eBay-Studie: "Zukunft des Handels" 02.06.2012, 06:44 Uhr

Von Same-Day-Delivery bis Gedankenübertragung

Werden Mobiltelefone auf absehbare Zeit durch 3D-Brillen, Smart-Uhren oder gedankenübertragene Systeme ersetzt? Werden reale Geschäfte in Zukunft weiter bestehen? Werden Lieferungen am selben Tag zum Standard? Und wie unterstützen digitale Assistenten den Verbraucher beim Einkauf? Fünf E-Commerce-Experten gaben im Rahmen der eBay-Studie "Zukunft des Handels" ihre Einschätzung zum Besten.
eBay-Studie: "Zukunft des Handels"
Das Einkaufen wird sich in den nächsten Jahren grundlegend verändern. Das ergeben die Thesen, die anerkannte Handelsexperten für das von eBay gestartete Projekt „Die Zukunft des Handels“ aufgestellt haben. Mit der Studie möchte eBay in Zusammenarbeit mit Experten und der Öffentlichkeit Einblicke in die zukünftige Entwicklung des Handels und die langfristigen Trends beim Ein- und Verkaufen geben. Fünf Experten nehmen an dem Projekt teil:
  • Prof. Dr. Alexander Brem, Professor für Ideen- und Innovationsmanagement an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Thomas Bendig, Geschäftsführer des Fraunhofer Instituts für Informations- und Kommunikationstechnologie
  • Prof. Dr. Gerrit Heinemann, Professor für BWL, Management und Handel und Leiter des eWeb-Research-Center Hochschule Niederrhein
  • Dr. Andrej Busch, Geschäftsführer von DHL Paket
  • Robert A. Wieland, Geschäftsführer der TNS Infratest GmbH
Im Rahmen einer DELPHI-Befragung erarbeiten die Experten für das Projekt zahlreiche Thesen zu fünf  vordefinierten Dimensionen des Handels: Bezahlung, Information, Technologie, Logistik und Location. Parallel befragt eBay die Bevölkerung in einer repräsentativen Studie zu ihrem aktuellen Einkaufsverhalten und ihren Einschätzungen zu künftigen Veränderungen.
Die erste Runde der DELPHI-Befragung ist bereits abgeschlossen: Alle Experten haben Thesen zu allen fünf Dimensionen des Handels der Zukunft abgegeben. Im nächsten Schritt werden diese Thesen gebündelt und zur Diskussion ins Plenum gegeben. Bereits in der ersten Runde ergaben sich  interessante Einblicke in das Einkaufen von morgen.
Gibt es in der Zukunft noch Bargeld?
Bezüglich einiger Dimensionen herrschte zwischen den Experten große Einigkeit, gerade im Bereich Bezahlung gingen die Meinungen jedoch weit auseinander. So kamen zwar alle Experten darin überein, dass sich die Bezahlung über mobile Endgeräte in Zukunft weiter verbreiten und etablieren wird. Darüber, ob virtuelles Bezahlen Bargeld, EC- und Kreditkarten völlig ersetzen oder nur ergänzen wird, gab es allerdings Differenzen.
Es scheint sehr wahrscheinlich, dass zumindest die großen uns bekannten Währungen noch lange weiter bestehen werden. Auch zukünftige digitale Währungen würden sich direkt auf eine große Währung beziehen oder an sie gekoppelt sein. Eigenständige und weltweit akzeptierte Internetwährungen wird es auch in Zukunft nicht geben, darin sind sich die Experten einig.
Veränderungen bezüglich der Bezahlung gehen laut einiger Experten auch mit einer neuen Rollenverteilung einher: So könnten Mobilfunkanbieter zunehmend die bisherige Rolle der Banken übernehmen.
Smart Devices als Comic-Figuren
Auch beim Thema Technologie gehen die Expertenmeinungen auseinander: Besonders die Frage, ob Mobiltelefone auf absehbare Zeit durch 3D-Brillen, Smart-Uhren oder gedankenübertragene Systeme ersetzt werden, ist sehr umstritten. Einer Expertenmeinung zufolge werden Smart Devices in der Zukunft die Form von virtuellen Charakteren annehmen - von Comic-Figuren bis zu äußerst realistischen Figuren, die auch emotionale Charaktereigenschaften haben. Gesteuert werden Smart Devices über Sprache, Mimik und Gestik, darin sind sich die Experten einig. Außerdem wird es wahrscheinlich über externe Sensoren am Gerät möglich sein, die biometrischen Daten des Nutzers auszulesen.
Klar scheint, dass Smart Devices in Zukunft noch viel mehr können werden als heute. Dadurch werden sie zunehmend zu persönlichen Assistenten, die Termine verwalten, das Einkaufsverhalten steuern, beim Payment unterstützen und relevante Inhalte filtern. Das wird laut der Experten auch Auswirkungen auf den Einkauf haben: Individuell abgestimmte Präferenzsysteme werden auch in der Lage sein, mögliche Produkte und Angebote zu erkennen und auf diese zu reagieren. Die entsprechenden persönlichen Daten, die das Gerät speichert, werden wiederum für jeden Anbieter interessant sein.
Einige Experten nehmen an, dass die Leistungen der Devices externalisiert sein und sich damit nicht länger auf den Geräten selbst befinden, sondern über eine Cloud bezogen werden.
Erlebniseinkauf im Showroom
Im Bereich Location sagen die Experten große Änderungen voraus. Dabei wird der Online-Handel immer wichtiger werden und in manchen Bereichen den stationären Verkauf völlig verdrängen. So wird sich der Einkauf laut den Experten in Erlebnis- und Pflichteinkauf teilen. Die gute Nachricht: Verbraucher werden wahrscheinlich keine Lebensmitteltüten mehr tragen müssen. Lebensmittel und Verbrauchsprodukte werden auf Basis des individuellen Bedarfs automatisch bzw. per Abonnement geliefert werden. Auch für Bücher, Filme und Musik sagen viele Experten das Verschwinden stationärer Läden voraus.
