit Software as a Service beschäftigt und dabei gelernt, dass die logische Folge aus Software KI ist. Als Investor beschäftige ich mich nicht mit der Gegenwart, sondern mit dem, was in zehn Jahren kommt. Auch das verweist auf KI und passt zu meiner Leidenschaft.



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