Internet World Messe 07.03.2017, 14:36 Uhr

Insolvenzverwalter Flöther: "Unister hat mich einige schlaflose Nächte gekostet"

Es war die E-Commerce-Tragödie des Jahres: Im Juli 2016 meldete Unister Insolvenz an, nachdem CEO Thomas Wagner bei einem Flugzeugabsturz starb. Insolvenzverwalter Lucas Flöther gibt auf der Internet World Messe Einblick in seine Arbeit.
Prof. Dr. Lucas F. Flöther, Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter bei der Kanzlei Flöther & Wissing in Halle/Saale
(Quelle: Flöther & Wissing )
Vom "Internet-Star" zur "E-Commerce-Tragödie": Unister war und ist allen Branchenexperten ein Begriff - ihn hingegen kennt man noch nicht so lange: Prof. Dr. Lucas F. Flöther, Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter bei der Kanzlei Flöther & Wissing in Halle/Saale. Zu Medienpräsenz kam er durch den tragischen Unister-Fall, auf der Internet World Messe gab er im Interview mit Marcus Diekmann, Director Digital, E-Commerce und Omnichannel bei der Beter Bed Holding und ehemaliger Sanierungsverwalter, Einblicke in seine Arbeit.

Gigantische Marketingkosten

Hauptberuflich Anwalt, war selbst Flöther überrascht, wie schnell ein Konzern dieser Größe führungslos und pleite werden konnte. Dem Experten zufolge gab es viele Gründe für die Insolvenz. Ein Problem war das schnelle Wachstum, für das viel Cash nötig gewesen wäre  - de facto aber nicht vorhanden war. Zudem taten gigantische Marketingkosten mit einem zweistelligen Millionenbetrag ihr Übriges.
Das Insolvenzgeld, mit dem drei Monate lang die Arbeitsagentur die Personalkosten weiter zahlt, war dann ein erster Schritt in Richtung schwarze Zahlen, die es heute wieder gibt. Auch das rigorose Streichen jeglicher Werbekosten auf beinahe null Euro konnte die Umsätze wieder stabiliseren. Überrascht war Flöther auch davon, wie wenig das Stigma "Insolvenz" auf die Marken abfärbte. Hier konnte Unister von seinen treuen Stammkunden und dem entgegengebrachten Vertrauen profitieren.
Dennoch habe Unister Flöther einige schlaflose Nächte bereit. Vor allem dessen volatile Assets waren problematisch. Unister verfügt über keine physischen Güter und Vermögenswerte, ein möglicher Werteverfall dieser sei Flöther im Vorfeld nicht klar gewesen.
"Ich habe in diesem Verfahren viel gelernt", resümiert Flöther. Er habe EInblicke in die Dynamik der E-Commerce-Branche bekommen und auch erkannt, wie klein die Branche eigentlich sei. "Man kann kaum etwas geheimhalten."
Seine Tipps für Start-ups aus dem Verfahren, das noch lange nicht abgeschlossen ist - Flöther erwartet einen Zeitraum von gut 10 Jahren und länger.
1. Prozesse müssen dem Wachstum standhalten: Unister sei zu schnell gewachsen - die darunterliegenden Prozesse und Strukturen wie Buchhaltung etc. seien nicht dafür vorbereitet gewesen.

2. Wachstum kostet Geld - das Unternehmen muss über liquide Mittel verfügen.

Die Unister-Tragödie

Die Unister-Geschichte liest sich inzwischen wie ein Krimi. Gesellschafter und Alleingeschäftsführer Thomas Wagner kam im Juli 2016 bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien zusammen mit Mitgründer Oliver Schilling ums Leben. Wagner und Schilling hatten sich auf dem Rückflug von Venedig nach Leipzig befunden, als das Flugzeug in ein Waldgebiet stürzte und ausbrannte. In Venedig soll Wagner bei der Abwicklung eines dubiosen Kreditgeschäfts um mehr als eine Millionen Euro betrogen worden sein. Im Koffer fanden die Ermittler Falschgeld.
Unmittelbar nach dem Absturz meldete die Holding sowie weitere Gesellschaften der Unternehmensgruppe Insolvenz an. Lucas Flöther wurde als vorläufiger Insolvenzverwalter eingestellt. Durch die Insolvenz waren fast 90 Prozent der insgesamt gut 1.000 Beschäftigten betroffen. 
Thomas Wagner starb im Juli 2016 bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien.
(Quelle: Unister)
Flöther führte die Unister Holding GmbH sowie in Abstimmung mit der Geschäftsführung die weiteren insolventen Gesellschaften in vollem Umfang fort und plant, die Unternehmen zu sanieren. Die Löhne und Gehälter der Mitarbeiter der insolventen Gesellschaften waren über das Insolvenzgeld gesichert.
Im September 2016 begann das Insolvenzverfahren sowie die erste Veräußerung einiger Unternehmensteile. Dennoch wurden rund 100 Stellen abgebaut.
Im Januar 2017 startete der Prozess gegen drei frühere Manager des Leipziger Internet-Unternehmens. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden wirft den 39, 51 und 59 Jahre alten Männern Steuerhinterziehung und Computerbetrug vor. Mehr als 87.000 Kunden der Unister-Flugportale wie fluege.de sollen Preisvorteile bei der Buchung vorenthalten worden sein. Dadurch sei ein Gesamtschaden von mehr als 7,6 Millionen Euro entstanden. Zudem sollen bei Unister jahrelang sogenannte Serviceentgelte nicht korrekt versteuert worden sein. Das Unternehmen hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen.
Unabhängig davon ist die Justiz mit weiteren Ermittlungen rund um Unister beschäftigt. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden versucht immer noch den mysteriösen Betrug aufzuklären, dem Wagner vor seinem Tod zum Opfer fiel.



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