Samuel Koch: "Gebt der jungen Generation mehr Verantwortung"

Viele Corporates sollten sich nicht an Start-ups beteiligen

Viele Unternehmen versuchen, diese Start-up-Kultur durch Beteiligungen oder Übernahmen aufzubauen. Das geht nicht selten schief, weil verschiedene Welten aufeinanderprallen. Wie bringt man so ein Projekt zu einem guten Ende?
Koch:
Aus Corporate-Sicht halte ich es für den besseren Ansatz, das Thema Start-ups und Innovation in eine Seitendivision zu geben. Denn wenn sie - bildlich gesprochen - einen Hund und eine Katze zusammen in einen Käfig stecken, gibt es vermutlich ein riesiges Chaos. Aber wenn sie Zeit haben, sich gegenseitig zu beschnuppern und kennenzulernen, können sie sich nach einer gewissen Zeit vertragen. Ich werde aber sowieso misstrauisch, wenn ein Corporate aus Verzweiflung Start-ups kauft. Dadurch werden fremde Nord­sterne quasi "eingekauft". Das bringt aber wiederum die eigene Mission nicht voran. Ich würde Corporates eher empfehlen, nach Expertise und Leuten im eigenen Unternehmen zu suchen, um vielleicht ein Spin-out zu machen.
Ihnen ist auch die Politik ein großes Anliegen. Nun ist bei Ihnen in Österreich jemand wie Sebastian Kurz ja noch verhältnismäßig jung. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen sprach noch vor nicht allzu langer Zeit von "digitalem Neuland". Wie muss Politik ­organisiert sein, um für die Zukunft die richtigen Weichen zu stellen?
Koch:
Das Erste, was mir einfällt, ist, dass die Politik die Träume und Utopien der jungen Generation nicht belächeln darf, sondern ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen muss. Wir sind leider in einer Gesellschaft aufgewachsen, wo professionelles Träumen grundsätzlich skeptisch angesehen wird. Aber ich verfolge die deutsche Politik stark und erkenne Bewegung. Konkret sollte sich Frau Merkel einen Thinktank von jungen Leuten zwischen 20 und 30 Jahren aufbauen und sich mit ihnen einmal im Quartal zusammensetzen und ohne parteipolitisches Buch über unsere Zukunft nachdenken und ­unsere Utopien verstehen lernen. Was ­bedeutet es zum Beispiel, wenn in den kommenden 20 Jahren 20 Prozent der Arbeitsplätze wegfallen? Und wie können wir aus Deutschland heraus Europas Anschluss an die USA und Asien sichern - und zwar auf Basis der Werte, die wir in Europa haben.
Sie bauen in Wien derzeit einen neuen Bildungscampus auf, weil Sie am vorhandenen Bildungssystem verzweifeln. Was ist Ihr größter Kritikpunkt?
Koch:
Ich denke, unser Benchmark für Leistung ist extrem tief. Hart formuliert ist unser Bildungssystem so ausgerichtet, dass maximal jeder durchkommt, keiner aus der Reihe tanzt und dann einfach das Hamsterrad bedient. Was nicht gefördert wird, ist unternehmerisches Denken. Das aber wird eine der größten Skills sein, die wir in Zukunft brauchen. Unternehmerisches Denken heißt übrigens nicht, dass jeder gründen muss. Bitte nicht! Aber ­unternehmerisch zu denken, heißt, lernen Fragen zu stellen, das System infrage zu stellen, in Teams zu arbeiten und unternehmerisch in der eigenen Abteilung zu agieren. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass ich unser Bildungssystem zu akademisch finde. In 20 Jahren wird das digitale Unternehmen der Zukunft nicht daran interessiert sein, welcher Titel auf dem Zeugnis steht, sondern ob man eine Führungspersönlichkeit ist und was man kann. Ich baue daher einen Bildungscampus für die nächsten Jahrhunderte, der das Ziel hat, 360 Grad gebildete Persönlichkeiten und die größten Talente an den Ausbildungsmarkt zu liefern.
Was wäre abschließend Ihr wichtigster ­Appell an die Unternehmen?
Koch:
Auf Englisch wäre das: "Happiness over Money". Wenn Freude im Unternehmen ist - vom Chef bis zum letzten Mit­arbeiter -, wird das die Performance zum Positiven verändern. Und darüber müssen wir einen Diskurs führen.



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