Gründer von "lebensmittelwandel" 05.12.2018, 11:01 Uhr

"Die langsame Entwicklung des Online-Handels mit Lebensmitteln wundert nicht"

Ende September verkaufte die Deutsche Post Allyouneed Fresh an Delticom. Für Jens Drubel und Max Thinius ein guter Zeitpunkt ihr Unternehmen zu verlassen und mit "lebensmittelwandel" eine neue Firma zu starten, die vor allem ein Ziel hat: aufklären.
Die Gründer von lebensmittelwandel: Jens Drubel und Max Thinius (v.li.)
(Quelle: lebensmittelwandel)
Ende September wurde bekannt, dass die Deutsche Post den Lebensmittel-Online-Händler Allyouneed Fresh an Delticom verkauft. Im Zuge dessen entschlossen sich Jens Drubel, Gründer und Geschäftsführer von Allyouneed Fresh, sowie Unternehmenssprecher Max Thinius, das Unternehmen zu verlassen und etwas Gemeinsames an den Start zu bringen.
Das neue Projekt nennt sich "lebensmittelwandel" und soll Industrie, Wirtschaft, Handel und Verbraucher gleichermaßen darüber aufklären, wie der Lebensmittelhandel in Zukunft funktionieren wird. Wir haben mit den beiden Gründern von lebensmittelwandel über ihr neues Unternehmen gesprochen und einen Blick auf den Lebensmittelhandel der Zukunft geworfen.
Kam der Verkauf von Allyouneed Fresh überraschend?
Jens Drubel: Überraschend kam es nicht. Es hat sich sehr früh nach dem Weggang von Jürgen Gerdes (Anm. d. Red: Ex-Vorstand Deutsche Post) gezeigt, dass es bei der Deutschen Post viele Restrukturierungen geben wird und dass man sich wieder auf die Kernkompetenzen fokussieren möchte. Insofern hat sich der Verkauf schon damals angedeutet. Zudem war ich auch in die Prozesse schon sehr früh eingebunden.
Max Thinius: Für die Kollegen in Bonn und Berlin war es ebenfalls nicht wirklich überraschend. Es ist natürlich etwas dumm gelaufen, dass es überhaupt so gekommen ist. Man hätte es gemeinsam durchaus zu einem erfolgreichen Modell entwickeln können. Aber es wurde sich nun mal für den Verkauf an Delticom entschieden und das akzeptieren wir.
Drubel: Es war ja auch seitens der Deutschen Post nie ein Geheimnis, dass es Interesse gab, einen weiteren Investor mit ins Boot zu nehmen. Dementsprechend gab es schon über einen längeren Zeitraum hinweg Gespräche.
War Ihnen damals schon klar, dass Sie dann etwas Eigenes machen wollen?
Drubel: Wir haben früher schon - mehr oder weniger aus Spaß - gesagt, wenn es eine Zeit nach Allyouneed Fresh gibt, dann sollten wir was zusammen machen. Genau dieser Zeitpunkt war jetzt für uns durch den Verkauf gekommen.
Wie entstand die Idee für lebensmittelwandel.de?
Thinius: Wir haben in den vergangenen Jahren große Netzwerke in dem Bereich Lebensmittel aufgebaut, sowohl im politischen, wirtschaftlichen als auch im sozialen Umfeld. Zudem unterliegt der Lebensmittelmarkt einem enorm schnellen Wandel. Es ändert sich einfach so schnell so viel. Wir wollen das nun alles zusammenführen und mit den Playern besprechen. Für uns ist es wichtig, darüber aufzuklären, was die Branche in den nächsten Jahren bewegen wird. Es wird immer viel erzählt und gerne wollen wir künftig dafür sorgen, dass so manche Sachen ins rechte Licht gerückt werden.

