Nach dem Sieg vor dem BGH 30.09.2019, 08:04 Uhr

Warum Ortlieb gegen Amazon nicht allein kämpfen sollte

Zweimal stand Ortlieb vor dem BGH mit Amazon. Nach einer Niederlage, einem Sieg und einer sechsstelligen Investition erklärt das Familienunternehmen im exklusiven Interview, warum sein Kampf weitergeht und dabei die ganze Branche gefordert ist.
(Quelle: Ortlieb )
Hartmut Ortlieb, Inhaber des fränkischen Rad- und Outdoor-Spezialisten, trifft sich seit Jahren vor Gericht mit den Anwälten von Amazon. Er hat mit Dr. Andreas Lubberger seit 2013 eine Koryphäe als Rechtsanwalt an seiner Seite. Lubberger hat unter anderem das berühmte Coty-Urteil vor dem Europäischen Gerichtsshof erstritten. Seitdem dürfen Luxusparfum-Marken den Verkauf ihrer Produkte auf Amazon verbieten. Jüngst konnte Ortlieb mit Lubberger wieder einen Sieg gegen Amazon vermelden.
Wir haben mit Geschäftsführer Jürgen Siegwarth, Vertriebsleiter Martin Esslinger und Andreas Lubberger gesprochen und dabei erfahren, dass Ortlieb bei diesem Kampf an seine Grenzen stößt. Es ist ein Invest in den Fachhandel - ohne zu wissen, wie der es honoriert.
David hat wieder gegen Goliath gewonnen: Wie beurteilen Sie den jüngsten Erfolg von Ortlieb vor dem BGH gegen Amazon?
Andreas Lubberger:
Es war schon so ein Szenario, wie Sie es skizzieren, weil Amazon keinen Aufwand gescheut hat, was Schriftsätze angeht. Die Marke Ortlieb hat in den letzten zwei Monaten viel an Popularität gewonnen. Wir mussten lange dagegen anschreiben und sozusagen den Leseberg aus dem Weg räumen, den Amazon dabei geboren hat.
Martin Esslinger: Im Sinne der Markenhoheit war es uns immens wichtig, dass wir weiterhin darüber entscheiden können, was mit unserer Marke online passiert. Das Urteil hat viele andere Marken und Händler zum Nachdenken angeregt. Andererseits hat Amazon sich natürlich im Nachgang der beiden BGH-Entscheidungen schnell angepasst durch die Kennzeichnung von Wettbewerbsprodukten, mit dem Hinweis "sponsored" und der Einbindung des Namen Ortlieb im Fließtext statt in der Anzeige wie im Vorfeld.
Wie groß ist der zeitliche und finanzielle Aufwand, um diese Kämpfe vor Gericht und den selektiven Vertrieb aufrechtzuerhalten?
Lubberger:
Allein in diesem Prozess kommen wir locker auf Kosten von über 60.000 Euro. Zusammen mit den Budgets für die Gutachter geht es deutlich in den oberen sechsstelligen Bereich. Solche Prozesse dauern ohne Probleme vier bis fünf Jahre an. Das ist schon eine Hausnummer, wenn man so etwas angeht.
Esslinger: Und das sind nur die Anwaltskosten. Wir haben mit Hartmut Ortlieb vor einigen Wochen eine finale Rechnung aufgestellt. Es ist ein sehr, sehr hoher Invest und einen direkten Return gibt es nicht. Wir kriegen großen Zuspruch, auch von Endverbrauchern, die uns nach wie vor beispielsweise Emails schreiben. Auch vom Fachhandel erhalten wir sehr viel positives Feedback. Wir haben bewiesen, dass auch Amazon Grenzen zu setzen sind, man muss nur beharrlich sein. Amazon gibt nicht einfach so klein bei.
Jürgen Siegwarth: Im letzten Dezember haben Hartmut Ortlieb und ich überlegt, ob wir weitermachen und entschieden, das Thema weiter zu verfolgen. Uns ist das wichtig für die Markenhoheit, da gehen wir über die ganze Distanz.
Lubberger: Der Markenverband hat sich engagiert, aber die Hauptlast ist von Ortlieb getragen worden.
"Man kann mit Amazon nicht sprechen", weiß Andreas Lubberger von der Kanzlei Lubberger Lehment in Berlin. Der auf Markenrecht spezialisierte Rechtsanawalt hat schon 15 Mal gegen Amazon vor Gericht mittelständische Markeninhaber vertreten und dabei wegweisende Urteile gewonnen.
Quelle: Lubberger
Wie viel steht es in Ihrer persönlichen Bilanz gegen Amazon? Wie lautet das aktuelle Ergebnis/Zwischenstand?
Lubberger:
  Unsere Kanzlei hatte sicherlich schon an die 15 Verfahren gegen Amazon gehabt. Ich selbst habe 2017 vor dem EuGH ein Urteil erstritten. Im September stand ich schon wieder vor dem EuGH gegen Amazon. Es ist erfolgreich, weil Amazon bestimmte Rechte nicht achtet, aber es dauert sehr, sehr lange, weil sich die Gerichte schwer tun auch mal Besonderheiten im Geschäftsmodell anzuerkennen.
Der erste Fall, war Coty. Sie haben es in einem wegweisenden Urteil vor dem EuGH geschafft, dass Luxusmarken wie Gucci, Dolce&Gabbana und Hugo Boss auf Drittplattformen wie Amazon verboten werden dürfen.
Lubberger:
Richtig, der erste Fall war Coty gegen Akzente. Im Grunde steckte Amazon dahinter, die dort mit eigenen Anwälten engagiert waren, bis wir das unterbunden haben, und vermutlich daneben finanzielle Unterstützung geleistet hat.
Einige Sportartikel sind erklärungsbedürftige Premiumprodukte. Ein entsprechendes Umfeld mit Präsentation, Beratung und Service sind nötig, damit ein Händler Ortlieb-Produkte verkaufen darf. Sehen Sie Chancen, das Premiumsportartikel nicht mit einer ähnlichen Begründung wie Luxusprodukte von Coty ebenso auf Plattformen verboten werden?
Lubberger:
Ja, ganz eindeutig. Das setzt aber voraus, dass die Sportmarke ein klares Konzept hat. Man kann sich das auch vorstellen für einen Direktvertrieb, aber meistens gilt das für den Selektivvertrieb, wie es bei Ortlieb der Fall ist. Das setzt aber voraus, dass die Sportmarke ein klares Konzept hat, was die Qualität im Handel ausmacht. Daraus muss man ableiten, warum bestimmte Plattformen verboten und andere vielleicht zugelassen werden.



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