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Anna Rojahn

Anna Rojahn, Fast Forward Imaging "Virtuelle Produktinszenierung hat sich noch nicht durchgesetzt"

Anna Rojahn, Gründerin von Fast Forward Imaging

Fast Forward Imaging

Anna Rojahn, Gründerin von Fast Forward Imaging

Fast Forward Imaging

Virtual Commerce ist das Trend-Thema im E-Commerce. Welche Inszenierungs-Möglichkeiten es für Produkte in Webshops gibt und warum sich virtuelle Produktdarstellungen noch nicht durchgesetzt haben, erzählt Anna Rojahn von Fast Forward Imaging.

Virtual Commerce ist gerade in aller Munde. Doch Webshop-Betreiber nehmen sich diesem Thema derzeit noch eher zaghaft an. So zumindest empfindet es Anna Rojahn, Gründerin des Technologieunternehmens Fast Forward Imaging. Wir haben mit ihr über virtuelle Produktinszenierungen gesprochen und darüber, warum es immer noch so viele Shops mit schlechten Warenpräsentationen gibt.

Sie entwickeln Konzepte und Anwendungen im Bereich des Virtual Commerce. Was genau verbirgt sich dahinter?
Anna Rojahn: Unser Kerngeschäft ist die Visualisierung und Digitalisierung von physischen Objekten. Das Thema Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) hat mich immer schon fasziniert. Technisch wird hiermit immer mehr möglich und wir haben überlegt, welche Möglichkeiten sich für uns mit diesen neuen Technologien ergeben. Kommerzielle Anwendungen sind nach meiner Ansicht vor allem spannend, da es dabei um eine ganz andere Art von Produktinszenierung geht. Heute geht es bei Produktdarstellungen schon lange nicht mehr darum, nur ein simples Bild des Artikels darzustellen und Informationen rund um das Produkt aufzulisten. Vielmehr geht es darum Geschichten zu erzählen. Und zwar mit allen visuellen Mitteln, die uns heute zur Verfügung stehen. Das ist das, was ich an dem Thema VR und Virtual Commerce so spannend finde.
Aus der Faszination für die Fragestellung "Wie kann man ein Produkt nicht nur optimal informativ inszenieren, sondern auch emotional präsentieren?" kommt die Verknüpfung aus der gängigen Produktdigitalisierung und dem Thema Virtual Commerce. Sprich, wie kann man die VR-Technologie gewinnbringend im E-Commerce einsetzen?

Wie funktioniert die Technologie, mit der Sie die Produktfotos produzieren?
Rojahn: Die Technologie gründet auf einem Patent der Bauhaus Universität aus Weimar. Dieses Patent basiert darauf, mittels schneller Farbwechsel eine Freistellung des aufgenommenen Objekts von dem Hintergrund zu erzielen. Ursprünglich war das Patent für die Produktion von Bewegtbildern entwickelt worden. Wir haben uns dann gedacht, dass es sich sehr gut auf die Produktfotografie anwenden lässt. Somit können wir Objekte von dem Hintergrund freistellen und zugleich eine optimale Ausleuchtung gewährleisten. Das gelingt uns mit dieser Technologie sehr viel besser als anderen Anbietern am Markt. Durch die transparente Freistellung bieten sich ganz andere Möglichkeiten, wie man den Artikel in Szene setzen kann. Unter anderem kann man so ein Objekt in einen virtuellen Raum einfügen. Somit kann man für den User das Raumerleben mit den optischen Produktinformationen verknüpfen.

Welche Kunden nutzen das Angebot der virtuellen Produktinszenierung?
Rojahn: Bisher sind es leider sehr wenige, die den Service in Anspruch nehmen. Die meisten nutzen unser Kernangebot der Produktfotografie und -digitalisierung. Die virtuelle Produktinszenierung hat sich bisher noch nicht durchgesetzt. Es ist einfach noch ein sehr neues Thema. Alle warten immer erst einmal ab, wer es denn als nächstes nutzt. Da will irgendwie keiner gerne der Erste sein. Sie wollen zwar alle vorne mit dabei sein, aber bloß nicht der Erste. Aktuell produzieren wir daher Show-Cases, um die Kunden von der neuen Technologie zu überzeugen. Die meisten Firmen fühlen sich erst wohl damit Innovationsbudgets zur Verfügung zu stellen, sobald es einen halbwegs etablierten Standard gibt. Dieser kann aber erst entstehen, wenn sich Firmen trauen diese Dinge auszuprobieren und somit Vorreiter zu sein.

Wie sieht es mit 360-Grad-Darstellungen aus?
Rojahn: Jetzt wo das Thema VR und AR aufkommt, werden 360-Grad-Darstellungen auf einmal salonfähiger. Früher war das das "Schreckgespenst", was teuer und viel zu aufwendig war. Heute ist es VR und AR im E-Commerce.

