Die Dienstleister-Szene rund um den Amazon Marketplace

Der offizielle Stempel fehlt

Dass sich rund um Amazon inzwischen ein richtiggehendes Ökosystem ausgebildet hat, erkennt man auch daran, dass sich Jens Jokschat sowie viele der in diesem Beitrag zu Wort kommenden Amazon-Experten regelmäßig als Speaker auf der stetig wachsenden Anzahl an Kongressen und Events begegnen. Dazu gehören in erster Linie die "AMZCON", der "Amazon Sales Kongress" und der "Merchant Day", aber auch der Internet World Kongress am 10. und 11. Oktober in München mit vielen Amazon-Spezialisten. Abwesend ist dabei jedoch stets Amazon selbst, das sich traditionell verschlossen gibt und bislang jede offizielle Verbindung zu dem um den Marketplace entstandenen Ökosystem scheut. "Es gibt inzwischen immer mehr Amazon-Konferenzen, bei denen Amazon nicht einmal eingeladen ist. Da entsteht ein richtiggehendes Paralleluniversum", erzählt Klaus Forsthofer von Marktplatz1.
Offiziell vertritt Amazon die Meinung, die eigenen Tools und Veranstaltungen würden völlig ausreichen. Doch entsteht damit ein Know-how-Vakuum, das eigentlich nicht im Sinne des E-Commerce-Giganten sein kann. So werden bereits Seminare angeboten, bei denen ehemalige Amazon-Mitarbeiter Markenhersteller über die richtige Verhandlungsstrategie im ­Umgang mit den Vendor Managern des Online-Händlers coachen.

Wildwuchs im "Kosmos Amazon"

Problematisch ist der Wildwuchs im "Kosmos Amazon" aber auch für die Marketplace-Anbieter. Zum einen, weil es für Händler und Markenhersteller bislang keine Orientierungshilfe gibt, um sich vor unseriösen Beratern und Dienstleistern zu schützen. Das Spektrum reicht hier von Rezensionsdienstleistern, die maßgeschneiderte Top-Rezensionen versprechen und dafür von Amazon regelmäßig abgemahnt werden, bis zum von Wortfilter.de publik gemachten Fall einer höchst fragwürdigen Amazon-SEO-Agentur, die für horrende Teilnahmegebühren die Mitgliedschaft in einem geheimen Händlerzirkel bewarb.
Zum anderen stellt das ­unregulierte Amazon-Ökosystem auch ein immer größeres Sicherheitsrisiko dar: "Die Tool-Anbieter erhalten Zugriff auf sämtliche Händlerdaten. Viele in der Branche machen sich große Sorgen, was damit im Fall eines Angriffs passieren könnte", berichtet Klaus Forsthofer. Deshalb auf den Einsatz der Software zu verzichten, sei aber auch keine Alternative: "Ohne ein Repricing-Tool beispielsweise hat man bei Amazon keine Chance."

Warten auf das Partnerprogramm

Die Branche treibt daher die Frage um, ob und wann Amazon auf das Ökosystem ­zugehen wird, für das es schließlich selbst die Grundlage ist. So wie zuvor bereits Google und Facebook steht auch Amazon vor der Entscheidung, mit einem Partnerprogramm und offiziellen Zertifizierungen für Orientierung und Sicherheit in seinem Kanal zu sorgen. Insider berichten, dass derzeit bei Amazon ein Ringen zwischen zwei Lagern stattfinde, dessen Ausgang noch nicht entschieden sei. Auf der einen Seite stünden langjährige Mitarbeiter, die die traditionelle Verschlossenheit des Unternehmens verinnerlicht hätten und gegenüber Drittanbietern auch deshalb kritisch seien, da diese stets einen ­Anteil an der Marge beanspruchten. Auf der anderen Seite einzuordnen seien jüngere Amazon-Mitarbeiter, die eine grö­ßere Offenheit in den E-Commerce-Konzern brächten und zum Teil bereits heute ganz selbstverständlich mit vielen Agenturen und Beratern zusammenarbeiteten.
Franz Jordan von Marketplace Analytics ist überzeugt, dass ein Partnerprogramm letztlich nur noch eine Frage der Zeit ist. "Amazon muss sich öffnen", erklärt der Tool-Anbieter. Eine Schlüsselrolle nimmt aus Jordans Sicht dabei das Werbegeschäft ein. In den USA habe Amazon in diesem Bereich bereits ein Zertifizierungsprogramm eingerichtet, weil man feststellen musste, dass sich die über lange Zeit ­gewachsenen Strukturen auf dem Werbemarkt nicht einfach ändern ließen. "Getrieben durch das Werbegeschäft hat Amazon hier erkannt, dass ein Ökosystem hilfreich sein kann." Auch Klaus Forsthofer von Marktplatz1 wünscht sich ein offizielles Partnerprogramm und sieht erste Anzeichen dafür in dem im Sommer zu Ende gegangenen Amazon-Förderprogramm "Unternehmer der Zukunft".
Nicht nur Forsthofer, auch viele andere Schlüsselpersonen aus dem "Kosmos Amazon" waren an dem Programm als Coaches beteiligt. "Das war das erste Mal, dass uns Amazon in Deutschland einen offiziellen Status ­zuerkannt hat", erklärt der Salzburger. Er ist deshalb ebenfalls überzeugt, dass die gewünschte Öffnung kommen wird - auch wenn es möglicherweise noch etwas dauert: "Man muss einfach anerkennen, dass Amazon wegen dem permanent hohen Wachstum sehr viel zu tun hat. ­Davor habe ich großen Respekt."



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