INTERNET WORLD Logo Abo
Dr. Kai Hudetz, Porträt

Kai Hudetz, IFH Köln "Der Kunde ist anspruchs­voller denn je"

Dr. Kai Hudetz, Geschäftsführer IFH Köln

IFH Köln

Dr. Kai Hudetz, Geschäftsführer IFH Köln

IFH Köln

Wer waren die Gewinner und Verlierer des Jahres, und wie viel Wachstum kann der E-Commerce eigentlich noch erzielen? Ein Gespräch mit Dr. Kai Hudetz, Geschäftsführer des IFH Köln.

Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen. Grund genug, mit Handelsforscher Dr. Kai Hudetz zurückzublicken. Und darüber zu sprechen, wie lange der E-Commerce noch wachsen wird und ob Händler auf Marktplätzen präsent sein müssen.

Das Statistische Bundesamt hat vor noch nicht allzu langer Zeit Zahlen veröffentlicht: Demnach ist der Online-Handel 2021 um 36 Prozent gewachsen, während der stationäre Einzelhandel "nur" ein Plus von 2,9 Prozent erzielen konnte. Was ein bisschen erstaunlich beziehungsweise auch enttäuschend ist aus dessen Sicht: Von Mai bis September gab es keinerlei größere Beschränkungen, keinen Lockdown, und trotzdem sind die Umsätze um 0,2 Prozent zurückgegangen (Online-Handel: plus 8,8 Prozent). Wie erklären Sie sich das?

Kai Hudetz
: Ja, auf den ersten Blick erscheint uns das ein Stück weit paradox. Oftmals setzen wir voraus: Wenn keine Beschränkungen da sind, verhalten sich die Leute wieder so wie vor der Pandemie. Es muss uns aber klar sein, dass es nie wieder so wird. Wir hatten viele Konsumenten, die zum ersten Mal gewisse Produktkategorien - Spielzeug, Lebens­mittel, Sportgeräte - online eingekauft und festgestellt haben: Das funktioniert ja eigentlich ganz gut. Wir sehen, dass die Zufriedenheitswerte mit dem Online-Handel hoch sind, gerade bei diesen "Online-Neulingen". Insofern setzen wir eben nahtlos an eine Entwicklung an, die wir vor der Pandemie auch schon verfolgt haben: Der Online-Handel wächst und wächst und wächst. Wir hatten ja schon im Jahr 2019, also noch vor der Pandemie, das mit Abstand stärkste Online-Wachstum in Deutschland - das Plus lag bei 7 Milliarden Euro, in den Vorjahren waren das immer so zwischen 5 und 5,5 Milliarden.

Wir als Konsumenten haben uns an diesen bequemen Online-Handel gewöhnt, und dann kommt eben noch dazu: Die Geschäfte sind offen, wir haben keinen Lockdown, aber Einschränkungen. Ganz tagesaktuell haben wir jetzt noch eine 2G-Regelung, die ja nun auch nicht dazu beiträgt, den stationären Handel attraktiver zu machen. In unserem "Corona Consumer Check" messen wir regelmäßig das Konsumentenverhalten in der Pandemie, und dabei stellen wir fest, dass die Anzahl der Besuche im stationären Handel und die Verweildauer in den Innenstädten sowie in den Geschäften zurückgehen. Wir hatten nach dem letzten Lockdown im Frühjahr einen Nachholeffekt, sodass die Leute wieder in den stationären Handel gegangen sind, aber gewisse Umsatzanteile sind unwiederbringlich in den Online-Handel abgewandert.

 

Man muss die Geschichte aber auch etwas differenzierter sehen, beispielsweise im Sporthandel. Die stationären kleineren Spezialisten haben zum Großteil stark zugelegt - die Laufhändler, die Outdoor-Händler, die ihren Kunden eben auch einen sehr individuellen und persönlichen Service bieten. Sind die kleinen Geschäfte mit nur einer, zwei oder drei absoluten Fokus-Kategorien - dazu mit einem tiefen Sortiment - die Zukunft des Sporthandels? Im Umkehrschluss hieße das ja, dass die Multisport-Händler mit einem breiten, aber eben nicht so tiefen Angebot (= Nahversorger) keine Existenzberechtigung mehr haben könnten.

Hudetz:
Natürlich sehen wir die Entwicklung, dass die Spezialisten gerade in den Bereichen Laufen und Fahrrad enorm zugelegt haben - wobei die gestörten Lieferketten das Wachstum auch ein bisschen bremsen. Die Multi-Category-Händler können nur dann weiter existieren, wenn sie gut sind. Zweifellos werden die Herausforderungen größer, der Kunde ist anspruchs­voller denn je. Er hat jetzt den Online-Kanal noch stärker kennengelernt und kommt eben nicht mehr automatisch zu mir ins Geschäft, sondern nur, wenn ich es als stationärer Händler wirklich schaffe, mich mit echten Mehrwerten zu positio­nieren. Wenn ich keine Beratungskompetenz in gewissen Produktkategorien habe, dann wird es einfach sehr, sehr schwer, zu existieren. Gerade im Sportbereich gibt es jede Menge stationäre Services, die ich als Händler bieten und die der Online-Handel nicht einfach so kopieren kann. Der stationäre Handel hat immer von einer gewissen Vielfalt an Konzepten gelebt - es gab nie nur ein einziges, das uns als Konsument angeboten wurde.

Sie möchten weiterlesen?
Digital plus jetzt 1 Monat kostenlos testen*
  • alle PLUS-Artikel auf allen Devices lesen
  • Inklusive digital Ausgabe des Magazins
  • alle Videos und Podcasts
  • Zugang zum Archiv aller digitalen Ausgaben
  • Commerce Shots, das Entscheider-Briefing für den digitalen Handel
  • monatlich kündbar

*danach € 9,90 EUR/Monat, monatlich kündbar

Ihr wollt in Sachen E-Commerce auf dem Laufenden bleiben? Da haben wir zwei Angebote für euch in petto:
  • Unser daily-Newsletter informiert einmal täglich mit News, aber auch tiefen Insights und Analysen über die wichtigsten Themen aus der digitalen Commerce- und Marketing-Branche. Jetzt kostenlos abonnieren!
  • Early birds, die bereits am frühen Morgen wissen wollen, was im nationalen und internationalen E-Commerce alles los ist, legen wir die Commerce Shots ans Herz: Jetzt abonnieren!
Das könnte Sie auch interessieren