Betrug im Internet 03.06.2018, 10:51 Uhr

Fake Shops: So werden die Kunden bestohlen

Sie verwenden harmlos klingende Domains, betrügen ahnungslose Kunden und stehlen ihre Identität: Fake Shops. Jedes Jahr entstehen Millionenschäden - und die Dunkelziffer ist gewaltig.
Der Name Eching kommt den Einwohnern Münchens vor allem dann in den Sinn, wenn sie schwedische Möbel zum Selberbauen suchen. "Der Ikea" im Gewerbegebiet der 13.000-Einwohner-Gemeinde 20 Kilometer nördlich der Isar-Metropole lockt jedes Wochenende viele Münchner an. Weniger bekannt ist das Familienzentrum Eching. Auf Facebook stellt sich das Zentrum als gemeinnützigen Verein vor, der vielfältige Aktivitäten organisiert, vor allem für Kinder.
Doch was hat das Familienzentrum Eching e.V. mit dem Online-Verkauf von Freizeitmode der Trendmarken Aldo, Timberland oder Ugg zu tun? Die Frage drängt sich auf, wenn man die im Facebook-Profil erwähnte Webadresse des Vereins aufruft.

Warum verkauft ein Sportverein Markenmode?

Unter www.familienzentrum-eching.de erscheint nämlich keineswegs eine Info-Seite zu Kinderturnen und Backkursen, sondern ein Online Shop, in dem Schuhe, Taschen und T-Shirts angeboten werden - allesamt Markenware zu Schnäppchenpreisen: Bei Timberland-Produkten etwa offeriert der Shop quer durchs Sortiment 50 Prozent Nachlass auf die unverbindliche Preisempfehlung.
Dennoch, bestellen sollte man hier besser nichts. Familienzentrum-eching.de ist ein Fake-Shop.
Eine kurze Betrachtung der Seite fördert Unstimmigkeiten zuhauf zutage: Ein Impressum gibt es nicht, die Datenschutzerklärung ist komplett auf Englisch gehalten, die Produktbeschreibungstexte enthalten einen abenteuerlichen Sprachmix, der eher nach Google Translate aussieht als nach sorgfältiger redaktioneller Bearbeitung. Wer ist dafür verantwortlich?

Gefälschte Daten bei der Denic

Die Whois-Datenbank der Denic, der für .de-Adressen zuständigen Registry mit Sitz in Frankfurt am Main, weist als Besitzer der Domain einen gewissen Robert Schmitz aus, wohnhaft in der Flughafenstraße 60 in Hahnbach/Oberpfalz, rund 150 Kilometer nördlich von Eching. Der Name ist vermutlich gefälscht, die Adresse ist es ganz sicher: In Hahnbach gibt es keine Flughafenstraße. Telefonnummer, E-Mail-Adresse - alles frei erfunden.
Und das Familienzentrum Eching? Offenbar gibt es diesen Verein nicht mehr. Die letzten Einträge auf der Facebook­Seite datieren von 2014, die angegebene Telefonnummer ist abgeschaltet.
Die Trattoria Pizzeria Da Giuseppe in Haimhausen gibt es noch. Im Netz bietet das gemütliche Lokal in dem kleinen 4.500-Seelen-Nest bei Dachau unter www.da-giuseppe-haimhausen.de seine Speisen zur Lieferung nach Hause an, powered by Lieferando. Doch was hat die Pizzeria mit Bekleidung von Marc O’Polo zu tun? Lässt man den Bindestrich zwischen "da" und "giuseppe" weg, landet man nämlich auf einem Online Shop, der Mode der Trendmarke anbietet.
Das im Shop verwendete Template weist durchaus Ähnlichkeiten mit dem des vermeintlichen Familienzentrums Eching auf. Die - durchgängig in Englisch gehaltene - Datenschutzerklärung ist bei beiden Shops identisch, und auch hier gibt es kein Impressum. Laut Whois-Eintrag der Denic ist Dagiuseppe-haimhausen.de auf einen gewissen Eric Wulf registriert, wohnhaft in der Storkower Straße 46 in 56321 Brey. Nur: Im beschaulichen Brey am Rhein gibt es keine Storkower Straße - und wahrscheinlich keinen Eric Wulf. Seine Telefonnummer stimmt jedenfalls schon einmal nicht.

