Digital Economy 17.04.2018, 10:11 Uhr

Digitales Handelsdefizit: Die wahren Weltmeister

Deutschland steht wegen seiner Handelsbilanz unter Druck. Dabei wird die digitale Wirtschaft oft übersehen. Bei IT- und Internet-Services ist der Exportweltmeister nämlich oft nicht mehr als ein Kunde.
(Quelle: shutterstock.com/Grzegorz Petrykowski)
Kaum war US-Präsident Donald Trump im Amt, sorgte er in deutschen Wirtschaftskreisen für Aufregung. Er sehe ­lauter BMW und Mercedes in Amerika herumfahren, monierte er Anfang 2017, amerikanische Autos auf deutschen Straßen seien indes selten. Dies, so fügte er hinzu, sei unfair und müsse sich ­ändern - notfalls durch Strafzölle.
Wenn es um Autos geht, ­reagiert die Deutschland AG empfindlich. Dabei gehört es zu den Merkwürdigkeiten des internationalen Handels, dass heute ein Auto, das aus den USA in die EU importiert wird, mit zehn Prozent Zoll belegt wird, während für Autoexporte in die Gegenrichtung nur 2,5 Prozent Zoll fällig werden. Und wer hätte gedacht, dass der größte Autoexporteur der USA ausgerechnet ­eine deutsche Firma ist? BMW stellt in seinem Werk in Spartanburg/South Carolina einen Großteil aller SUVs her, die das ­Unternehmen weltweit verkauft.  
Dennoch: Gerade Deutschland, das stolz ist auf seinen Ruf als Exportweltmeister, hat mit seinem massiven Handelsbilanzüberschuss immer mehr Pro­bleme. Waren im Wert von 1,2 Billionen Euro verkauften deutsche Unternehmen 2017 ins Ausland. Vergleicht man die Aus- mit den Einfuhren, bleibt ein Überschuss von 248 Milliarden Euro. Kurz: Für jeden Euro, den Deutschland exportiert, importiert es nur 79 Cent. Das ist Weltrekord. 
China lag zwar 2016 im Handelsbilanzüberschuss um rund 40 Prozent vor Deutschland, allerdings bei einem doppelt so hohen Exportvolumen. Nach Schätzungen des IFO-Instituts macht der deutsche Exportüberschuss rund 8,6 Prozent unserer Wirtschaftsleistung aus. Am anderen Ende der Skala rangieren die USA mit ­einem Handelsdefizit von fast 800 Milliarden US-Dollar - das ist rund das Doppelte des deutschen Bundeshaushalts 2017.

Die USA beherrschen das Internet

Egal ob man auf die deutsche Exportstärke mit Stolz oder mit Sorge blickt: Die Zahlen sagen nur die halbe Wahrheit. Denn die USA mögen zwar weder bei Autos noch bei Heimtextilien die Märkte der Welt beherrschen, dafür beherrschen sie aber die digitale Weltwirtschaft. Das geht bereits bei Software los: Microsoft ist nach wie vor der führende Anbieter für Office-Anwendungen und Betriebssysteme. Smartphones laufen entweder auf Software von Apple aus Cupertino oder von Google aus Mountain View - der Rest ist vernachlässigbar. Das größte Video-Netzwerk der Erde heißt YouTube, der meist verwendete Messenger WhatsApp, die führende Suchmaschine Google und das wichtigste Social Network Facebook. Google und Facebook kontrollieren ­gemeinsam über 50 Prozent des weltweiten Werbemarkts - des gesamten Werbemarkts, nicht nur des digitalen. 
Auch ein Blick auf die Infrastruktur der digitalen Welt zeigt, wo das Internet zu Hause ist: Der größte Webhoster und Domain-Registar weltweit ist GoDaddy aus Arizona. Das Unternehmen übernahm 2016 die Host Europe Group. Und um den Platz des größten Cloud-Anbieters weltweit streiten sich Amazon und Google, auf den folgenden Plätzen rangieren IBM und Microsoft. Die USA gaben zwar 2016 offiziell die Kontrolle über ICANN auf, die Koordinierungsorganisation für Internet-Adressen und Domains, dennoch: Ohne Amerika läuft wenig im Internet. Das gilt sogar für freie Software, auf der das World Wide Web läuft. Die Entwicklung des Apache-Webservers, der meistverwendeten Software für Internet-Server weltweit, wird von der Apache Foundation in Delaware koordiniert, finanziert vor allem von der US-amerikanischen IT-Industrie. Und die Wordpress-Foundation, die das derzeit am meisten benutzte Content-Management-System der Welt verwaltet, wurde 2005 in San Francisco gegründet.    

Unter den Top Ten der Welt ist kein deutscher Name

Europäische Unternehmen von Weltrang sucht man in diesem Konzert vergebens. Die VW Group mag zwar der größte ­Autohersteller der Welt sein, aber weder im Marken- noch im Unternehmenswert rangieren die Wolfsburger unter den Top Ten. Ein Blick auf die Tabelle zeigt, wie stark die IT- und die Online-Branche ­inzwischen die Welt dominieren: Apple, Google/Alphabet, Microsoft und Amazon führen die Rankings an - und bis auf den chinesischen Tencent-Konzern taucht hier überhaupt kein nicht amerikanischer ­Name auf. Stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass die USA einerseits die größten Konzerne der Welt hervorbringen und andererseits das höchste Handelsbilanzdefizit auf dem Globus aufweisen?
Experten melden Zweifel an, ob die übliche Berechnung der Außenhandelsaktivitäten eines Landes im Internet-Zeitalter noch angemessen ist. Bereits seit Längerem geistert der Begriff des digitalen Handelsdefizits durch die Medien. So wies 2014 der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW), Marcel Fratzscher, auf ­Berechnungen seines Hauses hin, dass bei digitalen Services ein US-Exportüberschuss gegenüber Europa von mindestens 68 Milliarden US-Dollar pro Jahr entstanden sei. Der EU-Binnenmarkt mit seinen mehr als 400 Millionen Konsumenten steht Anbietern wie Facebook und Google völlig ohne Einschränkungen offen, moniert zum Beispiel Ex-Staatssekretär Friedbert Pflüger, heute Vorsitzender des Think Tanks Internet Economy Foundation in Berlin. In ­einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt" empfahl Pflüger unlängst der deutschen Politik, diesen Umstand nicht aus den ­Augen zu verlieren, wenn das nächste Mal über US-Strafzölle verhandelt wird.    



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