"Wir werden es mit neuen Zielgruppen zu tun haben"

Wie sieht konkret das Konzept aus?
Thinius: Wir wollen Industrie, Wirtschaft, Handel und Verbraucher gleichermaßen aufklären. Und zwar darüber, wie der Lebensmittelhandel in Zukunft funktionieren wird. Das fängt damit an, dass Verbraucher eine neue Transparenz bei Lebensmitteln bekommen werden. Im Handelsbereich werden wir neue Handelskonzepte sowie neue Verkaufsstrukturen vorfinden. Und wir werden es mit völlig neuen Zielgruppen zu tun haben, die Produkte ganz anders hinterfragen werden. Genau diese Entwicklungen möchten wir gerne mit allen Beteiligten besprechen. Denn die wissen gar nicht mehr, wie sie beispielsweise ein neues Produkt auf den Markt bringen sollen. Ein Produkt, das eventuell in drei Jahren möglicherweise auf eine neue Technologie oder andere Zielgruppen treffen wird. Es gibt viele Player, die sich eine Menge Gedanken darüber machen, welche neuen Wege es geben könnte. Das ist einer der Ansätze, die wir mit lebensmittelwandel verfolgen.
Hinzu kommt, dass wir in diesem Rahmen auch Netzwerke zur Verfügung stellen möchten. Die ganzen Kontakte, die wir haben, wollen wir natürlich nutzen und auch weiter ausbauen. Das ist ein Punkt, der vielen Unternehmen gar nicht so bewusst ist. Wie wichtig der Austausch ist und wie eng man mittlerweile auch mit Zielgruppen zusammenarbeiten muss, um überhaupt Produkte in dem Markt reinzubekommen.
Sehen Sie dann die Industrie, den Handel sowie die Verbraucher als Ihre Zielgruppe an?
Thinius: Ja, es ist schon die Idee, dass wir uns an alle richten.
Drubel: Nur wenn wir mit allen drei zusammenarbeiten, haben wir auch das umfängliche Wissen. Wir wollen nicht mehr so argumentieren, wie es in der Vergangenheit beispielsweise bei der Preisgestaltung für Milch passiert ist. Damals wurde einfach behauptet, der deutsche Verbraucher ist nicht bereit mehr Geld für Milch zu bezahlen. Wir wollen mit fundierten Informationen belegen, dass ein großer Teil der Verbraucher da heute sicherlich anders denkt. Aber es gibt natürlich auf die Zielgruppe individuell abgestimmte Angebote.
Warum fiel die Entscheidung beratend tätig zu werden und keinen eigenen Webshop zu eröffnen?
Drubel:
Aufgrund der Einblicke, die wir in den letzten Jahren gehabt haben, war uns klar, dass wir einen eigenen Shop als Vollsortimenter überhaupt nicht betreiben können. Wir wären auf einen großen Partner angewiesen gewesen. Das Geschäft ist einfach sehr kapitalintensiv. Ein eigener Shop ist nur denkbar, wenn man in eine extreme Nische in dem Bereich geht. In der Breite - so wie wir das bei Allyouneed Fresh gemacht haben - kann man einen Webshop mit einem kleinen Team und begrenzten finanziellen Ressourcen überhaupt nicht stemmen.

"Das größere Problem liegt bei den internen Prozessen"

