"Die langsame Entwicklung des Online-Handels mit Lebensmitteln wundert nicht"

"Das größere Problem liegt bei den internen Prozessen"

Wieso ist es Ihrer Ansicht nach so schwer, den Kauf von frischen Lebensmitteln im Netz zu etablieren? Welche Probleme gehen die etablierten Player falsch an?
Drubel: Es ist eine Vielzahl an Problemen. Zum einen spielt das Thema Vertrauen eine enorme Rolle. Man muss dem Verbraucher zeigen, dass die Ware in einer sehr guten Qualität geliefert wird, ohne dass die Kühlkette unterbrochen wurde. Das lässt sich durch Aufklärung beziehungsweise durch eine gute Qualität der gelieferten Produkte aufbauen. Das größere Problem liegt allerdings bei den internen Prozessen. Wir haben in den letzten Jahren oft gesehen, dass die Nachfrage vom Verbraucher durchaus da war, zum Teil sogar größer war als das Liefervermögen der Anbieter. Wenn ein Kunde bestellt, aber das nächstmögliche freie Lieferfenster erst in vier Tagen ist, wundert es nicht, dass sich der Lebensmittelhandel in Deutschland derzeit so langsam entwickelt. Damit man den Kunden eine zeitnahe Lieferung anbieten kann, muss man große Investitionen in die Logistik betreiben - und das sowohl in der Intralogistik als auch auf der letzten Meile. Aktuell sind da die Kosten sehr hoch und die Unternehmen scheuen sich vor solchen Investitionen. Weil sie sehen, dass es derzeit auch ohne Online-Handel wirtschaftlich gut funktioniert. Zudem besteht ja die Gefahr, sich durch den Online-Handel selbst zu kanibalisieren. Das was die Leute früher im Laden bei dem Händler gekauft haben, kaufen sie dann einfach online.
Was halten Sie von neuen Playern am Markt wie beispielweise Picnic?
Drubel: Bei dem Konzept von Picnic sind schon sehr viele intelligente Ansätze enthalten, wie man die Fulfillment-Kosten senken kann. Aber auch die Pick-Prozesse sowie die Abwicklung der Zustellung der Waren sind sehr fortschrittlich gedacht. Dass man den Kunden keine engen Lieferfenster anbietet, sondern diese lediglich einen Liefertag sowie ein zwei-Stunden-Zeitfenster wählen können, senkt natürlich die Zustellungskosten extrem.
Picnic liefert mit Elektrofahrzeugen. Glauben Sie, dass Zustellungen mit solchen Lieferfahrzeugen die Zukunft sind?
Thinius: Man sollte sich auf jeden Fall mit dem Thema beschäftigen. Ob sie das Nonplusutra der Zukunft sein werden, ist schwer zu sagen. Aber es ist einfach ein Thema, mit dem sich aktuell viele Konsumenten beschäftigen. Auch autonome Zustellung wird vielfach diskutiert. Es sind zwar Zukunftsthemen, die aber in zwei bis drei Jahren durchaus relevant werden können.
Drubel: Es wäre für einen Versanddienstleister wirklich fahrlässig, wenn er sich mit solchen Themen nicht auseinandersetzt. In anderen europäischen Städten gibt es ja teilweise bereits Fahrverbote. Und es wird stark darüber diskutiert, ob es zukunftsfähig ist, dass eine Straße oder gar ein Haus am Tag von drei bis vier verschiedenen Zustellern angefahren werden muss. Ich erwarte schon, dass in den nächsten Jahren hier regulierend eingegriffen wird.
Wie werden Handelsstrukturen der Zukunft aussehen?
Thinius: Die Digitalisierung sorgt dafür, dass große Unternehmen nicht mehr so notwendig werden. In Zeiten der Industrialisierung brauchten wir solche Unternehmen noch, um eine gewisse Effizienz erreichen zu können. Mit der Digitalisierung hat sich das geändert. Diese Entwicklung kann man bereits in den USA beobachten. Dort haben in den letzten Monaten die fünf größten Lebensmittelhändler rund 30 Prozent an Börsenwert verloren - und zwar gegenüber vielen kleinen Händlern. Es bilden sich neue Strukturen, die sich womöglich auch wieder digital zusammenschließen werden. Aber man wird nicht mehr nur dieses eine große Unternehmen im Zentrum haben.
Seitens des Einkaufens war es bisher so, dass On- und Offline immer getrennt betrachtet wurde. Wahrscheinlich wird es in Zukunft so sein, dass beide Welten immer mehr ineinander übergehen werden. Für Konsumenten wird es seitens der Produkte zunehmend mehr Transparenz geben. Sie werden immer stärker darüber informiert werden, wie Waren entstanden sind und wo sie herkommen.



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