B2B-Commerce 23.11.2019, 10:18 Uhr

Amazon Business: Nicht zu unterschätzen

Wird sich Amazon Business im professionellen Beschaffungswesen genauso durchsetzen wie im B2C-Segment? Noch steht das Unternehmen ganz am Anfang. Doch die Aussichten sind alles andere als schlecht.
(Quelle: shutterstock.com/dennizn )
Viele Hersteller und Händler im B2B-Bereich sehen sich mit der Frage konfrontiert: Wird Amazon Business im B2B-Markt ebenso dominieren wie im Endkundengeschäft? Und soll ich Amazon Business boykottieren - oder doch lieber kooperieren? Die Antwort auf die letzte Frage muss jedes Unternehmen für sich selbst finden. Bei der Entscheidung sollte jedoch die künftige Bedeutung von Amazon tunlichst nicht unterschätzt werden.
Marktforscher von Gartner gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2022 im B2B-Segment 75 Prozent aller Longtail-Produkte über Online-Marktplätze gekauft werden. Und es spricht viel dafür, dass Amazon davon überproportional profitieren wird.
Auf dem ersten "Amazon Business ­Exchange", zu dem der ­E-Commerce-Riese Einkäufer aus ganz Europa nach London lud, wurde schnell klar: Zumindest die Einkaufsleiter großer Unternehmen drängen auf mehr Effizienz im Beschaffungswesen. "Wir haben noch viel zu viele Freitextbestellungen", konstatiert Dietmar Harteveld, Head of SCM EMEA bei Siemens UK, der einen jährlichen Ausgabentopf von zwei Milliarden Euro verwaltet. "Die Kollegen schreiben, was sie brauchen, und dann startet ein Prozess", erklärt er. Bis der passende Zulieferer gefunden und gegebenenfalls neu ins Bestellsystem eingepflegt ist, die Bestellung getätigt wurde, die ­Order eintrifft und die Bezahlung ­abgewickelt ist, können schnell einmal drei Wochen vergehen. "Das wollten wir reduzieren, denn das ist nicht effizient und nicht die Welt, in der wir leben sollten", sagt Harteveld.
Die digitale Beschaffung über einen ­Online-Marktplatz verkürzt diesen Prozess von drei Wochen auf drei Tage, verspricht zumindest Todd Heimes, Director Amazon Business in Europa. Über eine Anbindung an den B2B-Marktplatz haben Geschäftskunden Zugriff auf über 250 Millionen Produkte, von denen Millionen innerhalb von 24 Stunden und Hunderttausende noch am selben Tag geliefert werden können. Die professionellen Einkäufer bekommen dadurch Zugriff auf ein riesiges Sortiment und können gleichzeitig den Pflegeaufwand für interne Lieferanten reduzieren.

Mitarbeiter wollen Amazon Business

Das wichtigste Argument für den E-Commerce-Giganten ist aber, dass fast jeder Einkäufer, der beruflich ordert, auch privat auf Amazon bestellt und die Customer Experience im Vergleich zu klassischen Beschaffungskanälen als besser empfindet. Weil Mitarbeiter die Bestellprozesse auf Amazon kennen, macht es das Change Management in Unternehmen, die auf digitale Beschaffung umstellen, vergleichsweise wenig aufwändig. Auch mit Akzeptanzproblemen ist eher nicht zu rechnen. Im Gegenteil: Häufig sind es sogar die Mitarbeiter selbst, die von sich aus fordern, Produkte, die sie brauchen, einfach in Eigenregie auf Amazon bestellen zu dürfen.
"Wir haben festgestellt, dass wir jährlich für 200.000 Pfund bei Amazon bestellen, obwohl den Mitarbeitern unserer 630 Einrichtungen bislang explizit untersagt war, dort zu ordern“, erzählt Keelie Leahy, Director of ­Innovation bei der britischen Kinderbetreuungs­kette Busy Bees. Doch weil die Mitarbeiter bei den insgesamt 300 unternehmensweit erfassten Zulieferern nicht immer fanden, was sie brauchten, wichen sie unerlaubt auf Amazon aus und rechneten die Einkäufe ­anschließend per Kreditkartenzahlung ab. Das allerdings verursachte enorm umständliche Abwicklungsprozesse. Um sich da Leben hier leichter zu machen, knickte Leahy ein. "Wir haben beschlossen: Wenn du sie nicht besiegen kannst, schließ dich ihnen an“, sagt sie.



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