Insurtechs mischen die Versicherungsbranche auf

Eine neue Generation von Versicherungen

Daneben drängt seit einiger Zeit eine neue Welle von Versicherungs-Start-ups auf den Markt. Sie begnügen sich nicht mehr mit der Rolle als digitaler Makler, sondern gehen deutlich weiter. Als Assekuradeur oder als vollwertiges digitales Versicherungsunternehmen bieten sie ihren Kunden eigene Versicherungen an. Als Branchenneulinge müssen sie keine Rücksicht auf gewachsene Prozesse und Strukturen nehmen und können deshalb das volle Potenzial der Digitalisierung nutzen. Einige von ihnen positionieren sich dabei dank schlanker Prozesse als Preisbrecher. Andere nutzen die digitalen Technologien, um kundenindividuelle Angebote zu machen, und setzen dabei auf Qualität.
Einer dieser Anbieter heißt Haftpflichthelden. Die Hamburger konzentrieren sich ausschließlich auf private Haftpflichtversicherungen, die sie als Assekura­deur der Versicherungsgruppe NV-Versicherungen anbieten. Mit transparentem Flatrate-Tarif, schnellem Vertragsabschluss und automatischen Leistungsverbesserungen versuchen sie, die Nutzer an sich zu binden. Den Versicherungsbeitrag kann der Kunde dabei neuerdings auch per Kreditkarte oder Paypal bezahlen.
Ein weiteres Beispiel ist Ottonova, eine komplett digitale Krankenversicherung. In mehreren Finanzierungsrunden konnte das Münchner Start-up etwa 40 Millionen Euro einsammeln. Genug Kapital, um damit ein vollwertiges, BaFin-lizenziertes Versicherungsunternehmen aufzubauen, das für die kommenden fünf Jahre durchfinanziert ist. Ottonova unterscheidet sich von traditionellen Krankenversicherungen zum einen durch die automatisierte Verarbeitung von Rechnungen und Kostenvoranschlägen via App. Zum anderen kann die Versicherung direkt per App abgeschlossen werden, sodass die sonst üblichen hohen Vermittlungsprovisionen entfallen.

Insurtechs aus den USA und China

Während sich diese neue Generation von Insurtechs hierzulande mit mittleren zweistelligen Millionen-Fundings begnügen muss, entstehen in den USA und vor allem China noch deutlich größere Insurtechs - so zum Beispiel der digitale US-Krankenversicherer Oscar, seit 2012 am Markt und Vorbild für Ottonova. Befeuert durch die Gesundheitsreform des früheren US-Präsidenten Barack Obama konnte das Start-up über 100.000 Kunden für sich gewinnen und fast 900 Millionen US-Dollar Kapital in mittlerweile sieben Finanzierungsrunden einwerben. Mit der daraus resultierenden Bewertung von 3,2 Milliarden US-Dollar zählt Oscar zum exklusiven Club der sogenannten "Unicorns".
Ebenfalls groß im Geschäft in den USA ist das Start-up Lemonade, das Ende 2017 eine Serie-C-Finanzierungsrunde über 120 Millionen US-Dollar abschließen konnte. Es bietet Hausrat- und Gebäudeversicherungen zu Kampfpreisen an. Ermöglicht werden diese durch die konsequente Digitalisierung aller Prozesse. Ausgefallen ist auch das Geschäftsmodell: 20 Prozent der Prämien werden für Gehälter, Werbung und Rückversicherung ausgegeben, der Rest ist für die Schadensabwicklung vorgesehen. Bleibt am Ende ein Überschuss übrig, wird dieser für soziale und wohltätige Zwecke gespendet. Damit steigt der moralische Druck auf Versicherungsbetrüger, denn er schadet mit seinem Verhalten nicht mehr nur der Versicherung, sondern auch Bedürftigen.
Die absolute Nummer eins der Insurtech-Branche ist allerdings der chinesische Online-Versicherer Zhong An. In dem Schwellenland, in dem viele Menschen lange Zeit gar keine Versicherung hatten, rannte das Start-up mit seinem günstigen Angebot offene Türen ein. Kern des Geschäftsmodells sind Mini-Versicherungen etwa zur Absicherung von Transportrisiken beim Versand oder bei Flugverspätungen. Nachdem Zhong An in Finanzierungsrunden bereits mehrere Hundert Millionen US-Dollar an Kapital einsammeln konnte, folgte Ende 2017 ein teilweiser Börsengang, der weitere 1,5 Milliarden US-Dollar in die Kassen spülte. Damit war das Insurtech zeitweise mit zwölf Milliarden US-Dollar bewertet - so hoch wie Lufthansa, RWE oder der deutsche Pharma-Riese Merck.



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