Wieso ist es Ihrer Ansicht nach so schwer, den Kauf von frischen Lebensmitteln im Netz zu etablieren? Welche Probleme gehen die etablierten Player falsch an?
Drubel: Es ist eine Vielzahl an Problemen. Zum einen spielt das Thema Vertrauen eine enorme Rolle. Man muss dem Verbraucher zeigen, dass die Ware in einer sehr guten Qualität geliefert wird, ohne dass die Kühlkette unterbrochen wurde. Das lässt sich durch Aufklärung beziehungsweise durch eine gute Qualität der gelieferten Produkte aufbauen. Das größere Problem liegt allerdings bei den internen Prozessen. Wir haben in den letzten Jahren oft gesehen, dass die Nachfrage vom Verbraucher durchaus da war, zum Teil sogar größer war als das Liefervermögen der Anbieter. Wenn ein Kunde bestellt, aber das nächstmögliche freie Lieferfenster erst in vier Tagen ist, wundert es nicht, dass sich der Lebensmittelhandel in Deutschland derzeit so langsam entwickelt. Damit man den Kunden eine zeitnahe Lieferung anbieten kann, muss man große Investitionen in die Logistik betreiben - und das sowohl in der Intralogistik als auch auf der letzten Meile. Aktuell sind da die Kosten sehr hoch und die Unternehmen scheuen sich vor solchen Investitionen. Weil sie sehen, dass es derzeit auch ohne Online-Handel wirtschaftlich gut funktioniert. Zudem besteht ja die Gefahr, sich durch den Online-Handel selbst zu kanibalisieren. Das was die Leute früher im Laden bei dem Händler gekauft haben, kaufen sie dann einfach online.
Was halten Sie von neuen Playern am Markt wie beispielweise Picnic?
Drubel: Bei dem Konzept von Picnic sind schon sehr viele intelligente Ansätze enthalten, wie man die Fulfillment-Kosten senken kann. Aber auch die Pick-Prozesse sowie die Abwicklung der Zustellung der Waren sind sehr fortschrittlich gedacht. Dass man den Kunden keine engen Lieferfenster anbietet, sondern diese lediglich einen Liefertag sowie ein zwei-Stunden-Zeitfenster wählen können, senkt natürlich die Zustellungskosten extrem.
Picnic liefert mit Elektrofahrzeugen. Glauben Sie, dass Zustellungen mit solchen Lieferfahrzeugen die Zukunft sind?
Thinius: Man sollte sich auf jeden Fall mit dem Thema beschäftigen. Ob sie das Nonplusutra der Zukunft sein werden, ist schwer zu sagen. Aber es ist einfach ein Thema, mit dem sich aktuell viele Konsumenten beschäftigen. Auch autonome Zustellung wird vielfach diskutiert. Es sind zwar Zukunftsthemen, die aber in zwei bis drei Jahren durchaus relevant werden können.
Drubel: Es wäre für einen Versanddienstleister wirklich fahrlässig, wenn er sich mit solchen Themen nicht auseinandersetzt. In anderen europäischen Städten gibt es ja teilweise bereits Fahrverbote. Und es wird stark darüber diskutiert, ob es zukunftsfähig ist, dass eine Straße oder gar ein Haus am Tag von drei bis vier verschiedenen Zustellern angefahren werden muss. Ich erwarte schon, dass in den nächsten Jahren hier regulierend eingegriffen wird.
Wie werden Handelsstrukturen der Zukunft aussehen?
Thinius: Die Digitalisierung sorgt dafür, dass große Unternehmen nicht mehr so notwendig werden. In Zeiten der Industrialisierung brauchten wir solche Unternehmen noch, um eine gewisse Effizienz erreichen zu können. Mit der Digitalisierung hat sich das geändert. Diese Entwicklung kann man bereits in den USA beobachten. Dort haben in den letzten Monaten die fünf größten Lebensmittelhändler rund 30 Prozent an Börsenwert verloren - und zwar gegenüber vielen kleinen Händlern. Es bilden sich neue Strukturen, die sich womöglich auch wieder digital zusammenschließen werden. Aber man wird nicht mehr nur dieses eine große Unternehmen im Zentrum haben.
Seitens des Einkaufens war es bisher so, dass On- und Offline immer getrennt betrachtet wurde. Wahrscheinlich wird es in Zukunft so sein, dass beide Welten immer mehr ineinander übergehen werden. Für Konsumenten wird es seitens der Produkte zunehmend mehr Transparenz geben. Sie werden immer stärker darüber informiert werden, wie Waren entstanden sind und wo sie herkommen.



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