360-Grad-Darstelllungen sind noch kein Standard

Aber 360-Grad-Darstelllungen sind auch heute im E-Commerce noch kein Standard, oder?
Rojahn: Ja, 360-Grad-Darstellungen sind schon so lange möglich, dass viele glauben, dass es eigentlich schon Standard sein müsste. Aber solche Produktpräsentationen waren lange im Verhältnis noch sehr teuer und mit viel Aufwand verbunden. Das betraf sowohl die Produktion der Bilder als auch die Wiedergabe auf den Webseiten. Diese Hindernisse sind mittlerweile aber weitestgehend aus dem Weg geräumt. Daher wächst auch zunehmend die Bereitschaft der Händler, 360-Grad-Fotografie in ihre Shops zu integrieren.

Sie bieten zwei Arten von Services an - zum einen können Händler Ihnen Produkte zusenden und sie fertigen die Fotos an, zum anderen können Händler mit ihrer Technologie Fotos inhouse anfertigen. Für welche Art von Händlern ist welcher Service sinnvoll?
Rojahn: Im Grunde ist es eine Frage des Volumens und auch ein wenig der durchschnittlichen Preispunkte der Artikel. Für Kunden, die im Jahr Aufnahmen von 500 bis 1.000 Artikel benötigen, ist es ratsam den Studioservice zu nutzen. Eine Ausnahme wäre, wenn es sich um sehr hochpreisige Artikel handeln würde oder Artikel, die nicht ohne weiteres versendbar sind. Eine Internalisierung des Aufnahmeprozesses lohnt sich vor allem dann, wenn es sich um eine große Stückzahl an Artikeln handelt. Das geht bei den meisten Produktkategorien in etwa ab 5.000 Artikeln pro Jahr los.

Ist es ja allgemein bekannt, dass eine gute Produktdarstellung mehr Verkäufe generiert und Retouren reduziert. Warum gibt es immer noch so viele Shops mit schlechten Produktdarstellungen?
Rojahn: Obwohl die Produktdarstellung erwiesenermaßen den größten Einfluss auf die Conversion und die Retourenquote hat, behandeln viele Shop-Betreiber dieses Thema sehr stiefmütterlich. Ich glaube, das liegt daran, weil viele das Thema Bild immer noch als "teuer und kompliziert" wahrnehmen. Zudem sind viele der Meinung, dass es auch ausreichend ist, den Artikel mal eben vom Praktikanten mit dem iPhone ablichten zu lassen. Diesen Händlern ist nicht klar, dass sie mit professionellen Aufnahmen viel mehr Verkäufe erzielen könnten. Hier wird definitiv am falschen Ende gespart.

Was muss eine zufriedenstellende Produktdarstellung dem User bieten?
Rojahn: Bei einer Produktdarstellung im E-Commerce steht für mich der Informationsgehalt im Vordergrund. Das bedeutet, dass die optische Darstellung dem Kunden so viele Informationen wie möglich liefern muss: Die Farbe muss stimmen und die Details müssen mittels Zoomfunktion sichtbar sein. Ich persönlich würde mir auch sehr wahrscheinlich keinen Artikel mehr im Web bestellen, den ich mir nicht in einer 360 Grad Darstellung anschauen kann. Ich hätte immer das Gefühl mir wird nur die Schokoladenseite des Artikels präsentiert.

Was wird sich bei den Produktpräsentationen in Online Shops in den kommenden Jahren ändern?
Rojahn: Ich glaube, auf der einen Seite wird sich die Präsentation von Produkten im Web immer weiter perfektionieren. Zugleich bin ich davon überzeugt, dass wir auf dem Weg zu einer ehrlicheren Darstellung sind. Denn die Retouren sind immer noch ein sehr gravierendes Problem im E-Commerce und allmählich begreifen die Händler, dass eine geschönte Darstellung schlussendlich nicht gut für den Erlös ist.

Wie wird der VR-Trend den E-Commerce verändern? Wie kaufen wir ihrer Meinung nach in zehn Jahren ein?
Rojahn: Ich denke, wir werden in virtuellen Kaufhäusern shoppen gehen - aber nicht ausschließlich. Denn es gibt einfach Artikel, die nicht davon profitieren, wenn ich sie in einen ausgefallen Kontext setze. Wenn ich einfach nur ein weißes T-Shirt kaufen will, muss ich dafür nicht durch eine virtuelle Mall schlendern. Aber jedes Produkt, das von einem emotionalen Kontext lebt, wird in einem solchen Umfeld am besten aufgehoben sein. Der Vorteil von VR ist ja vor allem, dass die Technologie App-basiert ist. Dadurch gibt es zahlreiche Informationen über den einzelnen Nutzer. Das bedeutet, dass es bald möglich sein wird, dass jeder durch sein persönlich kuratiertes virtuelles Kaufhaus stöbern kann.

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