Anders sieht das laut Meinung der Experten für den Erlebniseinkauf aus: Hier werden reale Geschäfte weiter bestehen, sich aber mehr und mehr zu Showrooms entwickeln, in denen die Ware nur noch zum Testen und Anprobieren vorrätig sein wird. So wird es möglich sein, im Laden entweder online oder über das Scannen eines QR-Codes zu kaufen und sich das Produkt an einen Ort der Wahl liefern zu lassen.
Auch die Rolle des Verkäufers wird sich nach Aussage der Experten ändern: Wenn der Einkauf als erfahrbares Erlebnis eine immer wichtigere eigenständige Dienstleistung wird, müssen Anbieter und Marken mit immer kreativeren Konzepten auf die individuellen Wünsche der Kunden eingehen.
Lieferung um 18.15 Uhr am Fitnessstudio
Durch den Showroom-Charakter der stationären Läden wird sich auch die Logistik ändern: Auch im Geschäft gekaufte Waren werden nach Meinung der Experten zunehmend durch naheliegende Lagerkapazitäten geliefert werden. Insgesamt wird der Anteil der gelieferten Waren am Gesamtkonsum wesentlich höher sein als heute – vor allem in Bezug auf Verbrauchsgüter.
Dadurch wird die Belieferung zunehmend schneller und flexibler werden: Lieferungen am selben Tag werden keine Ausnahme sein, Kunden werden sich Lieferzeitpunkt und -ort aussuchen können. Möglich ist laut der Experten auch, dass Paketkunden analog zum Online-Banking eine registrierte Identität bei dem Paketdienstleister ihres Vertrauens führen und damit alle eingehenden und abgehenden Paketbewegungen buchen und organisieren können. Diese laufen dann zunehmend automatisiert. Die manuelle Verpackung und die persönliche Übergabe werden künftig eher die Ausnahme darstellen. So können die Sendungen beispielsweise über automatisierte Empfangskanäle wie Packstationen, oder kleinere Paketkästen an Einfamilienhäusern abgebildet werden.
Die Experten sagen voraus, dass Umweltverträglichkeit für Kunden und Zulieferer wichtiger wird. Konsumenten werden auf gebündelte Zustellungen sowie zertifizierte Nachweise Wert legen. Mit der Entsorgung der Transportverpackungen werden sie wahrscheinlich nicht mehr in Berührung kommen: Logistiker der Zukunft werden die Rückführung und Wiederverwendung etabliert haben.
Digitale Begleiter werden unverzichtbar
Informationen werden künftig immer und überall verfügbar sein, darin sind sich die Experten einig. Der Umgang mit Wissen wird deshalb für jeden Einzelnen wichtiger werden. Darüber, welche Konsequenz das für Verbraucher hat, sind die Experten sich uneinig. Möglich ist, dass sie in der Informationsflut nur schwer den Überblick behalten können. Die Kompetenz, relevante Informationen zu selektieren, würde damit zur Kernkompetenz – und zur Dienstleistung. In diesem Zusammenhang könnten etwa „Informationsbroker“ an Bedeutung gewinnen. Wissen an sich würde teuer werden und damit in aufbereiteter Form nur noch einer gut verdienenden Schicht zur Verfügung stehen.
Möglich ist aber auch, dass uns digitale Geräte die Informationsverarbeitung vollständig abnehmen werden. Sie könnten relevante Informationen vollautomatisch im Hinblick auf unsere Interessen und unser Lebensumfeld filtern, verarbeiten, und uns entsprechend ihrer Wichtigkeit sofort, in den nächsten geeigneten Situationen oder erst auf Nachfrage präsentieren. Daraus ergäben sich Nutzerprofile, die eigene Werte, Lebensstile, Präferenzen und Konsumgewohnheiten umfassen und die kontinuierlich weiter ergänzt werden könnten. Einige Experten sagen voraus, dass diese digitalen Geräte auch sozial interagieren können werden: Unsere „Assistenten“ könnten die „Assistenten“ unserer Familienmitglieder und Freunde kennen und ihnen (teilweise) vertrauen.
So sind die Experten der Ansicht, dass sich Kunden vor dem Kauf auf verschiedenen Wegen über ihre digitalen Geräte umfassend informieren könnten. So wären etwa persönliche „Assistenten“ in der Lage, sich mit denen von Familienmitgliedern oder Freunden auszutauschen und (Kauf-) Empfehlungen einzuholen oder auszusprechen. Zudem könnten Kunden ihre Profile direkt ausgewählten Dienstleistern zur Verfügung stellen, die die Informationsströme individuell vorselektieren und filtern. Unmittelbares Feedback der Konsumenten zu diesen Informationen würde Herstellern ermöglichen, gezielter und proaktiver auf die Bedürfnisse der Kunden einzugehen.
Uneingeschränkte Informationsmöglichkeiten werden auch die Anforderungen der Kunden an Verkäufer verändern, meinen die Experten. Verkaufspersonal wäre nur noch für höherwertige und beratungsintensive Produkte nötig, sollte dann aber qualifizierter und geschulter sein als heute. Insgesamt müssten sich Hersteller in der Zukunft stärker den Bedürfnissen der Konsumenten anpassen.



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