Lokale Marktplätze 08.04.2017, 14:00 Uhr

Local Commerce: Die ROPO-Maschine

Lokale Einkaufsplattformen wurden verfrüht als Rettung für den stationären Einzelhandel bejubelt. Doch richtig genutzt sorgen sie durchaus für mehr Traffic auf der Fläche.
(Quelle: Shutterstock.com/ Pavel L Photo and Video)
Von Matthias Hell
Alle Städte, alle Geschäfte und Produkte, die es dort gibt, in einer App: Mit diesem Versprechen wurden Local-Commerce-Start-ups wie Locafox oder Simply Local vor rund drei Jahren zu Rettern des Einzelhandels hochstilisiert. Mit der praktischen Umsetzung der Idee haperte es ­jedoch. Es mangelte an Vertriebs- und Marketingpower für die Start-ups, in vielen Einzelhandelsgeschäften fehlten die nötigen digitalen Prozesse und die Endkunden blieben mangels attraktiver Angebote fern. Mitte 2016 schluckte Locafox seinen Kontrahenten Simply Local. ­Ex-Gesellschafter Metro zog sich zurück.
Locafox-Geschäftsführer Karl Josef ­Seilern bleibt dennoch beim großen Anspruch seines Unternehmens. Die Fusion mit Simply Local habe bewirkt, dass es für wenig entscheidungsfreudige Händler nur noch einen großen überregionalen lokalen Marktplatz gebe. Marken mit regionaler und überregionaler Reichweite wie Christ oder Marc O’Polo dockten zuletzt an Locafox an. Aber auch für Händler ohne digitale Warenwirtschaft mit eigenem Kassensystem ist der Anschluss möglich. In acht großen Städten ist die lokale Einkaufsplattform inzwischen am Start und bleibt weiter auf Expansionskurs. Von einer allgemeinen Ernüchterung will ­Seilern nicht sprechen: "Eine gewisse 'Marktbereinigung' war wahrscheinlich - der Local-Commerce-Markt ist ein sehr kapitalintensiver Markt und ein sogenannter 'Winner-takes-it-all-Market'", sagt er.
Deutlich kritischer zeigt sich der Handelsexperte Andreas Haderlein, der mit seiner Online-City Wuppertal nicht nur einen Local-Commerce-Hype in deutschen Städten und Gemeinden ausgelöst hat, sondern auf Localcommerce.info auch eine Online-Plattform aufgebaut hat, auf der alle lokalen Einkaufsprojekte akribisch aufgelistet werden. "Locafox und Simply Local haben nie aus der Stadt und einer Händlergemeinschaft heraus gedacht, sondern wollten immer ein Quasi-E-Commerce-Modell als vermeintlich einfach zu handelndes Online-Werbetool über die lokalen Händler legen." Trotz ­immensen Investitionen in IT und Vertrieb sei Locafox immer noch nicht merklich über Berlin hinausgekommen. "18 bis 20 Städte dürften es derzeit sein, in denen Locafox amtlich mit lokalen Verlagen zusammenarbeitet. Schaut man sich diese Städte allerdings an, sind es meistens die filialisierten Händler, die die Produktpalette ausmachen", so Haderlein.

Lokale Marktplätze: Kunden suchen eher bei Google

Auch Karl Trautmann, Vorstand der ­Unterhaltungselektronik-Verbundgruppe Electronic Partner - eines frühen Partners von Locafox -, zieht ein kritisches Zwischenfazit: "Lokale Marktplätze sind aus unserer Sicht noch nicht voll durchgestartet und haben ihr volles Potenzial bislang nicht entwickelt." Ein Grund dafür sei, dass die Kunden für die Produktsuche eher die großen Produktsuchmaschinen wie Google oder Amazon nutzten. 
Ein Gegenkonzept zu Locafox sind lokale Marktplätze, die aus einer Initiative der örtlichen Einzelhändler heraus entstehen und sich um ein charakteristisches Angebot jenseits des Einheitsbreis nationaler Ketten bemühen. Vorreiter hierfür ist die Online City Wuppertal. Hervorgegangen ist das Projekt 2013 aus einer Bewerbung der Wirtschaftsförderung Wuppertal um Fördergelder des Bundes für den Aufbau einer lokalen Shopping-Plattform. Unterstützt durch den Experten Andreas Haderlein setzte man auf das Local-Commerce-Start-up Atalanda als Technologiepartner. Mehr als 800.000 Produkte von 54 Händlern listet der Marktplatz heute. Wuppertaler Kunden können die auf der Plattform genannten Produkte ihrer Händler ent­weder per Same Day Delivery nach Hause bestellen oder nach dem Click & Collect-Prinzip im Geschäft abholen. Im Rahmen der dreijährigen Förderzeit konnte Online City Wuppertal in die Nachhaltigkeit überführt werden und hat inzwischen mit einem Trägerverein und einem für die ­Zusammenarbeit von Händlern und Portal zuständigen "Kümmerer" die nötigen Strukturen geschaffen, um die lokale Einkaufsplattform auch künftig weiterzuführen. "Von dem Wuppertaler Pilotprojekt ging ein wichtiger Impuls aus - ich gehe derzeit von 80 digitalen City-Initiativen in Deutschland aus", zeigt sich Handels­experte Andreas Haderlein zufrieden.



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