Globales Netzwerk 11.07.2016, 12:00 Uhr

Amazons Logistik: Bedrohung für Händler und Dienstleister

Amazon schickt sich an, ein globales Logistiknetzwerk zu spannen. Das bedroht nicht nur Logistiker. Auch auf den klassischen Handel kommt noch einiges zu.
(Quelle: Amazon )
Als Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber ankündigte, in Berlin Pakete künftig per Rohrpost verschicken zu wollen, zeigte das Datum auf dem Kalender den 1. April. Und auch die Ankündigung gegenüber der "Süddeutschen Zeitung", dass ein Amazon-Känguru Pakete aus dem Beutel zustellt, darf noch als Scherz verstanden werden. Bei allen anderen Logistikprojekten allerdings, die Amazon derzeit Schlag auf Schlag in den Markt presst, dürfte Händlern und Logistikdienstleistern gleichermaßen das Lachen im ­Halse stecken bleiben. Denn die Auswirkungen auf das eigene Geschäft könnten, gelinde gesagt, unangenehm werden.

Amazon als Mittler zwischen Lieferant und Kunde

"Wenn ein Online-Händler von der Größe und Bedeutung Amazons beschließt, sein eigenes Liefernetzwerk aufzubauen, ändert das den Markt für jeden", warnt die Royal Mail ihre Konkurrenten nicht ohne Grund. Der britische Logistiker musste seine Wachstumsprognosen für die kommenden zwei Jahre von vier auf ein bis zwei Prozent senken, seit Amazon wegen Unzufriedenheit mit dem Royal-Mail-Service seine Pakete auf der Insel größtenteils in Eigenregie verschickt. Und auch vielen anderen Markt-Playern steht beim Gedanken daran, dass Amazon spätestens im Zuge der Einführung des Online-­Lebensmittellieferdienstes Amazon Fresh endgültig einen ­eigenen Lieferservice aufbauen könnte, der kalte Schweiß auf der Stirn.
Dass es vom Containerschiff bis zur letzten Meile in der Logistik im Grunde keine Disziplin mehr gibt, die Amazon unangetastet lässt, wurde schon im Februar dieses Jahres deutlich. Damals kamen Jeff Bezos’ ­Pläne ans Licht, unter dem Projektnamen "Drachenboot" ein eigenes, weltumspannendes Logistiknetzwerk aufzubauen. ­Damit will der Handelsriese sämtliche Schritte der globalen Supply Chain - von der Produktion der Ware bis zur Zustellung an die Haustür - selbst kontrollieren. Viel Verschnaufpause lässt der E-Commerce-Riese der Konkurrenz dabei nicht: Branchen-Insider munkeln, dass die "Amazon Global Supply Chain" schon in diesem Jahr offiziell das Licht der Welt ­erblicken könnte. Und bei genauem Hinsehen fügen sich viele der kleinen logistischen Einzelprojekte, die seit Anfang des Jahres publik wurden, immer besser in ein großes Gesamtbild.

Amazon hat Lizenz als Seefracht-Dienstleister

So gab Amazon bereits im Dezember 2015 ­bekannt, in den USA Tausende von Lkw-Aufliegern gekauft zu haben. Die mit Amazon-Logo gebrandeten Trailer sollen sicherstellen, dass für das rasant wachsende US-Geschäft zu ­jedem Zeitpunkt ausreichend Verladekapazitäten zur Verfügung stehen. Zwar müssen die Auflieger noch von externen Fahrern zwischen den Amazon-Logistikzentren hin- und hergezogen werden. Doch der Seitenhieb auf UPS & Co. dürfte gesessen haben: Offensichtlich traut Amazon den traditionellen Logistikern nicht zu, mit dem rapiden Wachstum des eigenen Unternehmens Schritt halten zu können.
Anfang 2016 folgte der nächste Streich. Die US-Seefrachtbehörde teilte mit, dass die chinesische Zweigstelle von Amazon eine Lizenz als Seefracht-Dienstleister ­erhalten habe. Damit darf Amazon zwar keine eigenen Schiffe auf See schicken, aber Ladekapazitäten kaufen und den ­Warentransport für andere Unternehmen abwickeln. Vor allem chinesischen Fabrikbetreibern steht damit - indirekt - der Weg direkt in die Wohnungen von Millionen amerikanischer Verbraucher offen.
Im März schließlich bestätigte die amerikanische Air Transport Services Group in einer Pressemitteilung, künftig Amazons US-Luftverkehrsnetz mit insgesamt 20 durch das Versandunternehmen geleasten Frachtmaschinen zu betreiben. Auch hier begründet der E-Commerce-Riese den Schritt damit, auf diese Weise Kosten besser kontrollieren und Liefer­termine besser einhalten zu können. Zugleich sicherte sich Amazon auch noch ein Anrecht auf den Kauf eines 20-Prozent-Anteils an den ATSG-Aktien. Das lässt vermuten, dass weitere Schritte in Richtung Unabhängigkeit von UPS, DHL & Co. folgen werden.



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