Wirtschaftsförderung im E-Commerce 03.06.2016, 08:05 Uhr

So bauen Online-Händler ihr Geschäft mit staatlichen Förderprogrammen aus

Über 3.000 staatliche Förderprogramme gibt es, die Online-Händler nutzen könnten - doch nur die wenigsten wagen sich in die Untiefen des deutschen Förderdschungels. Wer sich  durchkämpft, findet sinnvolle Alternativen zum Investorengeld.
Nur wenige Online-Händler trauen sich bisher in den Förderdschungel
(Quelle: Fotolia.com/mooshny )
Accellerators, Business Angels, Private Equity, Family Offices - wenn ­Online-Händler in den letzten Jahren mit neuen Finanzierungen in den Schlagzeilen auftauchten, dann floss das frische ­Kapital fast immer aus privater Hand in die Kassen der aufstrebenden Unternehmer. Öffentliche Förderungen für den Ausbau des Lagers, für die Erschließung neuer Märkte, für neue Mitarbeiter oder eine TV-Kampagne? Fehlanzeige. Hört man sich in der Branche um, trifft man nur sehr selten und wenn, dann nur über drei Ecken, auf einen ­Online-Händler, der sein Geschäft mit Geld vom Staat auf- oder ausgebaut hat. Zu kompliziert, zu bürokratisch und im Allgemeinen sowieso nicht für den chronisch an einem Mangel an Lobbyisten leidenden Handel zugänglich seien staatliche Förderprogramme, so die vorherrschende Meinung.
Allein: Dieses Bild ist schief, wie eine kurze Recherche beim Bundeswirtschaftsministerium zeigt. Eine Fülle von Fördertöpfen steht bereit, um auch Retailer beim Ausbau ihres Geschäfts zu unterstützen. Der Staat bietet beispielsweise eine günstige Eigenkapitalerhöhung im Rahmen des ERP-Programms des Bundes, Kredite mit tilgungsfreien Jahren der KfW-Bank, Innovationsprogramme oder Bankbürgschaften an. Es gibt spezielle Förderprogramme für Start-up-Gründer, für Ausbildungsplätze, Unternehmensübernahmen, die Betriebserweiterung, den Erwerb von Maschinen oder Betriebsgerätschaften, für Forschung und Entwicklung, Export, internationale Projekte, ausländische Kapitalanlagen oder Betriebsoptimierung. Außerdem gewährt der Staat auf manche Projekte unter gewissen Umständen Zuschüsse in Höhe von bis zu 30 Prozent des Investitionsvorhabens - diese Staatsgeschenke müssen zudem nicht zurückgezahlt werden.
Neben den Förderprogrammen des Bundes gibt es auch noch die der Länder: Jedes Bundesland hat seine eigene Förderbank, die zur regionalen Wirtschaftsförderung wiederum eigene Förderprogramme auflegt. Und dann gibt es ja auch noch Brüssel: Die Europäische Union hat ein ganz eigenes Universum an Förderleistungen, die unter bestimmten Umständen auch deutschen Online-Händler zugutekommen können.

Rund 3.000 staatliche Förderprogramme

Kurz: Die Fördermöglichkeiten der öffentlichen Hand sind in etwa so vielfältig wie sie innerhalb der E-Commerce-Branche unbekannt sind. "Es gibt rund 3.000 staatliche Förderprogramme, die für Online-Händler infrage kommen. Diese werden entweder über Investitionsbanken angeboten oder über Kreditanstalten", fasst Jana Franke, Referentin Finanzen, Steuern & Controlling beim Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH), das in seiner Fülle einen beinahe erschlagende Angebot zusammen. "Aber auch Institutionen wie die IHK oder HWK stellen Fördermittel zur Verfügung."
Der erste Schritt der meisten Unternehmer, die nach frischem Investitionskapital suchen, führt im Regelfall in die eigene Hausbank. Das ist in Bezug auf das Thema öffentliche Förderung auch richtig so, denn ein Antrag auf Förderung eines Investitionsprojekts muss immer vor der Umsetzung gestellt werden. Ist das neue Lager bereits im Bau oder der neue Mitarbeiter schon in Ausbildung, ist es zu spät - nachträglich gibt es kein Geld vom Staat. Allerdings sind investitionswillige Händler bei ihrer Bank nicht immer an der richtigen Adresse: "Zur Kernkompetenz der Banken vor Ort ­gehört nicht unbedingt die Beratung in Sachen Fördermittel", so die freundliche Formulierung von Franke. Anders ausgedrückt: Man kann mit dem Bankberater, der das Kreditgespräch führt, Glück oder Pech haben. Das Gespräch in Sachen öffentliche Förderung kann sehr erfolgreich ausfallen - oder der fragliche Retailer geht, wenn er Pech hat, nur mit dem handelsüblichen Kredit seiner Bank nach Hause.

Einstellung der Bank ist wichtig

Das Ergebnis des Gesprächs hängt auch von der grundsätzlichen Einstellung der fraglichen Bank zur immer noch jungen Branche E-Commerce ab. Und da gehen die Erfahrungen oft weit auseinander: ­E-Commerce-Berater und Händler berichten einhellig von einer eher feindseligen Haltung vonseiten der Banken. Die könnten mit den speziellen Kennzahlen der Branche nichts anfangen, fühlten sich überwiegend dem klassischen Handel verbunden und empfänden einen Investition in den E-Commerce als unsichere Wette mit hohem Risiko.
Die Verbände wiederum singen ein anderes Lied: "Die Banken stehen unserer Branche grundsätzlich sehr offen gegenüber, Anfragen von Online-Händlern werden oft sehr positiv entgegengenommen. Die Banken wissen durchaus, dass sie beim E-Commerce nicht auf die gleichen Kennzahlen zurückgreifen können wie im stationären Handel, sondern eher auf Kennzahlen wie Retourenquote, Conversion Rate etc. schauen müssen", meint BEVH-Frau Franke. Doch auch sie schränkt ein: "Allerdings haben wir die Rückmeldung bekommen, dass es sinnvoll ist, wenn sich der Händler ausführlicher mit seinem Businessplan ­beschäftigt, und dabei die Vorteile des Investitionsvorhabens genau herausarbeitet. Grundsätzlich gilt: Wenn man Fördermittel beziehen möchte, muss man einen guten Antrag im richtigen Format mit den richtigen Schlüsselwörtern stellen."



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