Das Problem ist nicht neu

Fake Shops, so warnen Verbraucherschützer, tauchen immer häufiger im Netz auf. Und offenbar ist gegen sie kein Kraut gewachsen. Sie verwenden häufig deutsche Domains, die so gar nicht zum Geschäftszweck passen wollen. Wer würde etwa auf einer Seite mit der URL www.kanzlei-rieser.de eine Handtasche von Coccinelle erwarten, für 76 Euro statt für 205 Euro? Ein Eintrag im Telefonbuch verweist auf eine Rechtsanwältin namens Anja Rieser in München, die offenbar diese Domain für ihre E-Mail verwendet. Jetzt verlinkt die Web-URL auf einen Fake Shop für Damenhandtaschen.
Eine Anwältin als zwielichtige Handtaschenhändlerin? Eher nicht. Per Telefon ist die Juristin nicht zu erreichen, im bundesweiten Anwaltsverzeichnis liefert der Name ebenfalls keinen Treffer. In der Münchner Anwaltskammer, so erfahren wir auf Anfrage, ist sie nicht mehr Mitglied. Offenbar existiert die Kanzlei nur noch in veralteten Telefon-Datenbanken - und die dazugehörige Domain hat längst einen neuen Besitzer.
Eine Abfrage im Whois-Verzeichnis der Denic bestätigt den Verdacht: Angeblich gehört Kanzlei-rieser.de seit Oktober 2017 einer Nicole Mudrich in der Goethestraße 47 in Königs Wusterhausen bei Berlin. Google Maps weist allerdings für die Goethestraße in Königs Wusterhausen nur Hausnummern bis 42 aus...

Seltsame Domain-Namen halten nicht vom Klick ab

Ein Mode-Shop mit dem Namen einer Kanzlei? Viele potenzielle Kunden stören sich an einer merkwürdigen Webadresse gar nicht. Wer etwa auf der Jagd nach ­einer günstigen Umhängetasche von Coccinelle ist und bei Google nach "Coccinelle Shopper billig" sucht, stößt bereits auf der ersten Suchergebnisseite auf die Seite www.busreise-verzeichnis.de. Dahinter verbirgt sich ein Fake Shop. Und wer die Adresse zum Shop nicht in einer Suchmaschine gefunden hat, sondern auf einen Link in einer Werbe-Mail klickte, der merkt den Betrug noch später. 
Eine Untersuchung der EU-Behörde für geistiges Eigentum (EUIPO) ergab, dass 80 Prozent aller Domains, die in Deutschland für Fake Shops verwendet wurden, zuvor bereits von einer Privatperson, einer Institution oder einem Unternehmen ­registriert worden waren und dann wieder frei wurden, zum Beispiel weil das Unternehmen in die Insolvenz ging. Viele Domain-Registrare nutzen Tools, mit denen sie automatisch nach gekündigten Domains suchen, um sie wieder zu verkaufen - und viele Betrüger suchen gezielt nach Domains, die eine gute Sichtbarkeit bei Google versprechen. Und so kommt es dann, dass ein Fake Shop plötzlich mit dem Domain-Namen auftritt, den zuvor eine Anwaltskanzlei nutzte, und der in vielen Verzeichnissen noch enthalten ist.

Eine Rolex für 89 Euro ist zu auffällig

Das Professionalitätslevel der Betrüger ist durchaus unterschiedlich. Während man manchen Shops auf den ersten Blick anmerkt, dass etwas nicht stimmt, sehen andere ganz manierlich aus. Das gilt auch für das geforderte Preisniveau. Zu billig dürfen die Waren nicht sein, sonst beißt niemand an. Bei einer Rolex für 89 Euro riecht jeder Kunde die Fälschung - aber wie sieht es bei einer Rolex für 1.899 Euro aus? Sogar Gütesiegel wie das von Trusted Shops kopieren die Täter.
Das ist fatal, denn bei einer Umfrage des ITK-Branchenverbands Bitkom gaben 58 Prozent der Online-Nutzer an, dass für sie das Vorhandensein eines Gütesiegels auf der Website eines Shops allein bereits ein Kriterium für einen sicheren Einkauf ist. Julia Miosga, Handelsexpertin des Bitkom, sagt dazu: "Online-Käufern sind Sicherheit und Qualität bei ihrem Kauf genauso wichtig wie Preis und Komfort. Anerkannte Gütesiegel etwa geben Kunden eine verlässliche Orientierung durch die Vielzahl an Online Shops. Online-Händler profitieren deshalb davon, wenn sie sich zertifizieren lassen und dafür hochwertige Prüfsiegel für ihren Shop verwenden dürfen. Das steigert das Vertrauen der Kunden und den Umsatz."
Allerdings hilft das nichts, wenn das Siegel gefälscht ist. Trusted Shops bietet misstrauischen Konsumenten den Gegencheck an: Auf der Website des Kölner Webshop-Zertifizierers findet sich eine Liste mit allen Shops, die das Siegel der Kölner zu Recht verwenden. Doch in der Praxis lassen vermutlich nur die wenigsten Verbraucher so viel Sorgfalt walten. 



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