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Start-up

Kommentar Das Positionspapier, oder: Die Sitzung, in der keiner war

"Jung und hip" ist nicht gleichbedeutend mit "demokratisch eingestellt". Oder mit "kritikfähig."

shutterstock.com/Sunny studio

"Jung und hip" ist nicht gleichbedeutend mit "demokratisch eingestellt". Oder mit "kritikfähig."

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In einem Positionspapier formulierte der Beirat "Junge Digitale Wirtschaft" krude Theorien zur Mediendisziplinierung. Nach Auffliegen des Skandals windet sich die New Economy keinen Deut eleganter als die alten Garden - und offenbaren damit tieferliegende Probleme.

Es ist schon erstaunlich, was ein Text anrichten kann, der drei Monate lang auf der Website des Bundeswirtschaftsministeriums vor sich hin schimmelt, bevor sich einige Redakteure des "Handelsblatts" die Zeit nehmen, ihn ordentlich durchzulesen. Auf diese Weise kam vorgestern das Positionspapier zum Thema "Börsengänge deutscher Start-ups", verfasst vom Beirat "Junge Digitale Wirtschaft", zu zweifelhaftem Ruhm. 

Denn in diesem 11-seitigen Dokument, unterzeichnet von den drei Beirats-Vorständen Lea-Sophie Cramer (Gründerin von Amorelie), Alex von Frankenberg (Geschäftsführer des High-Tech-Gründerfonds (HTGF)) und Christoph Gerlinger (Geschäftsführer der börsennotierten SGT German Private Equity), geht es um den Mangel an Börsengängen junger Unternehmen in Deutschland.

Die Gründe für diesen Mangel liegen laut den drei Nachwuchs-Weisen auf der Hand: Überregulierung beim Börsengang, Überregulierung beim Aktienkauf, "falsch verstandener Anlegerschutz" - und eine unterregulierte Medienlandschaft. Denn in der Presse habe sich ein Hang zum "new-economy-bashing" verbreitet - deshalb sei es nötig, die Medien in ihrer Berichterstattung zu IPOs stärker zu "disziplinieren". Autsch.

Wenn der Schülerpraktikant in der letzten Sitzung am Drucker steht

Kurz nachdem besagte Handelsblatt-Kollegen die diktatorischen Anwandlungen der selbst ernannten New Economy-Vertreter in einem Artikel zerpflückt hatten, explodierte LinkedIn. Alle drei Autoren distanzierten sich in rascher Folge von dem Positionspapier. Offenbar handele es sich um eine nicht offizielle frühere Version, die es irgendwie bis zur Veröffentlichung gebracht hat. Und bei der entscheidenden letzten Sitzung, in der das Papier verabschiedet wurde, war offenbar niemand dabei außer dem Schülerpraktikanten.

Apropos Schüler: Wenn mein Sohn solche Ausreden zur Vertuschung von vergessenen Hausaufgaben heranzieht, bekommt er Stubenarrest wegen Un-Kreativität. Vermutlich ein unfaires Urteil, schließlich hat Wirtschaftsminister Peter Altmaier in seiner Distanzierung gleich ganz auf Ausreden verzichtet und unumwunden zugegeben, dass er seine eigene Website nicht liest, und Positionspapiere eines von ihm selbst berufenen Beirats schon gar nicht.

Was lernen wir daraus?

Da man ja nicht nur wie ein Gaffer am Rand stehen und Popcorn konsumieren möchte angesichts des hochnotpeinlichen Dramas: Was lernen wir aus dem ganzen Debakel? Da gäbe es als Erstes ein paar ganz praktische Erkenntnisse: Die letzte Sitzung ist immer die wichtigste. Und: Nichts unterschreiben, was man nicht vorher gelesen hat. Wusste man zwar schon, aber kann ja nicht schaden, wenn man daran nochmal erinnert wird.

Dann gibt es allgemeinere Erkenntnisse, zum Beispiel: Die ach so hippe New Economy windet sich im Skandalfall keinen Deut eleganter als die alten Garden. Und: "jung und hip" ist nicht gleichbedeutend mit "demokratisch eingestellt". Oder mit "kritikfähig."

Und zuletzt gibt es die persönlichen Erkenntnisse. Als Wirtschaftsjournalistin, und ich bin sicher, da geht es vielen KollegInnen ähnlich, erinnert mich die Angelegenheit daran, nicht nur die großen etablierten Unternehmen stets kritisch zu beäugen, sondern auch die jungen Start-ups. Und öfter mal die Website des Bundeswirtschaftsministeriums zu lesen. Wer hätte gedacht, dass die größten Stories da offen herumliegen. 

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